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Regional Jürgen Schieferdecker wird 80
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22:00 22.11.2017
Jürgen Schieferdecker im Atelier Quelle: privat
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Dresden

Jürgen Schieferdecker – Maler, Grafiker, Architekt, reger Kulturarbeiter, Lehrender – kann heute, an seinem 80. Geburtstag, auf eine beeindruckende Lebensleistung zurückblicken. Nach einem mehrjährigen „Ausflug“ ins freie Architektenleben war er 1975 an seine Studienstätte, die TU Dresden, zurückgekehrt, wo er über Jahrzehnte als Lehrender (1993 bis 2003 als Professor) an der Fakultät für Architektur wirkte. Zudem war er Sekretär des Künstlerischen Beirats der TU (später wurde er dessen Vorsitzender) und setzte sich mittels dieses Gremiums beispielsweise maßgeblich für die 1984 realisierte Aufstellung der Stahlplastik Hermann Glöckners an der Neuen Mensa ein. Ab den frühen 1990er Jahren war er unter anderem in der Stiftung Kulturfonds Berlin sowie ab 2001 als Kultursenator des Freistaates Sachsen tätig. Auch hob er den Künstlerbund Dresden mit aus der Taufe, wirkte von 1994 bis 2016 als dessen geschätzter Vorsitzender.

In erster Linie aber ist Schieferdecker ein seit Jahrzehnten anerkannter Künstler. Auf einen Architekturpreis für den Görlitzer Vogtshof (im Kollektiv) 1975, folgten bald Ehrungen im Rahmen der „100 ausgewählte Grafiken der DDR“ sowie bei Grafikwettbewerben (unter anderem Frechen, Krakow, Lublin/Majdanek). Entscheidend für den internationalen Durchbruch und zugleich fortan ein gewisser Schutzfaktor für das Mitglied des Künstlerverbandes der DDR (seit 1977) – nicht unnötig bei künstlerischen Positionierungen zu „heißen“ Themen wie Umweltzerstörung („Mönchguter Reflexionen“,1979) – war der Preis des Museums of Modern Art Tokyo für das Blatt „Beuys macht Licht“ (1979).

1983 dann wurde Schieferdeckers bis dahin vorliegendes grafisches Werk in das Kupferstich-Kabinett der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden aufgenommen. Seine Geburtsstadt Meerane wiederum nennt dank Schenkung das malerische Frühwerk ihr Eigen, darunter das noch von Altmeister Josef Hegenbarth für gut befundene Gemälde „Zirkus“ (1959). Die Galerie Neue Meister besitzt unter anderem die Assemblage „Dresdner Menetekel“ (1983). Auch im Kunstfonds des Freistaates, im Zeitgeschichtlichen Forum Leipzig, im Haus der Geschichte in Berlin sowie in den Kunstmuseen von Cottbus, Chemnitz und Freital befinden sich wichtige Werkgruppen. Im TU-Gelände hat zudem „Die Heimkehr des Elephanten Celebes (für Max Ernst)“ – ein Beispiel für plastische Arbeiten des Künstlers – ihren Standort.

Für Baruch Spinoza Quelle: Jürgen Schieferdecker

Natürlich fragt man sich, was Schieferdecker „trägt“, ihn auch mit einer über den Wechsel der Systeme hinweg anhaltenden Kritikfähigkeit ausstattet. Als geistige Basis nennt er vor allem Ernst Blochs Verantwortungsethik. Diese für sich wahrgenommene Bedeutung fand etwa Niederschlag in zwei, dem Philosophen 1966/67 und 1976 gewidmeten Bildern, die dessen Vertreibung aus der DDR, aber auch dessen utopiehaltiges „Prinzip Hoffnung“ auf eine bessere Welt thematisieren. Aus diesem geistigen Anspruch, in dem ebenso Denker von Spinoza bis Marx Spuren hinterließen, erwächst Schieferdeckers – aktuell eher seltenes – Mantra: „Ich bin nun mal ein politischer Künstler!“

Ein wichtiger Meilenstein für sein Schaffen wurde während des Studiums unter der Obhut Georg Nerlichs gesetzt. Schieferdecker orientierte sich an der Klassischen Moderne, besonders Max Beckmann, aber auch verschiedenen Franzosen. Später entdeckte er den Surrealismus, der ihm den Weg zu hintersinnigen Verschlüsselungen eröffnete, wenngleich Bilder, wie die oben genannten, zu DDR-Zeiten kaum die Öffentlichkeit erreichen konnten. Und auch die „Helden“ dieser Inspiration, besonders Max Ernst, Salvatore Dalí, Joan Miró, Pablo Picasso, sind erst später direkt im Werk präsent – besonders in den oft spielerischen grafischen Blättern seiner „Iberische(n) Suite(n)“.

