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Kein Geld für Derevo und Theaterruine St. Pauli e.V.

Stimmen Kein Geld für Derevo und Theaterruine St. Pauli e.V.

„Derevo“ heißt bekanntlich „Das Bäumchen“, nun soll die Axt angesetzt werden. Treten die gestern veröffentlichten Pläne des Kulturausschusses in Kraft, dürfte es um dieses Tanztheater geschehen sein. Mit Stumpf und Stiel? Künstler und Kulturpolitiker mit ersten Reaktionen.

UA Hellerau

Quelle: Igor Anosov

Dresden. „Der Strom“ heißt die nächste Uraufführung von Derevo, angekündigt für die alljährliche Vorstellungsserie „Zwischen den Zeiten“ Ende Dezember. Die Tänzerinnen und Tänzer um Theatergründer Anton Adassinsky fühlen sich nun allerdings, als würden sie „unter Strom“ stehen oder „gegen die Strömung“ arbeiten müssen, nachdem sie vom Kürzungsbescheid der Stadt Dresden erfahren hatten (DNN berichteten).

Elena Yarovaya, quasi die rechte Hand Adassinskys, zeigt sich denn auch entsetzt: „Wenn die Stadt Dresden die institutionelle Förderung für uns streicht, heißt das vielleicht, dass wir auf der Straße stehen werden. Wir können dann ja nicht mal die Miete für Hellerau bezahlen.“ Vor allem aber stürze dieser Bescheid das Ensemble angesichts der für 2018 schon vorliegenden Pläne gewissermaßen ins Chaos. Als besonders schmerzhaft bezeichnet Yarovaya den Umstand, „dass dies alles ohne unsere Kenntnis und hinter unserem Rücken vonstatten gegangen ist.“

Widerspruch dazu gibt es allerdings von Kulturbürgermeisterin Annekatrin Klepsch (Die Linke): „Wir haben bereits im Januar deutliche Signale gesetzt und Derevo eine Schonfrist gegeben. Die Facharbeitsgruppe sah deutlichen Entwicklungsbedarf, dem ist Derevo in der Antragstellung für 2018 jedoch nicht gefolgt. Deswegen hat die Kulturverwaltung nun so entscheiden müssen.“

Ein sofortiges Aus für das aus Sankt Petersburg stammende Tanztheater, das seit 25 Jahren auch in Dresden zu Hause ist, würde dieser Schritt jedoch nicht bedeuten, erklärt Klepsch auf Anfrage der DNN und verweist auf die bestehende Kooperationsvereinbarung mit dem Europäischen Zentrum der Künste Hellerau.

Intendant Dieter Jaenicke, bekennenderweise „kein großer Fan der künstlerischen Seite von Derevo“, zeigt sich dennoch entsetzt vom Umgang der Stadt mit ihren Kunstschaffenden. „Wir haben Derevo auf Wunsch der Stadt seit Jahren mit einem jährlichen Festbetrag von 50 000 Euro sowie mit etwa 25 000 Euro Techniksupport gefördert. Auch wenn es vor einem Jahr Gespräche gegeben hat, kann man mit einer Company nicht so umgehen, da hängen Existenzen dran, nicht zuletzt auch unsere eigene Vorstellungsplanung, schließlich ist das Ensemble hier im Hause voll integriert.“ Zu keinem Zeitpunkt sei mit ihm über beabsichtigte Kürzung gesprochen worden, so Jaenicke, kein anderer Förderer gehe so mit seinem Haus um und treffe Entscheidungen „völlig ohne Gespräch oder Nachfrage“.

Auch den Vorwurf, Derevo sei zu wenig mit Dresden und zu sehr mit Petersburg verbunden, weist der Intendant zurück: „Das hat man bei Forsythe auch gesagt, der sei Frankfurter. Dabei sind unterschiedliche Standorte solcher Ensembles ganz normal und zudem sehr zukunftsorientiert. Im Fall von Derevo ist das sogar ein Austausch zwischen zwei Partnerstädten!“ Mithin ein höchst wünschenswertes Kulturkonzept, wie Jaenicke resümiert. Der Hauptaspekt seiner Kritik ist allerdings dieser: „Man kann nicht einen Monat vorher sagen, ab Januar gibt es kein Geld mehr. Die Umgangsweise mit Künstlern in dieser Stadt ist erheblich verbesserungswürdig.“

Seine im kommenden Jahr nach Hellerau kommende Amtsnachfolgerin Carena Schlewitt will die Kooperation mit Derevo allerdings nicht fortsetzen. Vor diesem Hintergrund findet auch Christiane Filius-Jehne, in der Stadtratsfraktion Bündnis 90/Die Grünen verantwortlich für Kultur und Tourismus, dass es unbedingt nachvollziehbar sei, wenn sich der Kulturausschuss an den Vorschlägen der Facharbeitsgruppen orientiert. „Mir tut das für Derevo leid, aber wir haben bereits vor einem Jahr die Zuwendung halbiert und angekündigt, wenn es keine stärkere Präsenz in Dresden und eine Öffnung zur hiesigen Tanzszene gebe, wird die weitere Förderung gekündigt. Da kann ein solches Ensemble doch nicht einfach bei dem Motto bleiben, wir machen weiter wie bisher.“

Filius-Jehne verweist auf die finanzielle Situation Dresdens, die es nicht erlaube, dass alle Interessenten der freien Szene entsprechend ihren Wünschen unterstützt würden. „Da entscheiden wir natürlich nach qualitativen Kriterien, auch wenn der Kulturausschuss immer den Schwarzen Peter bekommt. Aber wenn die Vereine ihre Hausaufgaben nicht machen, müssen wir reagieren.“ Derevo werde es allerdings weiterhin geben, „wenn auch nicht in dieser Form wie bisher in Hellerau.“

Zum ebenfalls betroffenen Theaterruine St. Pauli e.V. erklärt Christiane Filius-Jehne, dass seitens der Facharbeitsgruppe für ein Aus von deren Salon Hechtstraße plädiert worden sei. Statt dessen würden für diesen Ort der Stadtteilkultur sowie für den Theaterverein die Zuschüsse um jeweils 10 000 Euro gekürzt. „Wenn der Verein meint, auf dieser Grundlage nicht weitermachen zu können, muss das Ganze für neue Bewerber ausgeschrieben und für den reserviert werden, der das überzeugendste Konzept dafür bietet.“

Nicht von der Hand zu weisen ist ihr Vorwurf, dass zur öffentlichen Kulturausschuss-Sitzung am Dienstag niemand von den betroffenen Institutionen vor Ort gewesen sei. Es gäbe andere Vereine, die seien wesentlich rühriger, gingen auf Vorschläge ein und würden eine Wirksamkeitsanalyse nicht schlicht ignorieren.

Jörg Berger, Vereinsvorsitzender und Künstlerischer Leiter des St. Pauli e.V., sieht die beabsichtigte Kürzung als „Katastrophe für uns, wir müssen sehen, wie wir damit klarkommen.“ Nächste Woche soll es Gespräche mit der Kulturbürgermeisterin und dem Kulturamt geben. Wäre zu fragen, warum nicht schon eher? Weil die Theaterruine im Winterschlaf liegt? Jörg Berger meint, „diese Entwicklung stellt alles in Frage. Wir haben schon viele Krisen überstanden, aber irgendwann ist die Luft weg zum Atmen.“ Er gehe jedoch davon aus, dass der Verein seit seiner Gründung 1999 soziales Engagement, Bürgernähe und Volkstheater bewiesen habe.

Von Michael Ernst

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