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Regional „Jahrhundertschau“ in Litauen
Nachrichten Kultur Regional „Jahrhundertschau“ in Litauen
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09:58 09.07.2018
Zeremonialfahne mit litauischem Wappen, Sachsen 1733, (c) Rüstkammer, Staatliche Kunstsammlungen Dresden Quelle: Foto: Stephan Kube, © Rüstkammer, Staatliche Kunstsammlungen Dresden
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Vilnius.

Sie ist nicht zu übersehen: die Schlange vor dem Palast der Großfürsten von Litauen in Vilnius. Geduldig stehen die Balten da und warten und warten. Erst weit nach Mitternacht schließt der Palast, das litauische Nationalmuseum. Solch eine Menschenansammlung habe es das letzte Mal 2009 gegeben, als die Wiederherstellung des Palastes der Großfürsten von Litauen gefeiert wurde, erinnert sich Museumsdirektor Vydas Dolinskas. Was aber wollen die Litauer unbedingt sehen? Profan ausgedrückt ein bisschen Klunker und Klimbim aus Sachsen, genauer gesagt Gemälde und kostbare Objekte wie Porzellan, Medaillen, Kostüme, Waffen und Münzen aus der Zeit von August dem Starken und seinem Sohn.

Vielleicht noch einmal zur Erinnerung: August der Starke wollte unbedingt König von Polen werden. Für die polnische Krone wechselte er sogar seine Konfession, aus dem Protestanten wurde der Katholik und somit 1697 ein König. Mit der polnischen Krone aber wurden er und sein Sohn August III. auch Großfürsten von Litauen. Die Herrschaft währte nicht lange, nur von 1697 bis 1730. Von dieser Zeit aber erzählen jetzt die rund 150 Exponate aus acht Dresdner Museen. Sie zeigen Hofkultur und Hofkunst vom Feinsten. Es funkelt und blitzt und leuchtet im Palast der Großfürsten von Litauen – wie seit über 200 Jahren nicht mehr. Da ein mit Juwelen besetzter Degen, dort eine Krone aus Gold oder ein Thronsessel aus Samt und Seide. Und überall Wappen. Mit dem polnischen Adler, dem litauischen Reiter, dem kurfürstlichen sächsischen. Auf dem ersten Blick scheint es eine ganz normale Ausstellung zu sein.

Krone Friedrich August II., König von Polen, Kurfürst von Sachsen, Dresden 1697, © Rüstkammer, Staatliche Kunstsammlungen Dresden Quelle: Foto: Elke Estel/Hans-Peter Klut, © Rüstkammer, Staatliche Kunstsammlungen Dresden

Doch all diese Schätze zeugen von der gemeinsamen Geschichte Sachsens und Litauens. Museumsdirektor Vydas Dolinskas findet nur große Worte für die Sonderausstellung im Nationalmuseum. Er spricht davon, dass hier gerade Geschichte geschrieben werde. Solch eine Schau habe es in Litauen noch nie gegeben, im ganzen Baltikum nicht, sagt er und auch: „Das ist nicht nur die Ausstellung des Jahres. Das ist die Ausstellung unseres Landes zu unserem Jubiläumsjahr 100 Jahre moderne Eigenstaatlichkeit. Das ist eine Jahrhundertausstellung.“ Vydas Dolinskas wiederholt diese Worte immer wieder. Es hat schon etwas Rauschhaftes an sich.