Die Grafik war in den frühen 1970er Jahren zunehmend in den Mittelpunkt des Schaffens gerückt, vielleicht wegen ihrer Wirkungsmöglichkeiten, eventuell auch, weil die Zeit zur künstlerischen Arbeit für den Universitätsangestellten lange knapp bemessen war. Surrealer Hintersinn, „doppelter“ Boden und Überhöhung beleben aber von Beginn an auch die Grafik, in der er zunehmend innovativ verschiedene Techniken kombinierte, Siebdruck, fotografische Vorlagen sowie Schrift einbezog, Bildelemente collagierte. „Vorbilder“ fand er bei Schwitters, ebenso in der Montagekunst eines John Heartfield sowie in der Pop Art, die Wellen – man denke an Willy Wolff – bis Dresden sendete.

Die exzellente Anwendung der Mittel ist dabei ohne Botschaft nicht zu denken, so in der seit den 1960er Jahren ausgetragenen Auseinandersetzung mit Rassismus, Totalitarismus, Extremismus, Faschismus/Neofaschismus und Krieg. Arbeiten wie „Menetekel ’66, die Sünde wider den Geist“ (1966/67) oder „Minotauros ’66“ wandten sich gegen die wieder in Erscheinung tretenden alten und neuen Nazis in der Bundesrepublik, thematisierten zudem die Verbrechen des Hitlerfaschismus. Seit den 1990er Jahren erhielt die Auseinandersetzung mit Neonazis und Rassisten erneut Relevanz. Außer mit grafischen Blättern reagierte Schieferdecker verstärkt mit Installationen, Objekten und Assemblagen. Erinnert sei an Werke wie „Mosambikaner auf Dresdner Art (in memoriam Jorge Gomondai)“ von 1993, das „Möllner Brett“ (1996) oder die Blattfolgen und Objektbilder zum Mord an Marwa El Sherbini im Dresdner Landgericht.

Gleichermaßen beschäftigte den Künstler der „reale Sozialismus“. Für damalige Zeitumstände ausgesprochen provokant ist das 1967, im 50. Jubiläumsjahr der Oktoberrevolution, entstandene Gemälde „Suliko oder der Diktator am Abend (eine kleine Nachtmusik)“, in dessen Zentrum ein löwenköpfiges Wesen inmitten von Knochen sowie Blut schwitzenden Palastmauern vor sich hin jubiliert. Dass „Suliko“ das Lieblingslied Stalins war, sollte man dazu wissen. Anders, still – sein „Prager Sommer ’68“ zeigt Menschen im Regen – kommentierte der Künstler die gewaltsame Beendigung des Versuchs eines „demokratischen Sozialismus“. Ebenso still sind frühe bedrückende Küstenlandschaften, die nicht zuletzt das Lebensgefühl nach Errichtung der Berliner Mauer ausdrücken. Einschneidende Erfahrungen dieser Zeit verbinden sich mit neuen, werden zu einer „Schwer verdauliche(n) Suppe“ (2014) oder schlagen sich in Collagen unter dem Titel „GULAG“ (2013) nieder, die Linien zu Terror jeglicher Couleur ziehen. Viele der jüngeren Arbeiten spiegeln neue Unwägbarkeiten und Unsicherheiten, eine der jüngsten das Attentat auf „Charlie Hebdo“ (2015).

Jürgen Schieferdecker, der 1945 acht Jahre war und dessen Vater 1946 in der Kriegsgefangenschaft starb, geht es immer wieder auch darum, Zeichen der Besinnung auf humane und zivilisatorische Werte zu setzen – mit hohem intellektuellem Anspruch, oft mit feiner Ironie oder auch Sarkasmus, etwa bezüglich „Treuer Hände“, wenn nötig, mit tiefem Ernst und über Jahrzehnte mit exzellenten künstlerischen Mitteln.

Ausstellungen aus Anlass des 80. Geburtstages:

„Iberische Suite II“, Künstlerbund Dresden e.V., Pulsnitzer Str. 6, geöffnet Di, Do 9.30-13 und 14-17 Uhr

„Schlüsselerlebnisse“, 23. November 2017 – 31. Januar 2018, Eröffnung, heute, 23. November, 19.30 Uhr, Rahmen & Bild, Maria Arlt, Bautzner Landstraße 28, geöffnet Di-Fr 10-13 und 15-18, Do bis 19 Uhr

Von Lisa Werner-Art

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