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Jiří und Otto Bubeníček nahmen mit „Orfeus“ Abschied als Tänzer

Sagenhafte Karrieren Jiří und Otto Bubeníček nahmen mit „Orfeus“ Abschied als Tänzer

Die Zwillingsbrüder Jiří und Otto Bubeníček gehören zu den weltweit besten Balletttänzern. Ihre Karrieren, die sie gemeinsam in Hamburg bei John Neumeier begannen, sind sagenhaft. Jetzt nehmen sie mit „Orfeus“ Abschied als Tänzer.

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„Orfeus“ mit „Les Ballets Bubeníček“.
 

Quelle: Pavel Hejny

Dresden.  Vergil, in den Jahren 37 bis 39 v.Chr. in „Georgica“, und Ovid, im 1. bis 3. Jahr n.Chr. in seinen „Metamorphosen“, überliefern den Mythos vom Sänger und Dichter Orpheus, dessen Gesang es vermochte, Stürme zu stillen und den Gott der Totenwelt zu bewegen, die durch einen Schlangenbiss getötete Eurydike wieder zum Leben zu erwecken. Orpheus aber bricht das Verbot, sich auf dem Weg aus dem Hades nicht nach Eurydike umzusehen, und verliert sie endgültig. Nach Ovid wurde der Sänger, der dem Apoll nahe stand, nicht aber dem Dionysos, von dessen berauschten Anhängerinnen zerrissen.

Das ist natürlich der Stoff für die Komponisten: Konzerte, Kantaten, Lieder und Opern, Monteverdis „L’Orfeo“ wird gern als erstes Werk dieser Gattung bezeichnet. Am bekanntesten dürfte Glucks Oper „Orfeo ed Euridice“ sein, die auch von bedeutenden Choreografen wie Balanchine, Mary Wigman, Frederick Ashton, Pina Bausch oder John Neumeier interpretiert wurde. Neumeier kreierte zudem 2009 sein Ballett „Orpheus“, Otto Bubeníček tanzte diese Rolle zur Uraufführung.

Natürlich hat das Ballett dieses Thema mehrfach adaptiert, erstmals ist ein Tanzfest im Zeichen der Orpheus-Sage 1489 nachzuweisen. Berühmt wurde Strawinskys Ballett auf Anregung von Balanchine. William Forsythe schuf die Choreografie der Stuttgarter Uraufführung des Balletts von Hans Werner Henze mit dem Libretto von Edward Bond. Beide Beispiele belegen, dass besonders im Tanz immer andere Aspekte hinzukommen als die, die unbedingt nötig sind, um die Handlung zu zeigen. Waren es bei Balanchine die Menschen, die am Ende die Macht des Gottes brechen, so ging es Henze in Forsythes Choreografie um die „Sprachlichkeit der Musik, auch um Gebärden, die Musik zu machen versteht“.

Jetzt haben sich Jiří und Otto Bubeníček für ihren Abschied als Tänzer mit „Les Ballets Bubeníček“ erstmals in einer genreübergreifenden Produktion mit dem Prager Künstlerduo SKUTR (Martin Kukučka und Lukáš Trpišovský), dem Schauspieler Csongor Kassai und den Musikerinnen Dasha Wright (Violine) und Terezie Kovalová (Violoncello) dieser Thematik gestellt und daraus eine choreografische Inszenierung aus sehr persönlicher Sicht entwickelt.

Das wird schon daran deutlich, dass die Tänzerin Anna Herrmann mit ihren Erfahrungen beim Nederlands Dance Theater in eher indirekter Weise, vor allem assoziativ, einmal als Eurydike angesehen werden kann, zum anderen aber auch als eine Interpretin von Andeutungen unterschiedlicher menschlicher Aspekte in den Phasen des Überganges vom Leben in den Tod und, man mag es so ahnen, einer Existenz, die über den Tod hinaus geht und zumindest nahe stehende Menschen betrifft.

Jiří und Otto Bubeníček stehen für einen solchen Menschen. Sie sind, das mag zunächst paradox klingen, als Orpheus ein solcher. Die beiden Tänzer nutzen ihre Verwechselbarkeit als Zwillinge und machen genau jene existenzielle Not sichtbar, die Goethe, der sich in einem Gedicht auch der Orpheus-Thematik widmete, als jene zwei Seelen beschrieb, die in unserer Brust wohnen. Und es geht auch nicht nur um den Abschied von Eurydike an diesem „stillen Punkt der Welt, die sich dreht“, wo der Tanz ist, „aber weder Stillstand noch Bewegung“.

