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Joachim Król las aus dem Roman „Seide“ von Alessandro Baricco

Schauspielhaus Dresden Joachim Król las aus dem Roman „Seide“ von Alessandro Baricco

„Es ist ein sonderbarer Schmerz. Vor Sehnsucht nach etwas vergehen, das man nie erleben wird.“ Es ist vielleicht der Schlüsselsatz in dem Roman „Seide“ von Alessandro Baricco. Kritik wie Massen waren von der bewegenden Parabel begeistert...

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Joachim Król und das South of Border Trio im Schauspielhaus.

Quelle: Dietrich Flechtner

Dresden. „Es ist ein sonderbarer Schmerz. Vor Sehnsucht nach etwas vergehen, das man nie erleben wird.“ Es ist vielleicht der Schlüsselsatz in dem Roman „Seide“ von Alessandro Baricco. Kritik wie Massen waren von der bewegenden Parabel, die seidenzart von Liebe und der Sehnsucht, von Fernweh und der Utopie des Glücks – im (An)erkennen und Leben des Augenblicks – erzählt, begeistert. Und nun las im Dresdner Schauspielhaus Joachim Król aus dem in rund 30 Sprachen übersetzten Bestseller von 1997, einer der versiertesten und nuancenreichsten Charakterdarsteller der deutschen Schauspiellandschaft. Mit von der Partie war das South of Border Trio, zusammen mit einer ausgeklügelten Lichtregie ergab das eine Form der Lesung, die deutlich macht, was möglich ist, um
Literatur noch ein Stück populärer zu machen.

Król selbst braucht auf der Bühne an sich nicht viel. Er sitzt nicht in einem plüschigen Ohrensessel, sondern auf einem Barhocker. Barricos Worte, seine Beschreibung des Seidengewands, fließen zart dahin. Wie Król Stimmungen sichtbar und fühlbar macht, das ist einfach nur zum Staunen und innerlich Niederknien. Król, der an Gesten nicht spart, insbesondere gern mit der Rechten Kringel in die Luft malt, ist locker in der Lage, schon rein von Intonation und Stimmlage her, verschiedene Personen zu charakterisieren

Zudem offenbart der Abend ein feines Gespür für Rhythmen. Mal wird der Text musikalisch untermalt, mal folgt dem Gelesenen eine ein akustisches Episode, dann wieder geht die Musik (Klarinette, Bass und Klavier) voran und das Gelesene folgt. In den Szenen, die in Japan spielen, liegt ein dezenter Hauch von japanischer Musik in der Luft, ohne aber ins Folkloristische abzugleiten.

Gebannt verfolgt man, wie der Seidenhändler Hervé Joncour Jahr für Jahr, 1861 das erste Mal, viermal insgesamt, ins Land der aufgehenden Sonne reist, wobei es ein ziemlich exotisches Japanbild ist, das der Italiener Baricco beschwört. So fremd seinem Romanhelden Hervé Joncour zunächst alles in Nippon ist, einiges fasziniert ihn irgendwie auch. Etwa die Volieren, in denen „erlesene, wunderschöne Vögel“ gefangen gehalten werden. Die Vögel werden von asiatischen Männern statt Schmuck verschenkt, „wenn sie die Treue ihrer Geliebten honorieren wollen“. Hervé Joncour, der an sich glücklich verheiratet ist, wird regelrecht aus der Konvention und Gesellschaft seiner Heimat herausgeschleudert – weil er in Japan einer Frau, der Kurtisane des japanischen Fürsten, verfällt, deren „Augen nicht asiatisch geschnitten waren“, wie die im Roman stereotyp wiederkehrende Charakterisierung lautet. Letztlich kommt Hervé Joncour ihr aber nie wirklich nahe, der 1865 ausgebrochene Bürgerkrieg macht endgültig alle Hoffnungen zunichte.

Hübsch sind einige Spitzen auf die Geschäftswelt, die Król nonchalant mit Grandezza wie Spitzbübigkeit ausspielt, etwa wenn die Seidenhändler der Stadt als Ehrenmänner bezeichnet werden – nach einer kurzen Kunstpause noch „mehr oder weniger“ hinterhergeschoben wird. Oder wenn klargestellt wird, welche Auswirkungen die erste erfolgreiche Geschäftstour für die Einwohner des kleinen südfranzösischen Städtchens Lavilledieu hat: „Arbeit für hunderte von Menschen – und Reichtum für ein Dutzend von ihnen.“

Von Christian Ruf

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