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Interview: Myung-Whun Chung ist erster Gastdirigent der Staatskapelle Dresden

Interview: Myung-Whun Chung ist erster Gastdirigent der Staatskapelle Dresden

Der koreanische Dirigent Myung-Whun Chung leitet am Wochenende das 5. Symphoniekonzert der Sächsischen Staatskapelle mit Werken von Olivier Messiaen und Gustav Mahler.

Chung wird auch im Kammerabend am 9. Januar musikalisch am Klavier zu erleben sein. Zu Beginn der Saison 2012/2013 wurde er zum Ersten Gastdirigenten der Sächsischen Staatskapelle ernannt. Alexander Keuk sprach mit dem Dirigenten über das neue Engagement und seine Pläne.

Frage: Welche Gefühle bewegten Sie, als Sie die Nachricht von der Ernennung erhielten?

Myung-Whun Chung: Da diese Ernennung zum Ersten Gastdirigenten der Sächsischen Staatskapelle direkt von den Musikern des Orchesters ausging, ist das eine besondere Freude und Ehrung. Die Ernennung bedeutet für mich vor allem einen Freundschaftsbeweis, und das schätze ich sehr.

Wie haben Sie den Jahreswechsel verbracht - musikalisch, auf der Bühne?

Ja, es gab einige Konzerte - ich arbeite ja hauptsächlich in Paris und in Seoul, dieses Mal war ich in Korea, wo auch meine Kinder waren.

Seit 2001 haben Sie die Staatskapelle in vielen Konzerten geleitet, etwa 2008 mehrere Konzerte zum 100. Geburtstag Olivier Messiaens gestaltet...

Genau, und wenn eine Beziehung gut läuft, dann vertieft sie sich. Es ist auch eine Frage des Alters. Wenn man älter wird, erkennt man, dass man gerne mit Menschen zusammenarbeitet, die man versteht und die mich verstehen, das ist ein natürlicher Prozess.

Wie oft werden Sie nun in Dresden sein?

Zweimal im Jahr werde ich Konzerte dirigieren - über längere Zeit ist ein Mahler-Zyklus geplant, wir starten in diesem Jahr mit der 1. und 9. Sinfonie.

Sie haben eine starke Affinität nicht nur zu Mahler und französischer Musik, sondern auch zur Musik der Gegenwart. Im Konzert am Wochenende dirigieren Sie "L'Ascension" von Messiaen, mit dem sie persönlich eng zusammengearbeitet haben. Wie nah ist Ihnen dieser Komponist, wie wichtig ist es heute, Musik von Messiaen aufzuführen?

Man hat nicht so oft die Möglichkeit, mit den Komponisten selbst die Werke zu erarbeiten. Als Dirigenten sind wir nur die Boten, ähnlich wie Kellner, die das Essen bringen. Selten wissen wir exakt, was die Komponisten wollen, denn die geschriebene Musik vermittelt ja noch nichts. Unsere Dirigentenarbeit besteht dann vielmehr im Erahnen, Erspüren dessen, was die Komponisten beabsichtigen. Wenn dann ein Komponist da ist und sich selbst dazu äußert, gibt das natürlich viel mehr Einblick und Vertrauen.

Eine "Himmelfahrt" zum Jahresbeginn, das ist natürlich auch ein sehr spiritueller Ansatz für ein Konzert-

Messiaen ist von allen Menschen, die ich in meinem Leben kennenlernte, einem Heiligen am nächsten. Nicht nur musikalisch, sondern auch menschlich war das eine extrem wertvolle Begegnung für mich. Jede geschriebene Note in seinem Leben war von Messiaen im Dienste seines Glaubens ausgeführt. Man muss diesen Glauben nicht teilen, aber den Respekt dazu erbringen und die Seele in der Musik zu entdecken vermögen.

Im selben Konzert erklingt auf der anderen Seite Gustav Mahler... Können sich diese Werke überhaupt verbinden?

Natürlich ist Mahler auf seine Weise sehr irdisch, und doch hat ja jeder Mensch eine spirituelle Seite. In Mahlers Sinfonien hat man oft den Eindruck, dass jeweils eine Sinfonie schon ein ganzes Leben abbildet, mit allen Gefühlen, Höhen und Tiefen. Mahler und Messiaen werden sich nicht nahekommen in diesem Konzert, aber der Kontrast wird sehr spannend werden, so hoffe ich.

Sie sind Koreaner und arbeiten viel in Ihrer Heimat, dirigieren aber auch auf der ganzen Welt. Was bringen Sie aus Korea mit, was können wir heutzutage von Asien lernen und schätzen?

