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Intendant Jan Vogler über die Dresdner Musikfestspiele 2018 und „Cellomania“

Interview Intendant Jan Vogler über die Dresdner Musikfestspiele 2018 und „Cellomania“

Die 41. Dresdner Musikfestspiele stehen vom 10. Mai bis 10. Juni 2018 unter dem Motto „Spiegel“. Höhepunkt der insgesamt 67 Veranstaltungen an 24 Spielstätten ist ein Gipfeltreffen der weltweit bedeutendsten Cellisten, die zur „Cellomania“ nach Dresden kommen.

Jan Vogler: „Es gibt eine unglaubliche Zahl von Kollegen mit unterschiedlichster Spielweise, Lebensgeschichte und Herkunft.

Quelle: Jim Rakete

Dresden. Die 41. Dresdner Musikfestspiele stehen vom 10. Mai bis 10. Juni 2018 unter dem Motto „Spiegel“. Höhepunkt der ingesamt 67 Veranstaltungen an 24 Spielstätten ist ein Gipfeltreffen der weltweit bedeutendsten Cellisten, die zur „Cellomania“ nach Dresden kommen. Im Rahmen dieses Festivals im Festival sind u.a. Yo-Yo Ma, Mischa Maisky, Lynn Harrel, Daniel Müller-Schott, David Geringas und Steven Isserlis zu erleben. Und Musikfestspiel-Intendant Jan Vogler ist selbst ein international anerkannter Cellist. DNN befragten ihn zu seinem Instrument und zum Cello-Schwerpunkt der Musikfestspiele.

War es für Sie eine Liebe mit dem ersten Ton? Wann und weshalb haben Sie sich für das Violoncello entschieden?

Jan Vogler: Es war tatsächlich Glück! Mein älterer Bruder spielte bereits ein Jahr Geige, als ich mit Cello anfing. Meine Eltern hatten die Idee, mir ein Cello zu geben –, dass jedes Kind in der Familie ein Instrument lernen würde, stand außer Frage. Meine jüngere Schwester bekam dann das große Möbel, das Klavier. Ich hatte tatsächlich sofort Spaß und das Gefühl, das richtige Instrument erwischt zu haben. Das heißt nicht, dass es immer ein gerader und einfacher Weg war. Dieser Spaß mit dem Instrument ist geblieben, auch heute noch ist ein Tag ohne Cello für mich nicht komplett.

Wie würden Sie die Besonderheiten des Cello-Klangs und seiner Spielweise beschreiben?

Für mich ist das Cello vor allem Klang, Ton und Gesang. Im Gegensatz zur Geige brilliert das Cello nicht zuerst mit Virtuosität und Glanz, aber ein schöner Celloton kann durch Mark und Bein gehen und kann ganze Geschichten erzählen. Der Cellist ist für mich immer eine Art Vorleser.

Wofür ist es ganz besonders geeignet und wo hat es seine Grenzen?

In der Celloliteratur gibt es wunderbare Beispiele für diese Kombination aus Geschichten-Erzähler und Sänger: das Dvorak-Cellokonzert, „Don Quixote“ von Richard Strauss oder das Schumann-Konzert. Auf diesem Feld sind die Cellisten klar im Vorteil und können es mit jedem Soloinstrument aufnehmen. Nicht ganz so leicht ist es mit der Durchschlagskraft im großen Saal. Ein Cellist muss sehr viel Kraft aufwenden, um bei einem Solokonzert gut gehört zu werden. Die Geige trägt aufgrund des hohen Registers besser, ein Konzertflügel hat viele Stimmen, Pedale und einen gigantischen Resonanzkörper. Selbst beim Doppelkonzert von Brahms muss der Cellist sehr überartikuliert spielen, um gleichberechtigt gehört zu werden.

Sie spielen gegenwärtig ein Stradivari-Cello aus dem Jahr 1707. Was zeichnet Ihr Instrument im Verhältnis zu anderen Celli aus?

