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Jens Wonnebergers neuer Roman „Sprich oder stirb“

Absturz in die Selbstbefragung Jens Wonnebergers neuer Roman „Sprich oder stirb“

Der neue Roman von Jens Wonneberger „Sprich oder stirb“ ist ein sprachlich gekonntes Kammerspiel. Er erzählt von der tiefen Krise und Selbstbefragung eines erfolglosen Schriftstellers, der an den Rand des Todes geraten ist. Buchpremiere dafür ist am Mittwoch, 27. September in Dresden, in der Villa Augustin.

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Jens Wonneberger

Quelle: Christine Starke

Dresden. Sich zu erinnern und anderen davon zu berichten, gehört zum Leben. Bisweilen kann es sogar überlebenswichtig werden. „Sprich oder stirb“ heißt der neue Roman von Jens Wonneberger. Genau vor diese Alternative stellt der Dresdner Schriftsteller, Jahrgang 1960, seinen Helden und Erzähler der Geschichte. Was wie eine extreme Zuspitzung anmutet, gibt es tatsächlich.

In der Medizin ist es unter dem Begriff Wachkraniotomie bekannt. Da wird einem Menschen die Schädeldecke geöffnet, und damit der Chirurg weiß, dass er bei dieser Operation am Hirngewebe nicht das Sprachzentrum verletzt, wecken sie den Patienten mittendrin aus der Narkose auf. Ebendies passiert dem Ich-Erzähler in diesem Buch. Wer „Goetheallee“, Jens Wonnebergers Roman von 2014, gelesen hat, kennt ihn bereits. Diesen Schriftsteller, den Mut und Erfolg verlassen haben, der am Sinn seiner literarischen Arbeit zweifelt.

Aus den Augen verloren hatten wir ihn auf einer Busreise in Österreich. Gemeinsam mit seiner Frau Sabine, Fallmanagerin im Job-Center, hatte er sich auf Goethes Spuren nach Italien begeben wollen. An einer Tankstelle ist er damals einfach nicht wieder in das Fahrzeug eingestiegen und dann aufs Geratewohl losgewandert in die Berge. Nun, im neuen Buch, ist die Sinnkrise auch zu einer lebensbedrohlichen körperlichen Krise geworden. Auf seiner Wanderung ist der Erzähler einen Abhang hinuntergestürzt. Ein winziges Missgeschick – ausgerutscht ist er. Vielmehr: „vom Fuß“ gekommen, genau so, wie er es formuliert gefunden hat auf einer Tafel, die vom Unglück eines Bauern im Jahr 1854 zeugt.

Diese Formulierung geht ihm nicht aus dem Kopf, sie zieht sich durch den Text. Der erweist sich als ein mutiges sprachliches Kammerspiel. Mutig deswegen, weil es sehr wenig Handlung gibt. Der Mann kann sich den größten Teil des Buches über nicht rühren, liegt in seinem Bett in der Klinik, in dieser „Abstellkammer des Lebens“, und wir hören ihm zu, wie zunächst sein Sprach- und Erinnerungsvermögen wiedergewinnt, dann immer weiter erzählen muss.

Der Autor verwebt Wahrnehmungen und Erinnerungen miteinander. Besonders die an die Kindheit des Erzählers, an seine Urgroßmutter Martha, deren äußerst genügsame Existenz in den letzten Lebensjahren. Frauen hat sie Röcke und Kleider geschneidert. Der Junge hat auf dem Sofa gesessen, beobachtet, wie sich die Damen ganz unbefangen an- und auskleideten und mit angehaltenem Atem das Kribbeln früher Erotik gespürt. Und: Diese einfache alte Frau hat heimlich geschrieben. Was, hat er nie erfahren können.

Dieses Ineinander-Verfließen der Dinge, Szenen und Zeitebenen, dieses Erzählen, das dem unwillkürlichen Streunen der Assoziationen folgt, ist die große Stärke dieses Buches. Man kennt das aus Jens Wonnebergers herrlichen „Intros“, die Monat für Monat das Stadtmagazin „SAX“ eröffnen.

Hier im Roman hat er das zu solcher Perfektion entwickelt, dass es ganz und gar mühelos wirkt. Das zu lesen, ist ein Genuss. Sprachlich ist er äußerst genau. Da „trommelt“ bei einem Unwetter zum Beispiel der Regen nicht nur an die Scheiben, sondern „das Wasser rotzte aus den Fallrohren“. Alle Erinnerungen, die an die Kindheit wie die an die Wanderung, sind eine Selbstbefragung seines Lebens und seiner Ehe: Warum, wovor ist dieser Mann geflüchtet? Vor seiner so viel müheloser, so viel zufriedener lebenden Frau Sabine zum einen. Zum anderen aber auch vor seinem Schreibtisch, der Enge des Arbeitszimmers, jener verstaubten „Bücherzelle“, in der er sich gefangen sah.

Nun bahnt sich eine sachte Liebe an zu einer polnischen Krankenschwester, die vom Chefarzt schwanger ist, was der als ein peinliches Missgeschick betrachtet. Nun ja, sonderlich originell ist das nicht. Gewichtiger wirkt da die befreiende Erfahrung des Erzählers beim Gehen in der Natur. Und bei einem Begräbnis, zu dem er zufällig gerät, begreift er jäh: „Ein ausgefülltes Leben, und schon war es nur noch die Vorlage für ein paar lustige Anekdoten auf der Raucherinsel.“ Die Erinnerung an seinen Sturz fällt zusammen mit seiner Entlassung aus dem Krankenhaus. Der Vorhang schließt sich, die Hauptfragen bleiben offen. Es drängt sich einem der Eindruck auf: Die Geschichte könnte auch mit diesem Buch nicht zu Ende sein.

Jens Wonneberger: Sprich oder stirb. Verlag Müry Salzmann. 176 S., 19 Euro.

 

Von Tomas Gärtner

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