Vielleicht auch dazu eine kurze Erklärung. Das Nationalmuseum ist erst sehr jung, es existiert noch keine zehn Jahre. Die Litauer haben noch zu Sowjetzeiten begonnen, ihr Schloss wieder aufzubauen, unter Gorbatschow war ein Anfang jedenfalls möglich. Später als neue alte Republik gab es erst viele Diskussionen, dann aber ein kräftiges Bekenntnis zum Wiederaufbau. Allein das Wort Aufbau trifft es nicht, sie haben es wieder komplett neu hergestellt. Es war einfach nicht mehr vorhanden, seit 200 Jahren nicht mehr. Der einstige Regierungssitz der Großfürsten zerfiel immer mehr und mehr, den Rest erledigten dann die Sowjets. Seit 2013 nun arbeitet das Nationalmuseum. 50 internationale Ausstellungen haben Vydas Dolinskas und sein engagiertes Team nun organisiert, keine von ihnen aber war so groß sowie von derart historischer Relevanz wie diese. „Diese Schau erinnert uns Litauer an unsere eigene Geschichte“, erklärt die Historikerin Jolanta Karpavičiené und weiter: „Das macht sie so groß und so wertvoll für uns. Kaum einer von uns weiß etwas über das Leben der litauischen Aristokratie im 18. Jahrhundert. Diese Zeit haben wir Litauer längst vergessen, verdrängt. Es ist doch aber unsere Geschichte.“ Auch wenn darüber in der Schule, zumindest bei den Sowjets, kaum gesprochen wurde. Jolanta Karpavičiené fügt noch hinzu: „Ja, August der Starke und sein Sohn waren über 30 Jahre lang die wichtigsten Männer in Litauen. Wir sind mit keiner anderen Region so eng verbunden wie mit Sachsen. Das müssen wir doch feiern.“

Gemeinsam auch mit den vielen Gästen aus Dresden und Berlin. Marion Ackermann greift den schwierigen Umgang mit der Geschichte auf. Die Generaldirektorin der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden betont, dass diese Ausstellung im litauischen Nationalmuseum den Gedanken eines gemeinsamen Europas stärken werde. Sie sagt: „Diese Schätze aus Dresden fordern zu einer differenzierten Betrachtung der Geschichte auf. Das ist wichtig für die Litauer selbst, aber auch für uns. Bis jetzt haben wir immer nur die vielen Wappen gesehen, den polnischen Adler, den litauischen Reiter. Und nicht mehr. Mit dieser Ausstellung in Vilnius blicken wir noch einmal ganz anders auf unsere gemeinsame Geschichte.“ Auf unsere gemeinsame europäische Geschichte, fügt sie noch hinzu. Auch Monika Grütters spielt auf diese Gemeinsamkeit an. Rund 2500 Gäste im Schlosshof hören dies alles ganz offensichtlich gern. Sie nicken sich gegenseitig zu, heben die Daumen hoch, wie zur Selbstbestätigung, als die Staatsministerin für Kultur und Medien sagt: „Die Objekte offenbaren, dass Kunst in Europa schon zu einer Zeit keine Grenzen kannte, als der europäische Gedanke, wie wir ihn heute leben, noch nicht einmal als Utopie am politischen Horizont erkennbar war.“

Kronschwert von Litauen, Mitteleuropa 1733-1734, (c) Rüstkammer, Staatliche Kunstsammlungen Dresden Quelle: Foto: Elke Estel/Hans-Peter Klut, © Rüstkammer, Staatliche Kunstsammlungen Dresden

Die Dresdner haben nach Vilnius auffallend kostbare und besondere Objekte gegeben, darunter auch das Krönungsservice aus der Porzellansammlung oder die Diamanten-Rautengarnitur aus dem Historischen Grünen Gewölbe. Vieles davon ging zum ersten und auch zum letzten Mal auf Reise. Dirk Syndram wollte die Schau „Kurfürsten von Sachsen – Großfürsten von Litauen. Hofkultur und Hofkunst unter August II. und August III.“ unbedingt unterstützen. „August der Starke und August der III. haben das Schloss in Vilnius nie betreten, nie gesehen. Der Weg dorthin war auch viel zu lang und beschwerlich. Und doch waren sie Großfürsten von Litauen. Dass wir den Balten jetzt das gesellschaftliche Leben beider Herrscher zeigen, vervollständigt endlich das Bild, erfüllt zwei Namen endlich mit Leben.“

Im Palast der Großfürsten von Litauen in Vilnius ist man sich sicher, dass nicht nur die Litauer sich diese Ausstellung mit Hofkultur und Hofkunst aus Sachsen anschauen werden, Jolanta Karpavičiené rechnet mit Gästen aus dem ganzen Baltikum. In einer Zeit, in der Grenzen immer enger gesetzt werden, sei es für die Menschen immer wichtiger, auch nach ihren Wurzeln zu fragen, sagt sie mit Nachdruck.

bis 14. Oktober, Palast der Großfürsten von Litauen, Vilnius

www.valdovurumai.lt

Von Adina Rieckmann

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