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Jazzsängerin Uschi Brüning wird 70

Mit immer noch junger Stimme Jazzsängerin Uschi Brüning wird 70

Sie sang gemeinsam mit Manfred Krug und kann nach wie vor auf ihre kraftvolle, junge Stimme bauen: Uschi Brüning, die 70 Jahre alt wird. „Ich klinge nun einmal nicht alt und verraucht wie Hildegard Knef“, sagt sie. Ihr jüngstes Album „So wie ich“ ist für den Echo Jazz 2017 nominiert.

Unzertrennlich: Uschi Brüning und ihr Mann Ernst-Ludwig Petrowsky.

Quelle: Agentur Mueller

Dresden.  
 

Uschi Brüning hat Ernst-Ludwig Petrowsky mitgebracht, den Mann ihres Lebens, den sie und seine Freunde „Luten“ nennen. Die beiden sind seit 35 Jahren verheiratet. Dabei galt der heute 83-jährige Saxophonist immer als Freejazz-Berserker und sie, die heute 70 wird, als Fachfrau für den runden harmonischen Ton. Nach ihrem Start als Schlagersängerin Anfang der 1970er adaptierte die gebürtige Leipzigerin westlichen Gospel und Soul, Blues und Swing, Modern Jazz und Samba. Und zwar auf eine so sympathische und unverwechselbare Weise, dass Manfred Krug nach vier Jahrzehnten der Trennung auf sie als Gesangspartnerin zurückkam.

Petrowsky hat sich ein kleines Mittagessen bestellt. Der zur Blume geformte Kartoffelbrei und die Minibratwürstchen dampfen auf dem Tisch. Uschi Brüning bietet an: „Wollen Sie kosten?“ Und noch einmal: „Sie können wirklich einmal kosten!“ Sie trinkt einen Kaffee und erzählt, dass sie in der Nalepastraße ihre erste Studio-Aufnahme gemacht hat. „Es war ein Stück von Reinhard Lakomy. Ich war den Weg hergelaufen, wohnte damals in der Wilhelminenstraße in Schöneweide, das Zimmer hatte Luten an mich abgetreten.“ Auch Petrowsky verbindet mit dem DDR-Sender kreative Erlebnisse. „Ich war Leiter des Rundfunk-Jazz-Ensembles Studio IV, konnte mir die besten Musiker aussuchen. Wir mussten nur jeden Monat eine sendefähige Stunde Jazz abliefern.“

Seine Frau und Manfred Krug landeten 2014 mit dem Album „Auserwählt“ als Duo ein Comeback. Während der Schauspielstar stets mit Ironie auftrumpfte, wirkte Brüning eher ernst. „Mehr habe ich mir neben Krug nicht getraut, aber das Augenzwinkernde, das kann ich auch“, sagt sie. Krugs Tod im Oktober 2016 durchkreuzte alle weiteren Pläne. Aber der Produzent Andreas Bicking besann sich auf die Qualitäten von Uschi Brüning und nahm mit ihr das Solo-Album „So wie ich“ auf. Gerade wurde es in der Kategorie Sänger/National für den Echo Jazz 2017 nominiert.

Wer „So wie ich“ hört und nichts über Uschi Brüning weiß, dürfte falsche Schlüsse ziehen. Zum einen wegen dieser kraftvollen, ganz und gar ungetrübten jungen Stimme. „Ich klinge nun einmal nicht alt und verraucht wie Hildegard Knef.“ Zum anderen, weil hier eine Interpretin weniger mit jazzigen als mit lyrischen Elementen aufwartet. Bis auf ein bisschen braven Scat-Gesang beim Ausblenden der Lieder geht Brüning, die auch rockig oder soulig röhren kann, kaum aus sich heraus.

„Ich bin sehr froh über die Platte“, sagt sie, „aber natürlich ist mir das Wildere lieber. Die Plattenfirma geht davon aus, dass das Schaumgebremste besser ankommt.“ Der Produzent steht für anspruchsvolle deutsche Schlager, arbeitet sonst mit Veronika Fischer oder Angelika Mann. „Da es um eine sehr persönliche Platte geht und auch um meine Liebe, musste Petrowsky dabei sein. Es war schwer, ihn durchzusetzen. Er durfte nur in 4 von 14 Stücken mitspielen.“

