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Jörg Bernigs „in untergegangenen reichen“ im Kultur-Haus Loschwitz Dresden

Himmlisches Zwielicht über Schneeblau Jörg Bernigs „in untergegangenen reichen“ im Kultur-Haus Loschwitz Dresden

Seit seiner Kamenzer Rede 2016 haben viele Jörg Bernig als Kritiker an der Flüchtlingspolitik der Bundesregierung wahrgenommen. In seinem neuen Gedichtband „in untergegangenen reichen“ beweist der in Radebeul lebende Autor sich nun wieder als großartiger Poet.

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Jörg Bernig: „in untergegangenen reichen“

Quelle: Cover

Dresden. Seit seiner Kamenzer Rede im September 2016 ist Jörg Bernig vor allem als scharfer Kritiker der Bundesregierung und ihrer Flüchtlingspolitik wahrgenommen worden. Was ihm einerseits viel Aufmerksamkeit eingetragen hat, andererseits harte Angriffe. Im Kultur-Haus Loschwitz, wo es so voll war, dass einige Zuhörer stehen mussten, hat er jetzt erstmals seinen neuen Gedichtband „in untergegangenen reichen“ vorgestellt. Und damit zeigt sich der 1964 in Wurzen geborene, heute in Radebeul lebende Autor endlich wieder in seiner eigentlichen Stärke: als großartiger Poet.

Aus der lärmenden Fülle unserer Gegenwart nimmt er uns mit in eine Gegenwelt voll innerer Ruhe. Diese Verse zeigen uns die wahre Fülle des Lebens: eine große Natur, die sich an den Rändern der Großstadt ereignet. Man brauchte nur an einem noch dunklen Wintermorgen im zeitigen Jahr das Fenster zu öffnen, vielleicht könnte man sehen, was der Dichter am 6. Januar 2010 wahrnahm: „zwielicht zum epiphaniastag / schneeblau und schweigend die stunde“.

In diesen Versen können wir erfahren, wie ein Tagesbeginn zur „erscheinung“ wird. So lautet der Titel eines der gelungensten unter den vielen wunderbaren Gedichten dieses Bandes.

Den religiösen Festtag der „Erscheinung des Herrn“, am ehesten noch in der volkstümlichen Bezeichnung „Dreikönigstag“ gegenwärtig, erleben wir als großes Fest der Natur. Mit den christlichen Zeichen können die meisten nichts mehr anfangen, leergeräumt scheint unser Himmel. Und doch, Krähen – welche Verkünder! – scheinen um etwas zu wissen, das wir verloren haben, scheinen es einander zuzurufen: Da ist etwas, es ereignet sich. Was, bleibt offen.

Dass Jörg Bernig die Bedeutung christlicher Begriffe kennt, beweist er nicht nur hier, sondern an vielen Stellen. Aber er deutet sie in einem darüber hinausgehenden Sinn. Worauf es ankommt, ist feinstes Wahrnehmungsvermögen. Und das ist an kein religiöses Bekenntnis gebunden.

Säkularer Verlust aller Tradition, zugleich unsere Sehnsucht nach etwas Größerem, in solch prägnanten Wortbildern, in solch gekonnten Reimen – umschließende Reime in diesem Fall – findet man das selten gesagt.

Wer einen Sinn dafür hat, wie Naturvorgänge zu großen Ereignissen werden, wird sich in diesen Gedichten nicht nur wiederfinden, er wird bereichert. Dieser Dichter entdeckt die Fülle der Natur, wenn er sich nur achtsam umschaut: Schwalben, Reiher, Katze, Fuchs, Schmetterlinge, Efeu, Weiden, Linden, Rainfarn, Pfingstrosen, Fuchsien oder Cosmea.

In seinen Gleichnissen für das Leben in der Moderne kommt er mit wenigen Elementen aus, die einem aus der dichterischen Tradition vertraut sind: Meer, Küste, Wolken etwa. Wir sehen uns darin als Einzelne in einem größeren Zusammenhang, ganz markant in „und nun du großer himmel“: „wir stehen / dunkle gestalten auf nächtlichem schneefeld“, der Blick geht hoch hinauf zu den Sternbildern. Solche Zeilen erinnern uns, wie klein wir im Angesicht dessen sind, sie tragen uns Demut an, sind eine Absage an menschlichen Allmachtsglauben, mit dem die Welt rücksichtslos in nebensächliche Waren verwandelt und konsumiert wird.

Hier spricht ein an Lebenserfahrung Gereifter. Die Zeit des Durchhastens der Tage liegt hinter ihm, nun nimmt er das Vergehen der Zeit intensiver wahr, den Wechsel der Jahreszeiten. Es ist viel Herbststimmung in diesen Versen. Die Wahrnehmung geschieht oft in einem außergewöhnlichen Moment, der an mystisches Erleben erinnert: In einer Sekunde meint er alles zu begreifen.

Dazu braucht es die Fähigkeit, staunen zu können über das Wunderbare in seiner Umgebung. Wie in der Kindheit – eines jener untergegangenen Reiche, von denen in dem Band die Rede ist.

Ein anderes ist das der österreichisch-ungarischen kaiserlich und königlichen (k.u.k.) Monarchie, für den Dichter heute ein Mitteleuropa mit Historie und deutlichem Blick Richtung Südosten. Das ist seine weitere Heimat. Mit tschechischem Humor spricht er von sich als „matrose der ruhmreichen böhmischen flotte“ und bekennt: „ich komme aus riesengebirgen / pannonischen weiten und böhmischen wäldern / flußwelten und adriastädtchen“.

Von Tomas Gärtner

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