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Regional Jürgen Mais Olsenbande bei den Freudensteiner Sommernächten
Nachrichten Kultur Regional Jürgen Mais Olsenbande bei den Freudensteiner Sommernächten
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18:13 09.08.2017
Die Olsenbande agiert im Freiberger Schlosshof planvoll, aber eurolos: Andreas Pannach, Johann-Christof Laubisch und Andreas Kunzick (v.l.). Quelle: Wieland Josch/Mittelsächsisches Theater

Schauspiel auf dem Freiberger Schlosshof ist eine recht junge Angelegenheit. Mit „Ich, Grete Beier, Mörderin“, einer Uraufführung aus der Feder von Katrin Lange und in Regie von Steffen Pietsch, startete das Mittelsächsische Theater Ende August 2008 und gedachte der vorerst letzten öffentlichen Hinrichtung in Sachsen als Teil der Stadtgeschichte.

Knapp neun Jahre später ist der Hof vom sanierten Freudenstein, bis kurz vor der Wende noch Getreidespeicher, ausverkauft und zur Premiere dreimal so gut besucht wie damals. Auch Wetter wie Laune geraten bestens, denn es wird Peter Dehlers Gaunerkomödie „Die Olsenbande dreht durch“ nach den Filmskripten von Erik Balling und Henning Bahs gegeben. Also jene Fassung, die genau elf Jahre plus einen Tag vor jener „Grete Beier“ in Cottbus unter Regie des Autors uraufgeführt wurde, dann ganz schnell zum Osterfolg schlechthin avancierte und innerhalb von drei Jahren gen Rostock, Plauen, Stendal, Bautzen, Schwedt, Dessau schwappte, um danach die Dresdner Komödie (per Zwingertrio), im Juni 2000 auch Freiberg und im Juli 2011 dann Chemnitz zu erfassen.

Nicht nur die Cottbusser Erstversion geriet immer ausverkauft, sondern auch alle 133 Vorstellungen in Bautzen, wobei Lutz „Benny“ Hillmann zum Volkstheater-Intendanten reifte, wogegen der Plauener Benny alias Stefan Wolfram heute sein Oberspielleiter ist. Der Cottbusser Ur-Jensen hieß übrigens Dirk Glodde und ist in Dresden wie Chemnitz gut bekannt. Freibergs neue Version vertraut nun nicht mehr nur Dehlers Deutsch, sondern beruht auf einer Neufassung von Clemens Wolkmann. Dieser hat schon „Spuk unterm Riesenrad“ auf heutige BRD-Bedürfnisse eingepresst und schreibt rezept- bis gottfreie Werke wie „Herr Doktor, die Kanüle klemmt“ oder „Herr Pastor, ihre Kutte rutscht“. Insofern gerät, nachdem Benny und Kjeld mit dem Chevrolet (hier ein helles Cabrio) ihren Bandenchef Egon Olsen vom Knast abholen, Etliches im Tonfall außerordentlich vulgär, während die thematischen Aktualisierungen durchaus funktionieren: Die Geschichte ist eine Art Best-of-Version der 13 Ur-Filme aus den Jahren 1968 bis 1981, bei dem der Einbruch in die Ehrenloge des königlichen Theaters rings um die Ouvertüre von Kuhlaus „Elfenhügel“ mit hysterischem Yvonne-Schrei plus Ohnmacht als Höhepunkt im Jahr 1999 verortet wird.

Denn auch die guten Dänen sollen von gewissenlosen Politikern und Geschäftemachern in den Euro überführt werden, was Großgaunern neue Geschäftsmodelle in Milliardenhöhe bescheren würde – der rote Koffer von Bang Johansen enthält belastende Unterlagen, die keiner kennen darf, weil es sie eigentlich nicht gibt – diese sind erst 20, später gar 70 Millionen Kronen (nicht Euro!) wert.

