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Jacques Lipchitz’ „Benediction“

Erfolg für Dresdner Restauratoren Jacques Lipchitz’ „Benediction“

Mit der Ausstellung zu Jacques Lipchitz (1891–1973) in den Chemnitzer Kunstsammlungen ist eine umfangreiche Schenkung verbunden. Deren bedeutendstes Objekt ist die Großplastik „Benediction“ (Segen), die im Museum auf Dauer einen eigenen Raum erhielt. Zuvor war die aus Plastilin geformte Figur in einem mehrjährigen Prozess erforscht und restauriert worden. Entscheidenden Anteil daran hatten drei Professoren und weitere Wissenschaftler sowie Absolventen des Studiengangs Restaurierung der Hochschule für Bildende Künste Dresden.

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Restaurator Jakob Fuchs (Hauptverantwortlicher für die praktische Ausführung der Restaurierung, r.) erläutert Kunstsammlungschefin Ingrid Mössinger und Hanno D. Mott (Vorsitzender der Jacques and Yulla Lipchitz Foundation) die Restaurierung. Es ist das einzige erhaltene Plastilinmodell (1943–45) für Lipchitz’ Bronzeguss „Benediction“: Nach seiner Überführung aus dem ehemaligen Atelier des Künstlers in den USA ist das monumentale Modell nun erstmals öffentlich zu sehen.

Quelle: Wolfgang Schmidt

Dresden/Chemnitz. Als die bemerkenswerte Ausstellung „Jacques Lipchitz – Bildhauer des 20. Jahrhunderts“ in den Kunstsammlungen Chemnitz vorgestellt wurde, saßen auf dem Podium auch zwei Restauratoren: Ivo Mohrmann, Professor im Studiengang Restaurierung der Hochschule für Bildende Künste Dresden, sowie Jakob Fuchs, Absolvent dieser Fachrichtung. Dies deutete darauf, dass es auch um eine interessante Restaurierungsgeschichte geht. Sie betrifft „Benediction“ (Segen) – das 750 Kilo schwere und 2,16 Meter hohe plastische Eins-zu-Eins-Modell einer beeindruckenden, amorph wirkenden weiblichen Figur mit Harfe.

Seit Ende 2016 – noch war die Restaurierung in vollem Gange – hat diese, nicht zuletzt aus klimatischen Gründen, ihren vorerst endgültigen Platz separat in einem Raum neben der Skulpturenhalle des Chemnitzer Museums gefunden. Platziert werden konnte die Großplastik dort nur, weil man den Eingang erweitert hatte, um ihn danach wieder in den alten Zustand zu versetzen. „Hier kommt sie nicht mehr raus“, so die lakonische Feststellung von Kunstsammlungschefin Ingrid Mössinger, der kurz vor ihrem Abschied im kommenden April aufs Neue ein Coup gelungen war beim Bemühen, ihrem Haus den Charakter eines Ortes der Moderne des 20. Jahrhunderts wiederzugeben, der nach 1933 lange verloren schien.

„Benediction“ ist das Glanzstück einer mit der Ausstellung einhergehenden Schenkung von elf Modellen, 23 Zeichnungen und einer Bronze der amerikanischen Jacques und Yulla Lipchitz Foundation. Sicher ist jedes andere dieser Objekte von der Hand des 1891 in Litauen geborenen und 1973 auf Capri gestorbenen Künstlers eine Bereicherung für das Chemnitzer Haus – „Benediction“ aber ist etwas Besonderes. Denn davon ist nur noch dieses Plastilin-Modell existent, das bis zur Auflösung des Lipchitz-Ateliers vor einigen Jahren dort seinen Platz hatte. Von der 1945 gegossenen Bronze – unklar ist, ob sie wirklich von diesem Modell abgegossen wurde – kündet heute dagegen nur noch eine Aufnahme aus dem New Yorker MoMA von 1946. Sie zeigt die Skulptur in unmittelbarer Nachbarschaft von Picassos „Les Demoiselles de l’Avignon“, was für die Bedeutung spricht, die man „Benediction“ beimaß.

Ingrid Mössinger, die schon früh um die Fragilität des Modells wusste, stand natürlich vor der Frage, wie man damit umgehen sollte. Ihr im wahrsten Sinn des Wortes „rettender“ Gedanke war: „Das wäre doch was für die Dresdner Kunsthochschule.“ So jedenfalls erinnert sich Ivo Mohrmann im Gespräch. In der Folge beschäftigte dann das werk- und kunsthistorisch sowie künstlerisch bedeutende Modell für drei Jahre außer Mohrmann und Fuchs auch die Professoren Christoph Herm und Andreas Schulze sowie weitere Wissenschaftler und Restauratoren, darunter natürlich Detlef Göschel von den Kunstsammlungen Chemnitz. Nachdem „Benediction“ im Museum inventarisiert war, bezog das Modell ab Dezember 2013 vorerst in der Dresdner Güntzstraße in einem speziell geschaffenen Arbeitsraum Quartier.