Dieses Cello ist mir immer zwei Schritte voraus. Der Ton ist transparent, warm, kraftvoll und edel. Es hat einen enormen Bass und eine sehr starke Höhe. Aber es stellt Ansprüche, es fragt ganz genau nach. Wie will ich den Ton produzieren, welche Artikulation wähle ich? Welche Färbung im Ton schwebt mir vor? Und es erlaubt mir nicht, mich hinter einer Klangwolke zu verstecken. Ein anspruchsvoller Partner.

Wenn Sie die Reihe der großen Cellisten der vergangenen Jahrhunderte durchdenken, wer ist für Sie der Bedeutendste Ihrer Zunft gewesen und warum?

Da gibt es, wie auch heute, viele Wege, die nach Rom führen ... Casals war der größte Humanist am Cello, seine Lebenshaltung kommt in jeder Note zum Ausdruck. Er hat sich politisch eingemischt und ein Oratorium komponiert. Feuermann war der gewandteste und eleganteste aller Cellisten, Rostropowitsch der lauteste und dramatischste Spieler, auch war er unglaublich vital und optimistisch. Ich hatte das Glück ihn kennenzulernen, er sprühte vor Energie. Mein Lehrer Heinrich Schiff war ein Philosoph auf dem Cello, er hat manche Phrasen mit unerhörter Reflektion gespielt. Diese Spieler haben mich alle enorm beeindruckt und beeinflusst. 

Die Dresdner Musikfestspiele dieses Jahres widmen sich ganz besonders dem Cello und bieten ein Zusammentreffen mit bedeutenden Cellisten der Gegenwart. Unter welchen Gesichtspunkten haben Sie die Solisten der Festspiele 2018 ausgewählt?

Auch hier geht es um Vielfalt im Ansatz. Zum Glück spielt auch heute noch jeder das Cello anders. Von den großen Begabungen in der jungen Generation bis zu den berühmten Altmeistern gibt es eine unglaubliche Zahl von Kollegen mit unterschiedlichster Spielweise, Lebensgeschichte und Herkunft. Mit vielen Kollegen verbindet mich Freundschaft. Cellisten sind gesellig. Vor zwei Jahren war ich Jurymitglied beim Tschaikowski-Wettbewerb, wir haben manchmal zehn Stunden pro Tag junge Cellisten angehört. Die Geigen- und Klavierjury ging nach ihrer Arbeit auseinander, wir Cellisten gingen gemeinsam ins Restaurant zum Abendessen.

Dresdner Musikfestspiele: „Cellomania“

10. Juni, 20 Uhr, Kulturpalast: Eröffnungskonzert. Königliche Kapelle Kopenhagen, Hartmut Haenchen, Jan Vogler; Werke von Schostakowitsch und Brahms

11. Mai, 20 Uhr, Palais im Großen Garten: Steven Isserlis, Connie Shih, Jan Vogler; Werke von Schumann

13. Mai, 11 Uhr, Schloss Wackerbarth: Kinderkonzert, Steven Isserlis, Veronika Eberle, Connie Shih, Marek Kalina

14 Mai, 20 Uhr, Martin-Luther Kirche: Dresdner Kapellsolisten, Helmut Branny, Johannes Moser, Daniel Müller-Schott; Werke von Haydn und Mozart

15. Mai, 20, Uhr, Kulturpalast: Sascha Maisky, Mischa Maisky, Lily Maisky; Werke von Rachmaninow und Schostakowitsch

18. Mai, 19 Uhr, Palais im Großen Garten: Alban Gerhardt, Harriet Krijgh, Christian-Pierre La Marca, Christian Poltéra, Alisa Weilerstein, Pieter Wispelwey; Bach: Cellosuiten Nr. 1-6

19. Mai, 16 Uhr, Palais im Großen Garten: Junge Wilde. Pablo Ferrández, Narek Hakhnazaryan, Marie-Elisabeth Hecker, Michail Lifits; Werke von Brahms, Rachmaninow und Strawinsky

19. Mai, 20 Uhr, Palais im Großen Garten: Andreas Brantelid, Lynn Harrell, Miklós Perényi, Kian Soltani, Alisa Weilerstein, Christian Ihle Hadland, Benjamin Perény.