Der Rest ist Gemeingut, der Coup gelingt und endet auf Urlaubsreise gen Mallorca – in Regie von Jürgen Mai und auf einer überaus witzigen Drehbühne von Ausstatterin Marlit Mosler entspinnt sich die Komödie, bei der Johann-Christof Laubisch als junger Benny, etwas kleiner als seine erfahrenen Kollegen Andreas „Egon“ Pannach und Andreas „Kjeld“ Kunzick geraten, energisch dagegen anhüpft und rasch Paroli bietet. Auch Susanna Voß ist als Yvonne leicht frischer bis frivoler besetzt als gewohnt, was Egon zu einem enorm energetischen Lustanfall animiert.

Die zweite gute Idee – ganz ohne technischen Schnickschnack zelebriert – ist der Einbau einer kommentierenden Nachrichtenebene, die rings um das Fußball-EM-Quali-Spiel gegen Ungarn, das dank einer großen Schlussviertelstunde 14:2 (0:2) endet, eine geschickte Einordnung des Geschehens rings um den Dokumentenkrimi unter den Augen der kleinen Meerjungfrau liefert. Conny Grotsch läuft als Anchorwoman des ersten Kanals zur komödiantischen Hochform auf.

Aufgrund einer durchaus fluffigen zweiten Hälfte, die fast frei von untypischen wie unnützen Vulgaritäten daherkommt, ist es nur schade, dass Mai den Abend zum Schluss recht abrupt in einer Malle-Mitklatsch-Orgie enden lässt und somit der ehrliche, weil messbare Applaus des Publikums erst später erfolgen kann und so nicht mehr so üppig wie verdient ausfällt.

Wolf-Dieter Lingk, nach dem Studium in den frühen Siebzigern am Dresdner Staatsschauspiel engagiert, bevor er die Christoph-Schroth-Ären in Schwerin und Cottbus über 32 Jahre auskostete und nebenher acht Mal „Polizeiruf 110“ und einmal Tatort in der Filmographie, die vor 25 Jahren endete, stehen hat, ist eine ebenso überraschende Gastbesetzung als Kommissar Jensen wie der gebürtige Dresdner Konrad Domann als ein recht aufrecht-gerissener Bang Johansen und der Ur-Freiberger Martin Trippensee als durchaus souveräner Assistent Holm. Jürgen Mai könnte vor der Döbelner Premiere am 9. September die Indoor-Variante vielleicht noch ein wenig straffen, auch um dem überlieferten und gewohnten Duktus nicht allzu sehr zu schaden. Anregungen zu dessen Heiligkeit liefert das dicke, aber storyfreie Programmheft mittels eines achtseitigen Essays als „Liebeserklärung“ von Uwe Tellkamp, der in Erinnerung an seine Kinderzeit in den Bühlauer Park-Lichtspielen den Filmschöpfern neben abstrakter sozialer Feinfühligkeit auch konkrete Zauberkraft attestiert.

Die lokalen Freilufttheaterfans werden vielleicht auf den kargen, aber gelungenen Start mit einer fulminanten Julia Klawonn in der Hauptrolle zurückblicken – und sich der Verbliebenen erfreuen: Michael Berger, damals harter Staatsanwalt, heute in gelungener Doppelrolle als dummes Schwein namens Victor und Dynamitharry, sowie Conny Crotsch und Andreas Pannach als moralisch zweifelhaftes Bürgermeisterpaar.

Die Freiberger Sommernächte auf Schloss Freudenstein, einst unter Mitwirkung von Ex-Intendant Manuel Schöbel als „Schlossfestspiele“ anno 2008 gestartet, bieten bis 20. August noch Freiluft-Olsenbandentreffs und neben Filmen und Partys auch Konzerte: So am 19. August die Chöre der Stadt bei „Freiberg singt“, am 24. August den Dresdner Kreuzchor und am 27. August Heinz Rudolf Kunze als Solist mit Gitarre und Piano.

„Die Olsenbande dreht durch“: Schlosshof Freiberg heute, am 11. sowie 18. August (je 20 Uhr), am 17. August (10 Uhr) und 20. August (17 Uhr). Premiere im Theater Döbeln am 9. September (19.30 Uhr).

www.mittelsaechsisches-theater.de

Von Andreas Herrmann

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