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Regional James Blonds Weltrettung im Hasenwinkel
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18:28 25.06.2018
Skepsis bei James Blond (Claas Würfel, r.), was auch an den pazifistischen Anwandlungen seiner Dienstwaffe Waffe Walther PPK (Aurin Köhler) liegt. Quelle: Daniel Förster
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Reinhardtsdorf-Schöna

Regen spielt in den James-Bond-Verfilmungen kaum eine Rolle. Zu profan, zu alltäglich, nicht heldengeschichtentauglich. Und wenn er gebraucht würde, ließe er sich in aller benötigten Heftigkeit künstlich erzeugen für die Kamera. Eine Künstlichkeit, die es im realen Leben nicht braucht. Wer sehen und spüren wollte, welche Auswirkungen Regen hat, der war bei „James Blond – Ein Agent ist nicht genug“ in Reinhardtsdorf-Schöna in der Sächsischen Schweiz gut aufgehoben. Das Wetter sorgte dafür, dass die Premiere am Sonnabend kurz vorm Abbruch stand. Am Ende aber hielten alle – Schauspieler, Crew und Publikum – durch und beglückwünschten sich gegenseitig zu dieser Energieleistung auf der weiten Naturbühne, zu der der Ort und seine Umgebung werden.

Das Wetter also. Anfangs hängen die Wolken so tief, dass man sie mit Handschlag begrüßen könnte. Später gibt es eine knappe Viertelstunde Unterbrechung, um den heftigsten Regen vorüberziehen zu lassen. Schauspieler und Publikum stehen dann dicht bei dicht in einer alten Scheune. Wer dabei war, wird das nicht vergessen.

In diesem Moment ist die gespielte Geschichte an ihrem Knackpunkt. James Blond (Claas Würfel) hat soeben im „Kasino Moskwa“ mit seinem Gegenspieler Nummer Eins (hervorragend: Karl-Heinz Ahlers) unter vollem Einsatz roulettiert und alles verloren. Das Böse hat nun sämtliche Chancen, die Weltherrschaft an sich zu reißen. Dass es dann aber doch ganz anders kommt, liegt an den Frauen. Weder Blond und seine Dienstwaffe Walther PPK (köstlich: Aurin Köhler) noch der nerdige Q (schlussendlich ein Mann ganz großer Gefühle: Tom Jäger) werden das schaffen, im Gegenteil. Walther PPK mutiert vom zweifelnden Pazifisten („Peace!“) zur reinen Schießwut, Q lässt sich gar zum künftigen Diktator umpolen und soll bald die Kanzlerin ersetzen. Auch deren Zukunft wird also gerettet in der Sächsischen Schweiz. Das nennt man wohl Doppelbödigkeit.

Ob verraten werden darf, wer sich hinter dem großen Blond-Gegenspieler verbirgt? Vielleicht lieber nicht. Nur so viel: Es ist eine Figur, die als Reminiszenz an die Filmerfolge gesehen werden darf. Eine, die die Seiten wechselt, weil das Böse so viel mehr Spaß macht. Und trotzdem noch die Union-Jack-Unterwäsche Ihrer Majestät trägt.

Apropos Reminiszenz: Schon beim Auftakt wird der erste James Blond-Teil „Das Matzel stirbt nie“ (2016) zitiert. Wie damals macht Blond in Superzeitlupe die Phalanx der Bösewichter nieder und sorgt selbstverständlich auch dafür, dass noch eine Schöne (Maria Maune, später auch eine sehr kokette Katze) in Ohnmacht fällt. Regisseur Arnd Heuwinkel durfte vor zwei Jahren in der Rolle des Blond selbst diesen eindrucksvoll-spaßigen Start hinlegen.

Dann folgt ein Plot, der viele Bezüge hat zu den Absonderlichkeiten aktueller Weltmacht-Möchtegernführer und Möchtegernweltmacht-Führer. Wie zum Beispiel der Slogan der Schurkentruppe „Unterwelt first!“ Der Plan von Nummer Eins: Er will in China Diktatoren herstellen (die als Billigprodukt natürlich eine Sollbruchstelle haben), damit die Welt überschwemmen und ins Chaos stürzen. Blond versucht seinerseits, ein Sextett aus Geh-Heim-Dienstlern aus jahrelanger Lethargie zu reaktivieren, das ihm bei der Suche nach der entführten Miss Moneypenny (Carmen Gaunitz) helfen soll, sich aber als völlig überfordert erweist und lieber an den heimischen Bratwurstgrill zurück will (ist das ein Verweis auf deutsche Fußball-WM-Tätigkeiten?). Also muss ein Trupp Nonnen ran (Ex-Blond-Girls, die von 007 verlassen wurden und ins Kloster gingen), unterstützt von den kleinen technischen Helfern aus dem Hause Q – und Blonds Chefin M höchstpersönlich (Conny Jubelt).

Sage und schreibe 37 Darsteller umfasst die Inszenierung, wobei sich schon halbe Familiendynastien der Bühne verschrieben haben. Einige wie der Beißer (André Voigt) kosten ihre Rolle besonders aus, zum Vergnügen aller. Und der Mut, mit dem der Datenstick (Franziska Jubelt) und der kleine Akku-Schrau-Bär (August Jubelt) temporeich übers nasse Feld radeln – Chapeau. Nur eins fehlt: Poetische Zwischenspiele, die noch vor zwei Jahren wie soziale Skulpturen in den Szenenablauf eingebaut waren und zauberhaft wirkten.

Am Ende von „Ein Agent ist nicht genug“ hat jeder Topf seinen Deckel, James Blond also auch „seine“ Miss Moneypenny. Und der „Golden Eye“-Song Tina Turners, der im Lauf der reichlich vier Stunden auch irgendwann gespielt wird, hat sich an diesem regenreichen Tag mit einer Zeile im Gedächtnis verewigt: „…see reflections on the water…“.

nächste Aufführungen: 30.6. (15.30 Uhr), 1.7. (11.30 Uhr)

Weitere Termine und Infos:

www.sandsteinspiele.de

Von Torsten Klaus

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