Beethoven: Cellosonaten Nr. 1-5

20. Mai, 20 Uhr, Residenzschloss (Fürstengalerie): Meisterkurskonzert

21. Mai, 19 Uhr Kulturpalast: Lange Nacht des Cellos. Andreas Brantelid, Alban Gerhardt, David Geringas, Marie-Elisabeth Hecker, Ralph Kirshbaum, Harriet Krijgh, Mischa Maisky, Ivan Monighetti, Daniel Müller-Schott, Christian Poltéra, Jan Vogler, Alisa Weilerstein, Pieter Wispelwey u.a.

Karten: Ticketservice im Dresdner Kulturpalast, Tel. 0351/656 06 700

www.musikfestspiele.com

Was wird das Publikum aus der Begegnung mit den verschiedenen Cellisten erfahren können?

Dresden hat inzwischen ein phantastische Cellopublikum, ich darf oft für diese Menschen spielen. Ich hoffe, dass das Publikum staunt und neue Klänge erfährt. Zugegeben, es ist eine Überdosis Cello, die aber hoffentlich eine Art Überdosis Glück und Energie für die Zuhörer bedeutet.

Es gibt auch sehr außergewöhnliche Arten, das Instrument zu spielen, ich denke da an die finnischen Apocalyptica, die 1993 mit „Cello Rock“ begannen, oder das kroatische Duo „2Cellos“  mit Stjepan Hauser und Luka Šuli. Mögen Sie diese Musik auch?

Hier wird das Cello verstärkt, im Grunde entfernen wir uns von der Art, wie ich Cellospielen gelernt und kennengelernt habe. Aber es gibt Aspekte, die mir gefallen, z.B. die Dominanz des Rhythmus. 

Würden Sie selbst gern einmal auf diese Art musizieren?

Das kann ich mir momentan nicht vorstellen, aber ich würde es niemals ausschließen. Ich habe auch viel experimentiert und immer etwas dabei gelernt.

Welche Konzerthöhepunkte hält 2018 für Sie als Cellist bereit?

Das Standard-Repertoire der Cellokonzerte ist immer präsent, dazu kommt – für mich neu – das 2. Cellokonzert von Schostakowitsch, ein mystisches und dunkles Werk, das alle Cellisten verehren. Unser Projekt mit dem Schauspieler Bill Murray wird uns in die australischen Opernhäuser und Konzertsäle führen, und ich beginne 2019 in New York ein Projekt mit den Bachsuiten, bei dem ich vor jeder Suite einen kleinen Vortrag zum Werk halte. Das Publikum ist sehr wissbegierig geworden, es möchte mit einem tieferen Verständnis der Musik nach Hause gehen, so kam mir diese Idee.

Hintergrund

Das Wort „Violoncello“ stammt aus dem Italienischen und bedeutet „kleiner Violone“ – also „Kontrabässchen“.

Die vier aus Darm oder Stahl und gegebenenfalls umwickelten Saiten sind seit etwa 1700 im Quintabstand gestimmt auf die Töne C – G – d – a.

Das Violoncello wird vom Geigenbauer hergestellt. Den Beruf des Cellobauers gibt es nicht.

Bekannte Geigenbauer des 16. Jahrhunderts, die bereits Celli anfertigten, waren Andrea Amati (ca. 1505–1577), Gasparo da Salo (1540–1609) und Giovanni Paolo Maggini (1581–1632).

Die berühmtesten Instrumente stammen von Antonio Stradivari (um1644–1737) und tragen Namen wie „Mara“, „Romberg“ und „Duport“. Ihr Wert wird auf bis zu zwölf Millionen Euro geschätzt. Die Musiker, die sie derzeit spielen, haben die Instrumente geliehen.

Die Zwölf Cellisten der Berliner Philharmoniker waren das Vorbild: Inzwischen gibt es in Japan regelmäßig „Konzerte der 1000 Cellisten“.

Von Kerstin Leiße

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