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Jersey und Gold: Zwei Dresdner Designerinnen bieten ganz individuelle Gestaltung

Design Jersey und Gold: Zwei Dresdner Designerinnen bieten ganz individuelle Gestaltung

Jakoba Kracht und Anne Schulze sitzen in einem der letzten Dresdner Atelierhäuser aus den 1920er Jahren. Die zehn Kunsträume im Stadtteil Mockritz umwuchert ein Garten, in dem Skulpturen aus dem Boden schießen.

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Dynamisches Doppel: Designerin Anne Schulze (l.) und Inneneinrichterin Jakoba Kracht von "Gold Ornat".

Quelle: Juliane Hanka

Dresden. Die Inneneinrichterin Jakoba Kracht hat hier ihr Atelier, genau wie ihre Schwester, die Malerin Janina Kracht. Vom verstorbenen Vater, ebenfalls Künstler, hängt ein Portrait an ihrer Wand. Nur wenige Autominuten entfernt arbeitet Anne Schulze, Designerin des gleichnamigen Modelabels aus Dresden, in ihrem Atelier. Regelmäßig treffen sich die beiden Kreativen, um ihr gemeinsames Projekt voranzutreiben. Sie wollen ein Design-Komplettpaket schnüren. "Von der Wandgestaltung über Möbelbezugsstoffe, Vorhänge, Kissen, Lampen - und wenn gewünscht auch bis zum Kleidungsstück - können wir uns auf den Kunden zugeschnittene Gesamtgestaltungen vorstellen", sagt Schulze. Ein gemeinsames Fotoshooting in diese Richtung haben sie gerade hinter sich. Auf einem Bild spiegelt sich das Design eines schwarz-weißen "Baum-Kleides" aus der aktuellen "ANNE SCHULZE"-Kollektion in Krachts Goldarbeit auf der Wand dahinter wieder. Es ist ihr künstlerisches Pilotprojekt.

Rotgold für eine russische Yacht

Jakoba Kracht sagt, sie sitzt zwischen den Stühlen der Innenarchitektur, der Kunst und der Spezialisierung aufs Vergolden. Kracht ist 52. Sie studiert im Ausklang der DDR Kostüm- und Bühnenbild, kommt aus der künstlerischen Raumgestaltung. Erst ist sie Bühnenbilderin am Deutsch-Sorbischen Volkstheater in Bautzen, später gestaltet sie Gaststätten oder Hotelzimmer. Vor zehn Jahren stößt sie aufs Gold, seit 2008 hat sie ihr eigenes Unternehmen. "GOLD ORNAT". Das steht groß auf dem grauen VW-Bus, der vor ihrem Atelier parkt. Innen drin hängen dann auch Goldornamente, auf der Werkbank liegen Blattgoldreste. Sie wirft nichts von diesem Rohstoff weg. Eher gibt sie ihn wieder zurück an die Bezugsquelle im bayrischen Schwabach. Dort, im Traditionsbetrieb der Goldschläger, ist das Produkt zwar teurer als im Internet. Aber das Gold wird hier von einer deutschen Scheideanstalt bezogen, welche zertifiziert, dass das Material nicht aus Konfliktgebieten stammt. "Darüber hinaus kann man die Herkunft leider nicht so leicht überprüfen wie zum Beispiel bei Bekleidung", sagt Kracht.

Kracht gestaltet sehr unterschiedliche Räume mit Blattgold. Im Taschenbergpalais die Ikonenwand der orthodoxen Hauskapelle, in einer Kölner Therme die Sternzeichen an der nachtblauen Decke überm Swimmingpool. Gold rostet nicht, wenn es nass wird. In der Semperoper hat sie vor ein paar Jahren aus technischen Gründen anderes Material verwendet. Mitten im überbordenden Barock stehen da nun schlichte Catering-Möbel, Glaskuben, deren glänzende Flächen nicht mit echtem Gold, sondern mit dem Ersatz, so genanntem Schlagmetall, belegt wurden. Das wird nach einigen Jahren schwarz. "Ich denke, wenn es so weit ist, bekomme ich eine Nachricht." Jakoba Kracht lacht.

Überhaupt ist sie sehr zuversichtlich, was ihr Geschäft angeht. "Ich bin eine der wenigen, die kreativ und vor allem innovativ mit Blattgold arbeitet." Wie zum Beweis zeigt sie ein Foto vom Schlafzimmer eines St. Petersburger Geschäftsmanns. Die Wand hinterm Bett ist komplett mit Blattgold überzogen. Gold kommt nicht aus der Mode, findet Kracht. "Heute sieht man nur es nicht mehr so, weil in öffentlich finanzierten Gebäuden auf zu viel Prunk verzichtet wird. Doch es wird noch genauso gern benutzt, jetzt eben im Privatbereich."