Mohrmann erinnert sich: „Das erste, was man beim Auspacken wahrnahm, war der Geruch, obwohl uns ja nicht gleich was umhaut.“ Es muss „beeindruckend“ für die Nase gewesen sein. Was aber wichtiger war: Je mehr Folie entfernt war, umso deutlicher zeigten sich Fehlstellen. „Man hat eigentlich nur Schäden gesehen“, so der Fachmann. Die ließen teils „tief blicken“ in das Innenleben des Modells, ein Gerüst aus Stahlrohren und Holzlatten, umwickelt mit Maschendraht, auf den das formende Plastilin aufgebracht ist. Dieser zeigte, wo er bloßlag, einen hellen Belag, der auf Salzbildung deutete – eine Reaktion des Metalls mit dem Plastilin beziehungsweise der daraus (auch in Abhängigkeit vom klimatischen Umfeld) mehr oder weniger austretenden öligen Flüssigkeit. Laboranalysen waren notwendig. Ein Modell für eine Langzeituntersuchung wurde gebaut, um frühzeitig Parameter für das langfristig nötige Raumklima zu bestimmen, wenn man die Salzbildung auch nicht wird grundlegend beheben können.

Genauer unter die Lupe genommen wurde ebenso das Plastilin – ein thermoplastisches Material, das sonst höchstens für temporäre Arbeiten verwendet wird. Künstler hätten zwar schon früher ungewöhnliche Materialien benutzt, Degas etwa, beschreibt Mohrmann die Lage, aber mit einer solch großen Figur aus Plastilin, die erhalten werden sollte, gab es keine Erfahrung.

Zunächst musste das Material selbst genauer bestimmt werden. Denn die Amerikaner von der Stiftung sprachen von „rubber“(Gummi), was ja nicht zutreffend war, wie Mohrmann erzählt. Mit der uns aus der Kinderzeit bekannten Knete hat es auch wenig zu tun. Es handelt sich um ein Industriematerial, mit dem man Modelle, beispielsweise in der Autoindustrie, schuf.

Erst nach diesen analytischen Arbeiten konnte man geeignete Methoden und Materialien für die Befestigung der vielen sich ablösenden oder abgefallenen großen und kleinen Schollen bestimmen. Pionierarbeit dafür leistete 2014 die Diplomarbeit von Suzanna Etyemez. Jakob Fuchs, der die Erkenntnisse dann umsetzte, werden dabei wohl ähnliche Empfindungen berührt haben, wie sie Ivo Mohrmann schildert: „Eine solche Scholle in der Hand zu haben, die der Künstler in der Hand hatte, ist etwas Besonderes.“ Die Befestigung der Schollen war allerdings nicht alles. Ziel war ein optisch homogener Oberflächeneindruck wie an den unbeschädigten Bereichen. Dazu musste man eine Vorstellung davon haben, wie Lipchitz das Modell geformt hat.

Ein ganz spezieller „Fall“, den Mohrmann und Fuchs in diesem Zusammenhang schildern, war ein abgefallenes Fragment, das etwa 25 Kilo wog. Es war auf Dauer offensichtlich zu schwer gewesen, zumal es zur Unterkonstruktion keine Verbindung hatte. Lipchitz hatte wohl nach der Fertigstellung der Bronze an diesem Modell weitergearbeitet. Schließlich fand man eine fast geniale Lösung: Die Restauratoren verbündeten sich mit den Theaterplastikern der Hochschule. Ergebnis war eine äußerlich adäquate Form aus leichterem Material – Glasfaser und Gips –, die an der von Lipchitz vorgesehenen Stelle verankert wurde.

Auch diese Lösung trägt dazu bei, „dass man die bildhauerische Qualität der „Benediction“ wieder erkennen kann und nicht wie beim Auspacken nur Schäden sieht“, freut sich Mohrmann. Das Modell sei „jetzt erst einmal sicher“, dank der im Ausstellungsraum geschaffenen klimatischen Verhältnisse sowie der „konservierungstechnisch gefundenen neuen Lösungen“. Für die Zukunft muss man natürlich weiter ein Auge auf „Benediction“ haben. Und schließlich schreitet die Forschung immer weiter voran – auch bei Jakob Fuchs, der über „Benediction“ promovieren wird.

Von Lisa Werner-Art

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