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Jenseits von Reue und Vergebung - Gerhart Hauptmanns "Winterballade" am Zittauer Theater

Jenseits von Reue und Vergebung - Gerhart Hauptmanns "Winterballade" am Zittauer Theater

Kaum etwas erscheint selbstverständlicher, als dass in diesem Jahr das Görlitz-Zittauer Gerhart-Hauptmann-Theater seines Namenspatrons gedenkt, der vor 150 Jahren geboren und vor 100 Jahren mit dem Literaturnobelpreis geehrt wurde.

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Das marodierende Trio: Archie (Philipp von Schön-Angerer), Douglas (Stefan Migge) und Donald (Stefan Sieh).

Quelle: Pawel Sosnowski

Doch der Zittauer Intendant Carsten Knödler macht es sich und seinem Publikum dabei keinesfalls leicht, sondern setzt ein besonderes Achtungszeichen, indem er sich eben nicht für eines der häufiger gespielten Stücke wie "Einsame Menschen" oder den "Biberpelz" entschied. Statt dessen hat er zu einem abgründigen Stück, einer schier hoffnungslosen Tragödie gegriffen, die Hauptmann, jeden Rest von Hurra-Patriotismus tilgend, in den Jahren des Ersten Weltkriegs schrieb. Die von einer engagierten Ensembleleistung getragene Inszenierung mit ihren klaren, wenn auch fast durchweg düsteren Bildern hinterlässt Bedrückung, die man nicht so rasch vergisst, und vermittelt am Ende doch einen Schimmer von Hoffnung. Hinter der schicksalhaften Mystik, die Knödler, der auch das Bühnenbild für die Aufführung schuf, ganz ungebrochen zur Geltung bringt, vermittelt er eine ebenso schlichte wie eindringliche Botschaft.

Es geht um eine alte Überlieferung aus der Zeit noch vor dem Dreißigjährigen Krieg, die Selma Lagerlöf zu ihrer 1904 erschienen Erzählung "Herrn Arnes Schatz" inspiriert hatte. Marodierende schottische Söldner im Dienst des schwedischen Königs begehen darin einen grausigen Raubmord, bei dessen Sühne Naturgewalten oder übermenschliche Einflüsse die entscheidende Rolle spielen. Viel weniger die Kälte des nordischen Winters lässt die Menschen erstarren als ihre düsteren Vorahnungen, übersinnlichen Wahrnehmungen. Schwarz und gefährlich glitzernd rieselt der Schnee auf der fast durchweg schwarz ausstaffierten Bühne, aus deren Tiefe manchmal ein weißes Kreuz leuchtet und die Portalöffnung sich bald weitet, bald verengt wie die Backen einer Zange. Dumpf knirscht der Schlitten des Handelsmanns Torarin, der unterwegs auf den Bauern von Branehög trifft und den Schiffer Frederik, der mit seinem Kahn und der hochschwangeren Frau im Eis festsitzt. Sie tauschen Neuigkeiten aus, aber vor allem vermeinen sie aus der Ferne ein unheildrohendes Schleifen von Messern zu hören. Auch der alte Pfarrer Arne (Wolfgang Adam), der kurz vor seinem 90. Geburtstag steht und eigentlich einen Besuch von Torarin erwartet, spürt etwas, lässt sich aber möglichst nichts anmerken im Gespräch mit der Frau, den beiden launigen Mädchen im Haus, Enkelin Berghild (Charlotte Kintzel) und Pflegekind Elsalil (Natalie Renaud-Claus), rät nur, alle Zugänge fest zu verschließen.

Die ungebetenen Gäste, die bald darauf trotzdem in der Pfarrstube scheinbar harmlos um Almosen bitten, erscheinen den Opfern, den Zeugen als schwarze Höllenhunde, dem Zuschauer wie heutige Soldaten, die sich in ihrer Freizeit wilde Vergnügungen leisten (Kostüme: Ricarda Knödler). Sie sind außer Rand und Band, auf eine bedrängend nahe und vertraute Weise. Die Würde, Verbindlichkeit und sanfte Autorität des Pfarrers, all das macht ihnen keinen Eindruck, stachelt sie eher an. Genießerisch treiben sie ein zynisches Vorspiel, steigern ihre Forderungen und ihre Zudringlichkeit, sich hinein in eine grausame Lust, der niemand im Haus entgeht.

Ihr Anführer aber (Philipp von Schön-Angerer), Lord Archibald gerufen, verliebt sich auf den ersten Blick und unwiderruflich in Berghild, und so wird sie zum Opfer einer pervers verdoppelten Lust. Doch der tödliche Stich hat auch Archibald getroffen, seine Persönlichkeit ist fortan gespalten, und im Anflug von Reue erliegt er dem Wahn, er könne, er müsse das Geschehene rückgängig machen. Als dann Elsalil wieder auftaucht, wie durch ein Wunder mit dem Leben davongekommen, glaubt oder wünscht er, Berghild in ihr zu sehen. Doch die Verbindung bringt keine Linderung. Er ist durch Herrschsucht und Arroganz verdorben bis zum Grund, sie ist nicht nur Liebende, sondern auch eine Art Racheengel, ein Werkzeug Gottes, wie der junge Pfarrer Arnesohn (Christian Ruth) glaubt, der im Namen, aber doch entgegen dem Gebot seines Herrn auf tödliche Rache sinnt, zumal der Staat in Gestalt eines wenngleich sehr korrekt erscheinenden Amtmanns (Stephan Bestier) wenig Anstalten macht. Dass Arnesohn zum Zuge kommt, verdankt er Torarin, der im Liebhaber seiner Nichte einen der Mörder zu erkennen glaubt, und den widrigen Umständen, welche die längst ihre Heimkehr ersehnenden Söldner festhalten.

So kommt es am Ende zu einem schaurigen Showdown zwischen Arnesohn und Archie. Doch der Mörder, der längst ein Untoter zu sein scheint und so auch Berghilds janusköpfigen Geist aus dem Grab gerufen hat, verendet an Elasils Vampirbiss. Und Arnesohn, unter mächtig schwarzen, von lodernden Flammen dürftig erhellten Kreuzen, um den Triumph betrogen, vergeht in Verzweiflung: "Wo ist mein Feind?"

Knödler hat also keine Scheu vor Mystik und einer schon überbordenden Symbolik, dafür lässt er politische Zustände völlig im Vagen. Er setzt auf die gewaltige, hehre Sprache Hauptmanns und deren präzise, teils sehr persönlich gefärbte Anverwandlung. Das Archetypische, Überzeitliche des Konflikts, der von der Begünstigung des Zerstörungstriebs ausgeht, bleibt damit nicht bloß abstrakt. Und er löst sich offensichtlich nicht mit dem Mechanismus von Schuld und Sühne, Reue und Vergebung, sondern lässt sich allenfalls an der Wurzel heilen.

Die Geschichte direkt auf die Situation von Bürgern in Uniform zu übertragen, die im Dienst des Steuerzahlers durch Erlebnisse lebensgefährlicher Auseinandersetzungen traumatisiert werden, scheint mir ziemlich gewagt, über die Zusammenhänge jedoch muss man schon nachdenken. Das Zittauer Publikum ließ sich jedenfalls sehr bereitwillig auf die Herausforderung ein.

nächste Aufführungen: 21. & 28. März, 20. April, Görlitzer Premiere am 12. Mai

www.g-h-t.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 15.03.2012

Tomas Petzold

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