Die Welt verändert sich sehr stark, und ich bemerke auch Veränderungen, was die Musik in Asien betrifft. Was wir klassische Musik nennen, hat sich doch längst zu einer universellen Sprache entwickelt. Auch Messiaen war in Japan, er war leider nie in Korea - aber jeder Komponist schätzt sich doch glücklich, wenn seine Musik nicht nur zu Hause gespielt und verstanden wird. Was immer interessanter und wichtiger wird, ist, wie das Individuum sich äußert und einbringt. Nationale Geschichten sind weniger interessant. Koreaner hatten immer einen sehr emotionalen Zugang zur Musik, vor allem zum Singen - das vergleiche ich gerne mit dem populären Singen in Italien im 19. Jahrhundert.

2013 feiert die Musikwelt die Jubiläen mehrerer großer Komponisten. Für wen richten Sie in diesem Jahr die Feiern aus: Verdi und Wagner? Oder lieber Britten und Lutoslawski?

Oh, Verdi und Wagner. Natürlich sind sie die beiden Giganten der Oper. Ich habe kürzlich Opern beider Komponisten abwechselnd in kurzer Zeit aufgeführt - Othello und Tristan. Das war in Venedig, wo beide Komponisten mehrfach weilten, sich aber nie trafen. Ich hatte also die Aufgabe, im Theater quasi dieses Treffen musikalisch zu arrangieren. Vielleicht bin ich auch Verdi etwas näher, weil ich früher sehr oft in Italien dirigiert habe. Aber ich werde auch dieses Jahr Wagner dirigieren. Ich entscheide mich gerne für Verdi und Wagner, denn irgendwann will man Dinge auch intensiver, besser machen und nicht nur ständig neue Sachen entdecken. Das ist auch eine Frage des Alters.

Als ich Assistent von Giulini in Los Angeles war, gab er mir eine Partitur aus genau diesem Grund, er sagte: "Das hier ist wundervolle Musik. Mach du dies, ich bin zu alt dafür". Und es war Messiaens Orchesterstück "Les Offrandes Oubliées" - ich hatte bis dahin noch nie Messiaen dirigiert. So verläuft das Leben. In Zyklen.

Sie sind auch politisch engagiert, zum Beispiel als Kulturbotschafter...

Wenn ich das aber auf einer Skala von eins bis hundert einordnen würde, dann würde dies auf 100 landen. Ich bin Musiker. Natürlich tragen wir als Dirigenten immer eine Verantwortung. Wenn ich "Seoul Philharmonic" dirigiere, ist da ja schon die Verknüpfung zur Stadt im Namen enthalten. Aber ich würde mich nicht als politisch bezeichnen.

Wir sind Botschafter der Musik. Kürzlich besuchte ich zum ersten Mal Nord-Korea. Die Situation ist sehr schlimm - man kennt hier den Aus-druck "Eisernen Vorhang", aber dieser Vorhang dort ist absolut schwarz. Ich hatte die Gelegenheit, mit nordkorea- nischen Musikern zusammenzuarbeiten, es war Beethovens 9. Sinfonie. Die Musiker kamen danach zu mir und sagten, sie würden das nie vergessen. Sie hätten zum ersten Mal in ihrem Leben Beethoven gespielt. Die Musiker sind sehr gut, aber sie durften bisher nie Stücke wie Beethoven spielen. Dass wir dieses Projekt durchführen durften, war vielleicht ein kleiner Hinweis auf eine Öffnung. In diesem Momenten zählt nur die Musik, und man kann allen Schmerz einmal vergessen. Darin liegt die Kraft dieser großartigen Musik. Wir werden alle zu Dienern dieser Musik, und dann gibt es auch keine Unterschiede - es kann so eine gute, positive Wirkung für die Welt haben, das hat dieser Besuch gezeigt.

Sächsische Staatskapelle, 5. Symphoniekonzert unter Myung-Whun Chung: 6.1., 11 Uhr; 7./8.1., 20 Uhr, Semperoper.

4. Kammerabend, 9.1. 20 Uhr, Semperoper, Arabella Quartett; Myung-Whun Chung, Klavier; Brahms Klavierquintett f-Moll op. 34 und andere Werke

1953 in Seoul geboren

beginnt seine Laufbahn als Pianist

1984 Leiter des Rundfunk-Sinfonieorchesters Saarbrücken (bis 1990)

Chefpositionen an der Pariser Opéra Bastille (1989-1994) und der Accademia Nazionale di Santa Cecilia in Rom (1997-2005)

seit 2000 Musikdirektor des Orchestre Philharmonique de Radio France

Künstlerischer Berater des Tokyo Philharmonic, Musikdirektor des Seoul Philharmonic, Musikdirektor des Asia Philharmonic Orchestra

Dirigate bei international renommierten Orchestern - Berlin, Wien, London, Paris bis Boston, Chicago, Cleveland, Philadelphia oder New York

seit 2001 regelmäßig bei der Staatskapelle Dresden, ab 2012/13 Erster Gastdirigent des Orchesters

humanitäre und ökologische Projekte

1995 von der UNESCO als "Man of the Year" gewürdigt

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 05.01.2013

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