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Kanchelis Komposition "Ilori" von der Philharmonie in Dresden aufgeführt

Kanchelis Komposition "Ilori" von der Philharmonie in Dresden aufgeführt

Der Vorabend zum vorletzten Sonntag des Kirchenjahres, der auch als Volkstrauertag begangen wird, bildete den Rahmen für ein Sonderkonzert der Dresdner Philharmonie in der Frauenkirche, die zu diesem Anlass den Zuhörern ein ernstes und anspruchsvolles Programm anbot.

Möglicherweise wäre der Zugang erleichtert worden, wenn die Auswahl auf vokale Requiem-Vertonungen gefallen wäre, doch es wurden rein instrumentale Werke vorgestellt, die sich aber ebenso bewegend und wirkungsvoll aufgrund ihrer direkten Ansprache und Affekte entfalteten.

Nur auf das Eingangswerk des Abends traf dies nicht zu, denn ein Orgelwerk von Bach, durch die Brille von Max Reger betrachtet und für Streicher bearbeitet und nunmehr im 21. Jahrhundert aufgeführt, kann nur eine Schieflage erzeugen, über die man nicht einfach hinweghören kann. Warum hat man sich nicht zur originalen Orgel-Wiedergabe des Chorals "O Mensch, bewein dein Sünde groß" entschlossen? Damit wäre nicht nur der verfälschende Schmelz der Interpretation vermieden worden, der plötzliche Anschluss an Benjamin Brittens "Sinfonia da Requiem" hätte eine authentischere Aufnahme der künstlerischen Auseinandersetzung mit Leid und Tod in verschiedenen Epochen ermöglicht.

Obwohl Brittens 1941 entstandenes, instrumentales Requiem als visionäres Meisterwerk gilt und sicher eines der packendsten sinfonischen Werke des Komponisten ist, kann man in der Frauenkirche nur von der bestmöglichen Interpretation sprechen, denn der Raum ist für das Stück schlicht ungeeignet. Zudem verschlimmerte die Einpferchung der für dieses Werk benötigten großen Besetzung in den Altarraum die Probleme: Die enorme Wucht des marschartigen Zuges im 1. Satz verwässerte, und die absurd-surrealen Zuckungen des "Dies Irae"-Mittelsatzes waren kaum ausbalancierbar. Somit blieb unter der Ägide des Gastdirigenten Dennis Russell Davies ausgerechnet der harmonisch versöhnlichere 3. Satz als merkwürdiges Schwelgen im Raum und damit in der Erinnerung hängen. Trotzdem waren die Bemühungen der Philharmoniker um einen transparenten Klang und eine kompromissfähige Dynamik immer spürbar.

Nach einer kurzen Umbaupause folgte erneut Johann Sebastian Bach - die drei Contrapuncti aus der "Kunst der Fuge" waren sehr geeignet zur Verinnerlichung, fast möchte man sagen zu einer Art inneren Reinigung. Hier machte die Bearbeitung schon aufgrund der von Bach nicht eindeutig bestimmten Instrumente weniger Sorgen, wenngleich sich das ungeübte Ohr zunächst an den Klang von vier Saxophonen gewöhnen muss: Das in aller Welt gerühmte Raschèr Saxophon Quartet war zu Gast und gestaltete die drei Fugen mit der großen Bandbreite ihrer in langen Jahren vervollkommneten Ausdrucksmöglichkeiten - letzlich wirkten die Verschlingungen der Stimmen oft wie ein einziges, faszinierend geführtes Instrument. Dieses Ensemble funktioniert nur im beständigen Miteinander, und im Zuhören und Nuancieren liegen auch die großen Stärken der Raschèrs.

Das zeigte sich auch im Abschlusswerk des Abends, das zu einem bewegenden Höhepunkt geriet: Für das Raschèr Saxophon Quartet hatte der georgische Komponist Gija Kancheli (*1935) ein Konzert namens "Ilori" geschrieben, das drei Tage nach seiner Uraufführung in Basel nun die deutsche Erstaufführung erlebte. "Ilori" (ein Dorf in der Autonomen Republik Abchasien) ist die künstlerische Reaktion des Komponisten auf die kaum mehr im Westen wahrgenommene Unruhe in seinem Heimatland, in der verschiedene Volksstämme und Regierungen seit Jahrzehnten um Land und Macht, aber auch Frieden und Unabhängigkeit vor allem von Russland kämpfen. Der in Belgien lebende Komponist lässt in seinen Werken auf tief anrührende Weise die Sehnsucht nach diesem (imaginären?) Frieden erklingen und besinnt sich dabei auf eine Art "zukünftiger Erinnerungsmusik". Immer wieder sind dies in "Ilori" nur kleine, plötzlich erscheinende und wieder vergehende Mosaiksteinchen von einer Melodie, einem tonalen Klang, einer Harmonie, die zerbrechlich ist wie Porzellan. Trotzdem: Eine grundlegende Sanftheit ist in diesem Werk viel stärker als in früheren Kompositionen Kanchelis ausgebreitet. Die Saxophone werden nur im letzten Drittel als individuelle, "menschliche" Stimmen behandelt und reihen sich ansonsten als unverzichtbare Farbe in das auch von der Solovioline (Ralf-Carsten Brömsel), Klavier und Schlagwerk bestimmten Werk ein. Gija Kancheli selbst nahm nach der Aufführung, deren Spannungspotenzial vor allem zeitlicher Abläufe von Davies hätte noch mehr ausgereizt werden können, den großen Applaus des Publikums entgegen.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 14.11.2011

Alexander Keuk

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