Vom Vater ist die Rede in einem Text, den der Schauspieler Csongor Kassai spricht, von der Mutter auch, von der „Zeit am Abend mit den Fotoalben“, von der sich immer schwieriger gestaltenden Beziehung zwischen „Lebenden und Toten“. Mit der an der antiken Vorlage orientierten Mahnung, sich nicht umzuschauen, endet dieser Text, den die Tänzer gemeinsam mit Martin Kukučka und Lukáš Trpišovský geschrieben haben.

Da mögen sowohl allgemeine als auch sehr persönliche Erinnerungen eingeflossen sein, im Spiel, im Tanz klingen die Unbeschwertheit der Kindheit und Jugend an, Liebe und Enttäuschung, Verlust und neuer Gewinn und dann immer stärker eine tragische Vater-Sohn-Beziehung mit der bitteren Erkenntnis, dass zur Zeit des Lebens auch die der Grabsteine gehört.

Choreografisch kommt es immer wieder zu Momenten der Ablösung beider Tänzer, wenn der eine die Emotionen momentaner Assoziationen, nicht zuletzt oftmals in einer Art heiterer Melancholie, aufnimmt, dann kann es sein, dass der andere zusieht, schlimmstenfalls sich abwendet. Aber immer wieder übernimmt auch der eine die Stimmung des anderen und wandelt sie ab, bricht sie auf, auch um dann wieder plötzlich den Fluss des Tanzes aufzuhalten. So kann es sogar zu heiteren Duoszenen kommen, zu Anflügen von Varianten des Pas de trois, die sich dann aber in Szenen der Einsamkeit verlieren.

Der Schauspieler mit der weit ins Gesicht gezogenen Kapuze seiner schwarzen Jacke übernimmt zuweilen die Funktion eines Tanzmeisters, eines Regisseurs, eines mahnenden Vermittlers. Er gräbt ganz sinnlich in den Geschichten, befördert aus einem grabähnlichen Hügel Gegenstände ans Licht, mit denen dann längst vergessene Rituale wie eine persönliche Totenwaschung und in der Spannung zwischen Abschied und Neubeginn so etwas wie eine Taufe vollzogen werden können. Diese Varianten des Mythos von Orpheus und Eurydike als traurige Ballade mit den Gesängen der Körper, die zu Instrumenten und Stimmen des Unsagbaren werden, vollzieht sich in einer beschädigten Welt.

Längst ist die Unterwelt nach oben gekommen. Und wenn die Stümpfe sinnlos abgesägter Bäume in die Höhe gezogen werden, wenn sich die Menschen jetzt in dieser Welt darunter bewegen, dann mag man den kafkaesken Eindruck gewinnen, dass es schon seinen Sinn haben könnte, wenn die Räume der Toten von denen der Lebenden getrennt sind.

Mit den musikalischen Arrangements von Otto Bubeníček sind die beiden Musikerinnen performativ in die Melodik der Bewegungen eingebunden. Der Wechsel von akustischen Passagen der Violine und des Cellos mit elektronischer, ferngesteuerter Verstärkung schafft immer wieder Brüche, dazu kommt der Einsatz eines E-Cellos als Mittel zur Öffnung weiter Klangräume. Von berührender Intimität sind Momente, wenn eine der Musikerinnen mit ihrem Bogen den Körper eines Tänzers berührt, um somit in sinnlicher Wahrnehmbarkeit Bilder für den Klang der Bewegungen zu vermitteln.

Und ganz im Sinne der gewählten Motive dieser Abschiedstänze für Jiří und Otto Bubeníček bleiben Momente rätselhaft, kommt es zu Andeutungen, die nicht mehr ausgeführt oder abgebrochen werden müssen. Aber die Bewegung hört nicht auf. Am Ende schwingt sie wieder, wie zu Beginn dieses Abends, die Kinderschaukel, an den langen Seilen, herabgelassen aus der Höhe des Bühnenhimmels.

Von Boris Gruhl

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