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Regional Krzysztof Penderecki : „Ich habe nicht versucht, chinesisch zu klingen“
Nachrichten Kultur Regional Krzysztof Penderecki : „Ich habe nicht versucht, chinesisch zu klingen“
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17:52 04.05.2018
Krzysztof Penderecki bei der Probe seiner Sinfonie mit der Dresdner Philharmonie unter Cristian Măcelaru im Kulturpalast Quelle: Dietrich Flechtner

Krzysztof Penderecki wird am Sonnabend in Dresdner Kulturpalast der Deutschen Erstaufführung seiner 6. Sinfonie beiwohnen. Ursprünglich sollte dieses Werk mit dem Titel „Chinesische Lieder“ hier viel eher zu hören sein. Die Uraufführung gab es nun im vergangenen Herbst in Guangzhou. Das dortige Sinfonieorchester und die hiesige Philharmonie hatten dem 1933 geborenen Künstler einen gemeinsamen Kompositionsauftrag erteilt. Im DNN-Gespräch verrät Krzysztof Penderecki, was es mit dieser 6. Sinfonie auf sich hat.

Frage: Ihre 7. Sinfonie wurde 1997 uraufgeführt, die 8. kam 2005 heraus. Wieso kommt die 6. erst jetzt?

Krzysztof Penderecki: Wer sagt, dass Sinfonien chronologisch herauskommen müssen? Ich hatte die Idee für die 6. Sinfonie schon viel früher, wollte eigentlich chinesische Gedichte direkt vertonen. Leider kann ich kein Chinesisch, und es wäre wohl auch ein Handicap für die Aufführungen geworden. So habe ich am Ende die deutschen Übertragungen von Hans Bethge als Grundlage genommen.

Die Gesamtspieldauer gibt das Dresdner Programmheft mit 22 Minuten an – da denkt man sofort an die Konzentriertheit von Sibelius’ Siebter oder Leif Segerstams Sinfonien, die auch diese Länge haben...

Oh, Moment! Diese Zeitdauer habe ich gar nicht angegeben. Das macht immer jemand vom Verlag, und leider oft falsch. Wir reden doch hier über Lyrik, da darf man nicht eilen! Nein, die neue Sinfonie dauert sicher über dreißig Minuten.

„Chinesische Lieder“ für Bariton und Orchester steht gewiss in der Tradition Gustav Mahlers, der Sinfonik und Gesang miteinander verband. Eine bewusste Analogie?

Ich bin überhaupt kein großer Mahler-Fan. Lieber Bruckner! Nein, Bezüge gibt es hier keine. Ich habe einfach sehr viel Lyrik vertont, vor allem deutsche. Ich bin fasziniert von der menschlichen Stimme – sie ist das schönste Instrument, das es gibt. Dabei denke ich übrigens zuerst über die Musik und dann erst über die Texte nach. Das war auch bei der 6. Sinfonie so. Ein paar dieser Lieder habe ich „ohne Worte“ niedergeschrieben und dann erst überlegt, welche Texte dazu passen könnten. Danach hat sich die Musik natürlich noch einmal sehr verändert.

Und wie kamen Sie auf die chinesische Lyrik?

Naja – zuerst mal, meine Frau und ich sind sehr oft in China. Wenn ich die chinesische Musik und Sprache höre, den Ausdruck ... Darauf muss ich natürlich anders reagieren als auf unsere Sprache. Aber ich habe alles in meinem Stil geschrieben und nicht versucht, extra chinesisch zu klingen.

Ein landestypisches Instrument hat aber doch Eingang gefunden: die Erhu, die quasi als Zwischenmusik zwischen den Liedern erklingt.

Ja, die Erhu das ist eine chinesische Geige mit zwei Saiten. Ich habe sie in China ein paar Mal gehört, und ihr Klang hat mich fasziniert: sehr lyrisch, aus der Ferne... und sehr süß.

Im Programmheft sind Sie zitiert, Sie wollten sich mit diesem Werk von der sinfonischen Gattung verabschieden? Das wäre aber schade – keine „Neunte“?

Neinnein! Woher wusste der Autor das? Ich habe acht Sinfonien geschrieben, jetzt beginne ich die Neunte, das wird auch Zeit! Und ich will auch nicht ausschließen, dass ich noch eine zehnte oder elfte schreibe. Aber so viele wie bei Haydn werden es dann sicher doch nicht.

Mitte Mai werden Sie das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin und Anne-Sophie Mutter mit dem ihr gewidmeten Violinkonzert „Metamorphosen“ aus dem Jahr 1995 dirigieren …

Ja, und ich kann auch schon verraten: Wir haben kürzlich über ein ganz neues Werk gesprochen. Wenn ich für Geige schreibe, dann nur für Anne-Sophie. Es gibt keine bessere Geigerin. Sie versteht meine Musik, sie liebt sie und spielt sie sehr oft.

In diesem Konzert wird es auch Schostakowitschs letzte Sinfonie Nr. 15 geben. Was verbindet Sie mit diesem Komponisten?

Wir waren befreundet, wegen Schostakowitsch bin ich mehrfach nach Russland gereist. Wir hatten immer Kontakt, seine Musik hat mich sehr beeinflusst, ja, ich kann sagen, ich liebe sie sehr. Als meine Lukas-Passion 1966 uraufgeführt worden war, schickte ich ihm die Partitur – ohne große Hoffnung auf eine Antwort. Die aber kam! Mit schon sehr wackliger Schrift: „lieber Krzysztof, du hast mir ein wunderschönes Geschenk gemacht.. Ich glaube, es ist eines der größten Werke des 20. Jahrhunderts. Dein Dmitri.“

Im Juni werden Sie nun bei den Internationalen Schostakowitsch-Tagen Gohrisch zu Gast sein; neben Witold Lutosławski und Krzysztof Meyer steht Ihr Werk dort im Fokus des Festivals. Eine Herausforderung für Sie?

Krzysztof Meyer war ja zeitweilig mein Schüler, aber ich muss gestehen, seine Kompositionen in letzter Zeit nicht sehr eng verfolgt zu haben, obwohl wir gut befreundet sind. Es wird jedenfalls interessant werden.

Wenn wir noch etwas weiter vorausschauen: Am 23. November begehen Sie Ihren 85. Geburtstag. Haben Sie diesen Tag schon geplant?

So etwas plant meine Frau. Ihre Idee: Es wird ein achttägiges Festival geben, dicht gepackt mit Aufführungen. Viele Freunde kommen, spielen, dirigieren... An meinem Geburtstag selbst wird Anne-Sophie Mutter wieder die „Metamorphosen“ spielen, ich dirigiere; nach mir übernehmen Christoph Eschenbach und Leonard Slatkin den Stab.

Jetzt wollen wir Sie nicht aufhalten. Sie müssen zur Probe!

Ja, ich bin gespannt, wie die Dresdner das Werk interpretieren.

Dann bremsen Sie die Musiker noch etwas! Bei Lyrik darf man nicht eilen!

Ha, das werde ich tun.

Konzert 5.Mai 19.30 Uhr, Kulturpalast

Die für den 6.Mai geplante Wiederholung entfällt.

Von Michael Ernst und Martin Morgenstern

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