Die Goldreste im Atelier stammen von Arbeiten für eine russische Yacht. "Rotgold", sagt sie, "die Russen lieben Rotgold!" Mit ihrer künstlerischen Arbeit haben solche Aufträge nichts zu tun. Die Bilder ohne Gold an der Wand, das ist ihre freie Kunst. Jakoba Kracht gehört zu den Vertretern der "Konkreten Kunst" und arbeitet auf ihren Bildern mit klaren Flächen, Schichtungen und feinen Strukturen. "Gold spaltet", findet sie. "Es gibt Kunden die es unbedingt haben wollen und welche, die es total ablehnen. Aber durch die modernen Gestaltungsmöglichkeiten und die außergewöhnlichen Goldfarben - sie zeigt eine Palette von Weißgold bis zum dunkleren Rotgold der Yacht - ändert sich das gerade. Gold war über Jahrtausende hinweg das Symbol für das Göttliche, für Reichtum. Für mich sind jedoch andere Fakten wichtig. Gold ist haltbar, es ist praktisch unvergänglich. Was ich heute damit erschaffe, sieht in 150 Jahren noch genauso aus. Und es hat diesen besonderen Glanz. Für mich gibt es dafür keinen Ersatz."

Gleise als optische Gürtel

Anne Schulze fotografiert schon als Kind. Sie absolviert eine Ausbildung zur Krankenschwester, arbeitet im Anschluss bei einem bekannten Architekturfotografen und verlegt daraufhin ihren Ausbildungsschwerpunkt. Sie studiert Textilkunst und Textildesign. Dann arbeitet sie an der modernen Flächengestaltung, in einer kleinen Künstlergemeinschaft. Darunter ist auch ihr Ehemann, mit dem sie vier Kinder bekommt. Nach sechs Jahren enger Zusammenarbeit findet sie, sie braucht mehr Raum für die eigenständige Entwicklung. "Ich habe 2006 einen beruflichen Strich gezogen und mich wieder dem Textildesign gewidmet. Ich wollte aber nicht nur Stoffmuster entwerfen und sie dann Bekleidungsfirmen anbieten. Ich wollte ein Endprodukt herstellen." Aus dem Endprodukt wird ihre erste Kleiderkollektion. Sie fotografiert wieder: Häuser, Schiffe, Züge und übersetzt sie in Design.

Architekturkleider nennt sie die Ergebnisse. Ineinanderlaufende Baumalleen simulieren ein Dekolleté, Geländer oder Gleise werden zu optischen Gürteln. Birkenwälder arbeitet sie genauso in ihre Kleidung ein wie Segelschiffe oder ein Feuerwerk. Ihre Mode hat Humor.

Die Modedesignerin setzt ebenfalls auf Qualität. "Den hochwertigen und komfortablen Jersey-Stoff lasse ich in Bayern stricken und danach mit meinen Dessins bedrucken. Bei Kleidern und Kostümen für den großen Auftritt verwende ich auch Seide und modernste Mikrofasern." Genäht wird in Dresden und Sachsen. Sie schätzt die verlässliche Zusammenarbeit mit deutschen Textilunternehmen, die kurzen Wege und die klare Verständigung über Qualitätsstandards. "Dresdner Frauen denken über Langlebigkeit nach. Wenn sie viel Geld ausgeben, wollen sie ein Kleid auch noch in fünf Jahren tragen. In München oder Düsseldorf kaufen die Damen viel öfter neue Kleider, um sich zu präsentieren. Diese Trendkultur ist in Ostdeutschland noch nicht so ausgeprägt."

Ein Kleid aus ihrer Kollektion kostet zwischen 270 und 350 Euro. Manchmal schreiben ihr zufriedene Kundinnen. Eine spricht von "Kultur und Lebensqualität", von "zeitlos, schön"- "wie gute Möbel". Und wer ein Faible für Muster hat, der kaufe auch nicht nur ein oder zwei Stücke, der fange an, "ANNE SCHULZE" zu sammeln. Die ehemalige Oberbürgermeisterin Helma Orosz trägt zur letzten Hope-Gala ein für sie entworfenes schwarz-weißes Kostüm. "Dafür fotografierte ich die Türbeschläge des Doms zu Meißen und entwarf daraus ein barockes Stoffdesign."

Die Zusammenarbeit der beiden Designerinnen steht noch ziemlich am Anfang. Auch, weil ihre eigenen Geschäfte so gut laufen. Beide sind mittlerweile Spezialistinnen auf ihrem Gebiet. Sie haben einen künstlerischen Anspruch an ihr Designhandwerk und sind dabei doch sehr bodenständig. Ostdeutsch würden sie das vielleicht nennen. "Es ist das über die Jahre Gewachsene und die damit einhergehende Authentizität. Wir haben beide keine Unternehmen hinter uns. Forschung, Produktion, Marketing liegt alles in unserer Hand. Die Leute schätzen unsere Kreativität und Erfahrung."

Sie blicken positiv in die Zukunft, auch, weil die Menschen immer mehr Geld für originelle Gestaltung ausgeben. Kracht attestiert ihren Kunden ein immer größer werdendes Bedürfnis nach individualisierten Dingen. "Wir arbeiten in der Individualwirtschaft, könnte man also sagen", ergänzt Anne Schulze und lacht.

www.anneschulze.de ww.goldornat.de

juliane hanka

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