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Regional Ionescos „Die Nashörner“ kommen ohne Zeitbezüge aus
Nachrichten Kultur Regional Ionescos „Die Nashörner“ kommen ohne Zeitbezüge aus
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19:05 25.02.2018
Halt suchen Alexander Ganz, Emil Borgeest, Lucas Lentes und Tillmann Eckardt (v.l.) auf je ganz eigene Weise. Quelle: Sebastian Hoppe

Ein Blick in die aktuellen Spielpläne großer und weniger großer deutschsprachiger Theater zeigt, dass es ohne Renaissance auskommen muss: Eugène Ionescos Stück „Die Nashörner“. Dabei bietet es sich an in Zeiten, in denen Mitläufertum und Protest als Begriffe und Tatbestände aus nicht immer nachvollziehbaren Blickwinkeln neu interpretiert werden. In Tagen, in denen der Einzelne durchaus den Eindruck haben kann, dass da draußen eine Herde auf der Straße entlangdonnert – Nashörner, die gestern noch Nachbarn waren. Ionescos Stück hat wieder einmal Gestalt angenommen.

Doch in diesem Zeitbezug liegt natürlich auch eine Gefahr, mit der das Theater einen ewigen Tanz aufführt. Sich dem Aktuellen auszuliefern, birgt das Risiko des politischen Erklärbärs. Etwas, dem die Bühne aus dem Weg gehen muss, weil es die Sachverhalte verkürzt, statt den Horizont zu weiten. Der offen liegende Zeitbezug bei Ionescos „Die Nashörner“ wäre also einfach und schnell herzustellen, er säuselt und lockt geradezu. Doch diese Falle hat das Team um Regisseurin Juliane Kann und Bühnenbildner Vinzenz Gertler bei der jüngsten Ionesco-Premiere im Kleinen Haus weiträumig und elegant umgangen. Vor allem elegant.

Der Beginn ist ein kollektiver, als die acht Schauspieler in extremer Rücklage eine Art Marsch in Richtung Publikum hinlegen. Dann teilt sich die Phalanx in Vierergruppen, und schon beginnt das Bild der kleinen Stadt Gestalt anzunehmen, wenn die Hausfrau mit dem Händler ein Pas de deux zu Angebot und Nachfrage tänzelt (Claudia Korneev, Paul Wilms) oder sich die beiden Freunde Behringer und Hans (Alexander Ganz, Tillmann Eckardt) darüber in die Haare kriegen, was man aufwenden muss, um gesellschaftlich (und auch sich selbst gegenüber) respektabel zu sein. Hans tadelt die Trunksucht des Freundes und gibt sich kleinbürgerlich-selbstbewusst. Behringers Rechtfertigungen zeigen ihn unsicher, mit einem Hauch Anarchismus. Später wird Hans zu einem der ersten Nashörner werden, wogegen sich Behringer bis zum Schluss verweigert. So entsteht eine Frage, die vielleicht nicht unwichtig ist: War das, was diese beiden Männer verbunden hat, am Ende gar keine Freundschaft?

Zuerst aber bildet die Bühne einen Ort der Munterkeit, die nicht aufgesetzt wirkt. Gertlers Fläche ist ein Wohnungsgrundriss, wie man ihn von Immobilien-Portalen kennt. Verbunden mit entsprechender Beleuchtung werden so das Büro, in dem Behringer arbeitet, oder Hans‘ Wohnung ganz einfach aus dem Bühnenboden geschält. Tauchen die Rhinos auf den Straßen auf, wird das akustisch entsprechend untermalt, ohne zu übertreiben.

Ein Abend, der aus komponierten kleinen Szenen besteht, die bestechend ineinandergreifen. Wie die einzigartige Choreografie mithilfe einer überlangen Neonröhre, die ganz verschiedene Funktionen einnimmt und szenische Gruppenteilungen jeweils sehr effektiv untermalt. Dabei schimmert auch das Komische durch, etwa wenn vier Männer die Röhre baumstammgleich auf der Schulter balancieren und die kleine Frau Schmetterling (Marina Poltmann) – die als Bürochef bei Ionesco ein Mann ist – hüpfend versucht, ebenfalls zum tragenden Element zu werden.

Das Tempo ist dabei hoch, aber nie hektisch. Beständig befeuert wird die Szenerie von einem Soundtrack (Daniel Freitag), der meist nur wenige Töne umfasst, die dafür umso intensiver wirken. Die oft gesteppte, schmal geschnittene Garderobe (Josephin Thomas) samt Hochwasserhosen weist einerseits in die Zeit der späten Fünfziger, als Ionescos Text entstand. Andererseits wirkt die Kleidung aber auch wie aus einer Zeit, deren Zeit noch nicht gekommen ist.

Ein Text, ein Stück zwischen Fatalismus und Weisheit. Bald schon sind Behringers Büro-Kollegen gleichfalls zu Dickhäutern geworden. Und jeder bietet seine eigene Begründung. Um in die Masse einzugehen, werden alle Argumentationshebel bedient. Da ist Frau Ochs (Korneev) schon fast eine Ausnahme. Sie erkennt in einem Rhinozeros ihren Mann – und jagt reitend auf ihm davon, in einem Anflug von tatsächlich animalischen Gelüsten.

All das läuft auf einen der bemerkenswertesten Schlusssätze der Theatergeschichte hinaus. „Ich kapituliere nicht“, sagt Behringer. Es ist kein dunkles Ende, aber eins der Zwangsläufigkeit. Daisy (Tammy Girke) verlässt Behringer und wechselt schlussendlich auch zu den Nashörnern über, die als Sechsergruppe Sätze wie Weisheiten deklamieren, vor sich hin murmeln, sich fast in einen Singsang steigern, während die Körper im Takt wiegen. Die Gruppe weiß zu locken als soziales Gefüge und als Hort bequemer Überlegenheit, der Einzelne muss allein gegen seine Zweifel ankämpfen. Eine ungleiche Auseinandersetzung. Doch Behringer stellt sich ihr. Sein Monolog ist ein Stakkato ohne Steigerungen.

Rhinozeritis, die Transformation in ein Nashorn, umschreibt dabei nur die menschliche Schwäche, den Weg des geringsten Widerstands zu wählen. Und das ist der Kern. Ionesco schickt uns auf einen Trip an die Grenze vom Möglichen zum Unmöglichen, darüber hinaus – und wieder zurück. Behringers „Ich kapituliere nicht“ ist der Beweis für diese Reise. Es geht um nicht weniger als um alles. Dazu braucht es keinen Zeitbezug. Langer Premierenbeifall. Verdient.

nächste Aufführungen: heute, 6. & 11. März

www.staatsschauspiel-dresden.de

Von Torsten Klaus

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