In der Tat bekräftigen viele Lieder eine bestehende Liebe in feierlichem Ton. „Ich liebe die Endstimmung, die in allen Dingen wohnt, deshalb ist mir das traurige, ernste Genre auch näher.“ So pathetisch wie am Anfang ihrer Karriere mag sie es heute aber nicht mehr. Ihr Lied „Dein Name“ findet sich unplugged mit Piano auf der neuen CD. In den 70ern wurde es mit Orgel und Frauchenchor arrangiert. „Damals wollte man immer an die Grenzen gehen.“ Und ihr Mann ergänzt: „Das ist jetzt mehr ein schönes kleines Liebeslied, während es früher eine Hymne war.“

Die Plattenfirma verlangte nach bekannten Stücke. So findet sich auf der CD neben eingedeutschten Klassikern auch eine verswingte Version des Schlagers „Mit 17 hat man noch Träume“. Natürlich singt die Brüning das Lied nicht einfach nur nach, sondern findet ihre eigene Note. „Ich kann keine Melodie so singen, wie sie da ist. Wenn ich ein Lied lerne, fange ich erst einmal an zu improvisieren.“

Mit 70 und 83 hat man natürlich auch noch Träume. Gerade denken die beiden über ein Buch nach, das sie schreiben sollen. „Eine Mischung aus dem, was wir erlebt haben und was unser Sein ausmacht, ein Buch über den Jazz.“ Petrowsky zieht ein Notizbüchlein aus der Tasche mit Zitaten wie „Nichts ist intensiv genug, es sei denn vielleicht, es ist Jazz“ (Jean Cocteau).

„Meine allererste Liebe in Leipzig wollte, dass ich mich entscheide zwischen meinem Gesinge und Familie“, lässt Uschi Brüning blicken. Wäre der Musikerin ein Leben mit Kindern überhaupt möglich gewesen? „Ja und nein. Ich bin ohne Vater aufgewachsen und war immer alleine. Meine Mutter konnte nicht anders. Deshalb habe ich gedacht, wenn, dann müssen alle mit Freude beteiligt sein. Das war aber nicht der Fall.“ Und gibt zu: „Ich frage mich natürlich oft in stillen Stunden nach dem Sinn des Lebens. Nicht so sehr, weil ich keine Kinder habe, im Alter ist man sowieso alleine. Aber ich weiß, es gibt Dinge, die gehören zum Menschsein.“ Wenig später setzt Petrowsky dann auch mit einem kleinen Weltschmerz-Solo ein, das ein beinah tröstliches Ende nimmt. „Musik ist das Wichtigste, was es gibt“, sagt er, „alles andere ist sinnlos. Die Sinnlosigkeiten greifen immer mehr um sich, je weiter die Globalisierung und die ganze Weltpolitik in die Hände von Verbrechern geraten. Da können wir uns wenigstens in die Musik hineinretten, der Jazz ist unser Refugium.“ Am Ende ist sich die kleine Runde in der Milchbar einig: „Musik ist die flüchtigste aller Künste. Aber dadurch kommt die Musik dem Sein auch am nächsten, weil nichts von Dauer ist.“

Von einiger Dauer sollte noch ihr geruhsames Leben am Flughafen Schönefeld sein. „Dort leben wir in einer ausgebauten Dachlaube, wir nennen es unser Hutzelhäusel. Das Klavier steht im Schlafzimmer, dort übt Luten jeden Tag. Mein Reich ist auf dem Dachboden. Wir haben die Hoffnung, dass das mit dem Flughafen nichts mehr wird.“ In den 80ern seien die Flugzeuge noch drei Mal lauter gewesen. „Für unsere Gäste war das immer etwas Besonderes, die Flugzeuge so direkt über dem Haus. Manchmal fiel das ganze Obst von den Bäumen.“ Gleich nach der Wende bekamen sie Lärmschutzfenster. „Wenn der Flughafen wirklich einmal in Betrieb genommen wird, wird es schrecklich. Dann können wir uns nur noch im Haus aufhalten“, sagt Brüning. Und zu Luten gewandt: „Quatsche ich zu viel? Nicht dass Du später sagst, erst nimmst Du mich mit und dann lässt Du mich nicht zu Wort kommen!“ Petrowksy ergänzt noch, ihr eigentliches Wohnzimmer sei der Garten. „Da darf wachsen, was kommt, kein Rassismus unter den Pflanzen, da herrscht Freejazz.“ „Na ja, manchmal greife ich dann doch zum Rasenmäher“, ergänzt Uschi Brüning.

Von Karim Saab

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