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Jochen Fiedler als Zeichner - Porträts und Landschaftspastelle des 50-Jährigen bei Rahmen & Bild in Dresden

Jochen Fiedler als Zeichner - Porträts und Landschaftspastelle des 50-Jährigen bei Rahmen & Bild in Dresden

Wenn ich die reichlich zwei Jahrzehnte gemeinsamer Galeriearbeit mit Maria und Günter Arlt vor meinem inneren Auge Revue passieren lasse, fällt mir auf, dass Jochen Fiedler heuer zum dritten Male eine Werkauswahl zeigen darf und damit ein Alleinstellungsmerkmal erhält.

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Jochen Fiedler. Porträt Diether Schmidt. Kohlezeichnung. 2011. 54 mal 49 Zentimeter.

Quelle: Repro: Jürgen Schieferdecker

Sieht man von mir selbst ab, der - vorzugsweise zu Jubiläumsterminen der Galerie gebeten - wohl noch öfter "dran" war - an der Quelle saß der Knabe-

Im vorliegenden Falle bietet sich aber die glückliche Chance, die Entfaltung seiner speziellen Begabung im Zehnjahres-Abstand erleben zu können. In der ersten Ausstellung dieser glücklichen Kombination von kunstbezogener Dienstleistung und Präsentation bildender Künste anno 1991 war Fiedler nach seiner Meisterschüler-Zulage gerade der Akademie entronnen, was angesichts so guter Lehrer wie Gerhard Kettner, Hubertus Giebe und Johannes Heisig vielleicht zu harsch ausgedrückt ist. Zumal, wenn man die gegenwärtige Situation kritisch beäugt. Jochen Fiedler musste sich aber schon aus Familiengründen schnell ins freie Künstlerleben stürzen.

Die Arbeiten der 91er Schau, vornehmlich Kohle- und Kreidezeichnungen, Pastelle und das Ölbild "Stillleben mit Puppe", das uns kürzlich bei der Werkauswahl im Atelier, also 20 Jahre später, wiederum stark beeindruckte, zeigten eine Beruhigung gegenüber der Expressivität der späten Akademiejahre, die ich damals als Verkürzung seines Potentials rügte. Aus heutiger Sicht war das aber ein Schritt in Richtung auf das, was Jochen Fiedler mittlerweile charakterisiert und weithin bekannt gemacht hat: Mit unverstelltem Blick und einer ins Gelingen verliebten Weltsicht Dinge, Land und Leute neu zu sehen und ins Bild zu bringen. Er ist zwar als Erbe der Themenfelder von Theodor Rosenhauer, Paul Wilhelm oder des immer noch krass unterbewerteten, großartigen Otto Altenkirch, beim Aquarell bisweilen gar Curt Querner, ein Fortsetzer der "Dresdner Schule", deren klassischen Dunst er aber mit der Frische von Kolorit und Faktur gottlob zumeist durchbricht. Fiedlers Aquarelle, in diesem Hause 2001/2002 vorgestellt, waren in diesem Sinne eine weitere Wegmarke.

Neben Stadtbild und Landschaft, vor der Wende hauptsächlich der Dresdner Region, kurz darauf auch die weitere Welt mit Frankreich und Italien als Favoriten, waren Figur und Porträt, in den 80er Jahren zeitweilig sogar dominierend, jederzeit wichtige Bildgegenstände für den Künstler. Stoff genug bot allein schon seine 1985 mit Runhild Nikulski gegründete Familie - man denke an das exzellente Familienbild von 1987, das die Hochschule für Bildende Künste gleich einbehielt.

Wenn bei Maria Arlt derzeit vor allem Porträtzeichnungen zu sehen sind, dann einerseits natürlich ihrer bemerkenswerten Qualität willen, zum anderen aber der Einsicht halber, dass man heute schon ins Grübeln kommt, wenn man nach jemandem sucht, der das überhaupt noch kann. Als TU-Ehrenamtler ist mir dieses Problem bewusst geworden, als wir im Frühjahr an der Kustodie erwogen, wer denn mit dem Bildnis des letzten Rektors unsere Ahnengalerie fortsetzen könnte. Wir fanden zwar eine glückliche Lösung, aber generell darf man dabei gar nicht an die fünfziger Jahre des vergangenen Säkulums denken, als eine Phalanx von Spezialisten für derlei Aufträge fast abwartend zur Auswahl stand.

Wenn ich mich hier aus diesem Grunde auf die Porträtzeichnung kapriziere, diskreditiert das also nicht die feingestimmten Pastelle unmittelbar umgebender Stadtlandschaften, die über deren Erscheinung hinaus die Seele der Orte klingen lassen und das ohne Wildheit mit Furor hingesetzte große Stillleben in Öl, das gerade durch seine Einfachheit - Kürbis und Zwiebelzopf - besticht.

Ich möchte mich bei den Zeichnungen nur auf ein einziges Blatt konzentrieren: Das Bildnis Diether Schmidts, das Jochen Fiedler kurz vorm Lebensende des offensivsten Kunstkritikers der Dresdner Szene einschließlich umliegender Ortschaften zwischen Erzgebirge und Ostsee im Vorjahre in Schmidts Berliner Wohnung zeichnete. Ich kannte den Dargestellten seit 1973, als er meiner ersten wichtigen Vernissage im Ahrenshooper Kunstkaten vornehmlich durch einige seiner geistigen Zündladungen zu einem Skandalerfolg erster Güte verholfen hat, was - sofern die Bilder hängen bleiben dürfen - das Beste ist, was einem jungen Künstler passieren kann. Diether Schmidt ist das damals nicht so gut bekommen-

Dieser Mann, der sich bei Eröffnungen ohne jeden Hilfskassiber dreiviertelstündige druckreife Reden aus dem Kopf fallen lassen konnte, stand durch Wahrheitswut und Naturell in finsteren Zeitläufen gewissermaßen ständig auf dem Hochseil, provozierte - auch aus Bekennermut selbst verursachte - Abstürze hat er mehrfach ohne Genickbruch überlebt. Als ich ihn kennenlernte, vor fast 40 Jahren damals in der Holbeinstraße, brachte seine Frau Ulrike von Zeit zu Zeit eine Handvoll bunter Kügelchen zu ihm und unterbrach damit kurzfristig den Dauerraucher.

Sieht man von solchen Details ab, ist dieser Wahnsinn Leben aus Fiedlers Kreidezeichnung zu lesen. Der greise Diether Schmidt hat nach alldem sein großes Gesicht behalten; Würde geht von ihm aus, die jeder verinnerlicht hat, der ihn kennen durfte.

Dieses Bildnis ist für mich nicht nur einer der Höhepunkte auf Jochen Fiedlers Gradus ad Parnassum, es ist schlicht und einfach große Kunst, Kunst auf gesichertem Grund, wozu man dem Künstler, der sich damit selbst den Maßstab setzt, nur gratulieren kann. Auf seine Annalen verzichte ich hier aus Zeit- und Platzgründen.

Nur soviel noch: Jochen Fiedler ist ein erfolgreicher Vorkämpfer auch für die gesellschaftliche Anerkennung der Bildkünstler, deren materielle Seite oft und gern übersehen wird. Er geht so konform mit langjährigen engagierten Anstrengungen des Künstlerbundes Dresden. Denn von guten Worten allein kann kein Künstler Leben, schon gar nicht zu siebt!

bis 28. Februar, Rahmen & Bild Maria Arlt, Bautzner Landstraße 28, Di-Fr 10-13 und 15-18 Uhr, Do 15-19 Uhr

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 06.02.2013

Jürgen Schieferdecker

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