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Jochen Distelmeyer verblüfft noch immer – auch in der Groove Station Dresden

Konzert Jochen Distelmeyer verblüfft noch immer – auch in der Groove Station Dresden

Er gibt immer noch den Takt vor, metaphorische gesprochen, obwohl sein Bandprojekt Blumfeld schon längst Geschichte ist. Doch Jochen Distelmeyer setzte nicht nur in Sachen Hamburger Schule einst Akzente, sondern überrascht aktuell mit einem Cover-Album.

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Jochen Distelmeyer

Quelle: Anja Schneider

Dresden. Eine Gitarre, gute Einfälle vom Keyboard und keine Schranken im Kopf, das sind die Rahmenbedingungen, die seine Musik so unverwechselbar erscheinen lassen. Jochen Distelmeyer war einst der Kopf und die Stimme von Blumfeld. Gemeinsam mit seiner Band hat er Anfang der 1990er Jahre die Hörgewohnheiten auf den Kopf gestellt. Blumfeld waren Kunst und leicht, sie verbanden Aussage und Popmusik, zeigten die „Unmöglichkeit ‚Nein’ zu sagen, ohne sich umzubringen“, und sie waren vielleicht der Pol, um den sich die Hamburger Schule organisierte. Mit viel Enthusiasmus und Überzeugung gingen Blumfeld einen bis dahin unbekannten Weg in der Musik und texteten „Eine eigene Geschichte“, erklärten das „Ich – wie es wirklich war“ und forderten auf „Laß uns nicht von Sex reden“. Eine Offenheit und ein Nachdruck im Songverständnis, das bis dahin niemand kannte.

Viele Bands begaben sich aus freien Stücken in dieses Fahrwasser und feierten große Erfolge. Kettcar, Tomte, Klee, Virginia Jetzt!, Wir sind Helden – all diese Gruppen sind im Umfeld der Hamburger Schule entstanden. Wie die Namen bereits signalisieren, sind die gemeinsamen Nenner kleiner geworden. Manchen ist diese Entwicklung zu schnell gegangen, manche empfanden dabei eine schmerzhafte Niveaukorrektur, und die Folge: Einige Schulbegründer gingen auf Distanz zu ihrer eigenen Konzeption, die Hamburger Schule hatte sich verselbständigt. Was aber bis heute von dieser Zeit in Erinnerung geblieben ist, das ist die Stimme von Jochen Distelmeyer, sind die abwegigen Texte und die aufwändigen Gedankenspiele, die sich gut in Musik gießen lassen.

Ausgerechnet Distelmeyer, der die Interpretation der Texte kultivierte, der quasi mit jedem Song Gedankenfutter anbot, hat jetzt ein Album mit zwölf Coverversionen anderer Interpreten auf den Markt gebracht und „Songs from the Bottom Vol.1“ genannt. Darunter „Toxic“ von Britney Spears und Lana del Reys „Video Games“. Sicherlich, mit diesen Vorgaben entsteht beim potenziellen Konsumenten ein fest definiertes Erwartungsbild, aber falsch. Jochen Distelmeyer interpretiert diese Lieder mit viel individuellem Charme und verbindet den reinen Popanflug auf dieser Platte mit einer gefälligen Dosis Tiefgang, in dem er Kris Kristofferson mit „This old road“ und die „Bitter sweet symphony“ einwebt – wirklich gelungen und genau in dem Umfang, wie man es als Distelmeyer-Freund gut finden kann. Denn die Lieder erklären auch ihn, wie er Musik empfindet, welche Gedanken er damit verbindet und wie er bewertet, zwölf Titel, schön und gut.

Im zweiten Teil seines Konzertes in der Groove Station folgte dann die Kehrtwende auf der Bühne. Es ging zurück zu den Wurzeln, zu Blumfeld – „1000 Tränen tief“. Ja, „Es gibt kein Müssen und kein Sollen, wenn wir nicht wollen. Die Zeit der Heuchler ist vorbei…“, was lässt sich dem noch hinzufügen. Selbst die Textzeilen haben schon den Klang, den andere mit Orchester nicht auf ein Album bringen. In diesem Stil hat sich Jochen Distelmeyer noch einmal durch gut fünfzehn Jahre gespielt. Provokant, tiefsinnig und traumhaft. Genau das repräsentierten er und die alte Hamburger Schule. Songs, die den Aufbruch und ein Umdenken signalisierten. Hinter ihnen standen damals all jene, die sich nicht vom „Wind of Change“ einlullen lassen wollten, die sich trauten, auf die Frage „Kommst du mit in den Alltag?“ mit einem klaren Ja zu antworten. Es ist immer einfach und auch zu kurz gegriffen, wenn man sagt, dass solche Perlen heute nicht mehr zu finden sind. Jede Musik hat ihre Zeit, aber bisweilen ist es überaus unterhaltsam, wenn man sich diese Gedanken zurückholt, auch wenn es nur für zwei Stunden ist.

Von Stephan Wiegand

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