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Interview: Barbara Bürk inszeniert ihren "Puntila" am Dresdner Staatsschauspiel

Interview: Barbara Bürk inszeniert ihren "Puntila" am Dresdner Staatsschauspiel

Von den hiesigen Probenbedingungen ist sie begeistert. Das Klima am Staatsschauspiel Dresden gefällt ihr. Und ihre Arbeiten kommen beim Publikum an.

Also kein Wunder, dass Regisseurin Barbara Bürk schon zum dritten Mal hier inszeniert? Bevor am Sonnabend ihr "Herr Puntila und sein Knecht Matti" Premiere hat, sprach sie mit Michael Ernst darüber, wie sie's mit Bertolt Brecht hält.

Frage: Wie sehen Sie "Puntila" - als Stück über "antagonistische" Klassenstrukturen oder als Drama menschlicher Abhängigkeiten und Gegensätze?

Barbara Bürk: Ich sehe beides darin. Beides ist im Stück angelegt, und ich versuche, beides auch in meiner Inszenierung zu beachten. Der menschliche Faktor interessiert mich meistens zwar mehr, aber natürlich lässt sich nicht leugnen, dass Brecht das alles exemplarisch gemeint hat und damit etwas über die Gesellschaft erzählen wollte. Wenn man das beim Inszenieren nicht ernst nehmen und nicht damit umgehen würde, wäre wohl die Hälfte des Stückes verschenkt.

Ist die Vorlage mehr Volksstück oder ein faustischer Stoff?

Auf jeden Fall ein Volksstück, schon aus der Handlung heraus. Diese schwankartige Intrige ist ja von Anfang an durchschaubar, wird hier aber so ad absurdum geführt, dass es zwangsläufig kein Happy End geben kann, sondern wieder auf den Klassenantagonismus hinführt. Das macht es besonders. Aber Brecht hat ganz klar den Humor und die Energie des Volksstücks benutzt. An Faust und Mephisto habe ich dabei nicht gedacht, auch wenn der Puntila natürlich ein starker Verführer ist. Doch Matti ist überhaupt nicht in der Position, so ausschweifend zu sein.

Nach "Frau Müller" und "Kleiner Mann..." ist "Puntila" wieder eine Arbeit um gesellschaftliche Zustände. Liegt in dieser unterhaltsam-aufklärerischen Funktion des Theaters ein besonderer Reiz für Sie?

Eigentlich nicht, das ist so entstanden, hat sich so ergeben. Obwohl ich mich natürlich sehr für die Psychologie von Menschen und insbesondere für die Psychologie von Menschen in ihrer sozialen Situationen interessiere. Daraus ergibt sich wahrscheinlich, dass ich immer wieder an solche Stücke gerate, die einen Standpunkt haben und etwas über gesellschaftliche Zustände erzählen. Ich würde nichts machen, wo es nur um Unterhaltsamkeit ohne jegliche Tiefe im Darstellen zwischenmenschlicher Beziehungen geht. Diese Komponente kommt immer mit rein, doch ich sehe mich überhaupt nicht als politische Regisseurin. Ich habe mich viel mit dem Werk von Brecht beschäftigt, insofern ist die Inszenierung jetzt so etwas wie eine Reise in die eigene Frühzeit. Irgendwann hatte ich allerdings einigen Abstand zu diesem lehrhaften Theater gesucht. Ich glaube, inzwischen bin ich frei genug für den "Puntila" und kann mich diesem Stoff, dieser Herausforderung stellen. Und kann, was mir ganz wichtig ist, Brecht wieder ernst nehmen, ohne selbst irgendwie ideologisiert zu sein.

Brecht galt ja immer mal wieder als tot im doppelten Wortsinn. Meinen Sie, es ist Zeit für eine Renaissance?

Ich könnte mir denken, dass er heute wieder interessanter ist. Es bewegt sich momentan so viel in der Gesellschaft. Die jüngere Generation will daran Anteil nehmen. Sie ist an diesen Themen interessiert und wünscht sich eine Haltung, sie will klare Gedanken auch auf der Bühne. Ich habe ja noch miterlebt, wie Brecht früher inszeniert worden ist, das würde heutzutage antiquiert wirken. Vermutlich ist jetzt ein guter Zeitpunkt gekommen, sich die Freiheit zu nehmen und Brecht - auch dessen poetische Verspieltheit - unter gegenwärtigen Bedingungen zu prüfen. Wir fanden bei den Proben jedenfalls großen Spaß an seinem Text mit dieser sehr sinnlichen Sprache und dem teils recht derben Humor. Das wirkt alles sehr griffig, gerade beim "Puntila".

Wieviel Gegenwartsbezug soll, wieviel darf auf die Bühne?

So viel wie möglich! Es kommt natürlich immer darauf an, wie man es macht. Gegenwartsbezüge verstehe ich nicht als Aktualitätsschilder, die man hochhält, das sind nicht zwanghaft moderne Kostüme oder Fremdtexte. Es kommt viel mehr auf die Spielweise und den konkreten Umgang mit dem "klassischen" Text an. Ich finde den Gegenwartsbezug eher in der gesamten Form und nicht in irgendeinem Wink mit dem Zaunpfahl. Auch beim Zuschauen erwarte ich diese Bezüge und wäre enttäuscht, wenn ein historisches Stück nur vom Blatt weg inszeniert würde. Selbst den "Puntila" könnte heute wohl keiner mehr ertragen, wenn er gespielt würde, wie er im Original geschrieben ist. Da ist manches so breit, so betulich, das muss man einfach beschleunigen, denn wir leben heute ja auch in einem anderen Tempo.

Premiere heute, 19.30 Uhr

- stammt aus Köln

- studierte Regie an der Theaterakademie Ulm

- arbeitete als Schauspielerin im Sprech- und Musiktheater sowie in Produktionen der Berliner Filmhochschule

- war mit Inszenierungen u.a. zum Berliner Theatertreffen sowie zu den Mühlheimer Theatertagen eingeladen

- inszenierte in Basel, Freiburg, Hamburg, Hannover und Stuttgart u.a. Werke von Hauptmann, Ibsen und Strindberg

- realisierte am Staatsschauspiel Dresden 2010 Hübners "Frau Müller muss weg" und 2011 Falladas "Kleiner Mann, was nun?"

- bereitet für kommenden Herbst eine Uraufführung in Dresden vor

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 10.03.2012

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