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Joachim Witt im Dresdner Beatpol: Restlos bedient vom Tagesgeschehen

Konzert Joachim Witt im Dresdner Beatpol: Restlos bedient vom Tagesgeschehen

Joachim Witt hat wie viele seiner Musikerkollegen aus den Tagen der Neuen Deutschen Welle den frühen Erfolg mit dem Hit „Der Goldene Reiter“ eher nicht wiederholt. Doch er erfand sich neu, tummelte sich zur Verblüffung plötzlich im Düster-Pop-Genre. Nun war Joachim Witt im Beatpol, mit im Gepäck das neue aktuelle Album „Thron“.

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Fast eine Art Werkschau: Joachim Witt führte im Beatpol sein Publikum durch sein musikalisches Schaffen.

Quelle: Dietrich Flechtner

Dresden. Er war so hoch auf der Leiter, doch dann fiel er ab: Joachim Witt, geboren 1949 an der Waterkant in Hamburg, hat wie viele seiner Musikerkollegen aus den Tagen der Neuen Deutschen Welle den frühen Erfolg mit dem übrigens nicht nur sozial-, sondern auch militärkritische Züge tragenden Hit „Der Goldene Reiter“ eher nicht wiederholt und dümpelte lange Zeit kaum beachtet in der deutschen Musiklandschaft dahin. Dann erfand er sich neu, tummelte sich zur Verblüffung plötzlich im Düster-Pop-Genre und schwelgte in grimmig-martialischen Elegien und königlichem Kitsch. 700 000 verkaufte „Bayreuth Eins“-Scheiben sorgten für eine erfolgreiche Rückkehr des sich als „linken Kosmopoliten“ verstehenden und gleichwohl bekennenden Wagner-Fans Witt ins Rampenlicht, manchmal sogar in die Charts und ins Feuilleton.

Nun war Joachim Witt im Beatpol, mit im Gepäck das neue aktuelle Album „Thron“, von dem fast alle Lieder gespielt wurden, darunter auch eines, das die „substanzielle Beeinflussung“ zeigen sollte, die Witt einst durch Jaki Liebezeit erfuhr, den kürzlich verstorbenen Schlagzeuger der Band Can. Aber es war eine Werkschau, de facto bot der Sänger einen bunten Querschnitt durch sein musikalisches Schaffen. An sich erfüllte er zunächst mal Begehrlichkeiten, war er doch so unvorsichtig gewesen, seine Fans über Facebook und andere soziale Medien Wünsche äußern zu lassen, was das Repertoire des Abends angeht. So-viel Rücksichtnahme muss sein, schon „damit ihr bleibt“, wie der Barde seine Fangemeinde, die sich aus diversen Altersschichten zusammensetzt, wissen ließ.

Witt, der von fünf jungen Musikern begleitet wird, die samt und sonders alterstechnisch seine Söhne, wenn nicht Enkel sein könnten, ist jederzeit Herr der Bühne. Und ja, das Alter, er kokettiert damit. Etwa wenn er gesteht, „so Anfang der zwanziger Jahre“ mal ein Album gemacht zu haben, „als es noch Schallplatten gab“. Er liefert, auch das ein Beispiel für Witts trockenen Humor, selbst den Grund dafür, weshalb er immer noch auf der Bühne steht: „Ich bin ein Streaming-Opfer!“

Dank seines gallig-launigen Witzes sowie seiner charismatischen Präsenz gelingt es ihm nachhaltig, das donnernde Pathos seiner Songs zu brechen und damit nicht zur leeren Pose erstarren zu lassen. Altersweise und manchmal fast diabolisch stellt der ob seines schwarzen Mantels und seiner langen weißen Haare wie ein Wanderpredigerzausel aussehende Witt sich irgendwie ein bisschen neben das, was er da gerade tut.

Große und schöne Dinge waren alles in allem zu hören, lichttechnisch ausgefeilt untermalt, natürlich inklusive „Die Flut“, wenn auch ohne die gesangliche Unterstützung durch Peter Heppner von Wolfsheim. „Der konnte nicht“, „klagt“ Witt. Eine ernstere Klage ist der Seufzer in dem Lied „Restlos“, der da lautet: „Ich möchte restlos weg vom Tagesgeschehen / so richtig restlos nie mehr Nachrichten sehen / am liebsten restlos in meiner Traumlandschaft stehen / Ach wär das schön, das wär so schön.“ Nicht nur rheinländische Frohnaturen dürften wiederum von einigen Zeilen des Lieds „Rain from the past“ nicht entzückt sein, heißt es doch da, was man nicht unbedingt auf die Debatten(un)kultur in Deutschland münzen muss, aber kann: „Ich singe dir noch ein Wiegenlied / Wehmut liegt dunkel über dem Land“ und „Aus Worten spricht schon der Pulverdampf / schwer verletzt holt mich der ewige Schlaf.“

Erst als Zugaben-Auftakt lässt Witt den „Goldenen Reiter“ durch den Beatpol jagen, der endgültige Kehraus erfolgt dann mit „Supergestört und superversaut“, schwer beklatscht und textsicher mitgesungen, auch wenn der Rammstein-Klon gegenüber dem Rest von Witts bemerkenswertem Schaffen eher abfällt.

Von Christian Ruf

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