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Regional Integratives Orchester für Kinder in Dresden Prohlis
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17:53 06.12.2017
Der neunjährige Ali (r) spielt Cello am 26.10.2017 während des Musikunterrichts im Rahmen des Projekts "Musaik" in Dresden-Prohlis. Im Rahmen des musikpädagogischen Projekts werden Kinder unterrichtet, die sonst kaum einen Zugang zur musikalischen Bildung hätten. Quelle: Monika Skolimowska, dpa
Dresden

So richtig will sich der neunjährige Sami noch nicht festlegen. Auf die Frage, welchen Beruf er später einmal haben möchte, zeigt sich der Junge aus Bagdad schwankend. „Taekwondo, Kung Fu oder Geige.“ Die Reihenfolge will noch nichts sagen. Jetzt sitzt der kleine Iraker erst einmal am Cello im „Kiez“, einem gläsernen Raum im Einkaufszentrum Dresden-Prohlis. Im Gegensatz zu anderen Kindern, die hier spielerisch auf den leeren Saiten ihrer Streichinstrumente üben, ist Sami eher ein stiller Typ – genau wie sein Bruder Ali, der etwas weiter vorn Platz genommen hat.

Vor ihnen steht die Musikpädagogin Luise Börner und versucht, ihr international besetztes „Musaik“-Orchester zusammenzuhalten. Die Mädchen sind eindeutig in der Überzahl, deutsche Kinder derzeit in der Minderheit. Dresden-Prohlis wird oft als sozialer Brennpunkt bezeichnet. Hier sind viele Flüchtlingsfamilien untergekommen. Hier ist der Anteil von Menschen, die in prekären Verhältnissen leben, höher als in anderen Stadtteilen Dresdens. Genau deshalb sind Luise Börner und ihre Mitstreiterin Deborah Oehler nach Prohlis gegangen – dahin, wo Dresden ziemlich anders ist als in der barocken Innenstadt.

Dreimal in der Woche unterrichten sie hier Kinder, die sonst kaum Zugang zu einer musikalischen Bildung hätten. Es ist kein spezielles Engagement für Flüchtlingskinder, obwohl deren Anteil das Gros der Schüler ausmacht. Auch Einheimische ergreifen die Chance, ihren Kindern etwas Schönes zukommen zu lassen. Birte Trinks hat ihre Tochter Chantal (9) und den sechsjährigen Leon angemeldet. Beide haben sich für das Cello entschieden. „Vermutlich weil es größer als eine Geige ist“, meint die 35 Jahre alte Mutter.

Jetzt sitzt Trinks in der Musikstunde, die hier 90 Minuten lang ist, und schaut zu. Chantal ist heute weniger gut gestimmt. Das Mädchen sitzt eher teilnahmslos am Cello und hat schon vor dem Unterricht geweint. Warum, bleibt der Mutter verborgen. Ihren Sohn Leon hat sie angemeldet, weil der Symptome von ADHS zeige, der Aufmerksamkeits- Defizit-Hyperaktivitäts-Störung. Hinter dem Wortungetüm verbirgt sich eine Diagnose, die nach Ansicht von Experten oft viel zu schnell erfolgt. „Leon kommt hier zur Ruhe“, sagt Frau Trinks und findet das Angebot schon deshalb gut.

„Musaik“ ist ein Kind von „El Sistema“: Der Komponist und Ökonom José Antonio Abreu aus Venezuela hatte das Sozialprojekt in seinem Heimatland Mitte der 70er Jahre gegründet. Es gibt Kindern ärmerer Familien kostenlos Unterricht – und Instrumente. Im Gegenzug spielen sie in Ensembles mit. Aushängeschild ist das Simón Bolívar Jugendorchester, dessen Chefdirigent Gustavo Dudamel selbst dem „System“ entstammt. Das Jugendorchester hat mit seiner erfrischenden Art des Musizierens weltweit eine Fangemeinde.

Luise Börner erlebte „El Sistema“ in abgewandelter Form in Peru. Dort heißt es „Arpegio“ (Akkord). Die 30-Jährige hat in dem Andenstaat nach Ende ihres Studiums zwei Freiwillige Soziale Jahre verbracht. Seitdem zieht es sie immer wieder in das südamerikanische Land. 2016 war sie mit dem Landesjugendorchester Sachsen dort und leitete Registerproben, als die Nachwuchsmusiker aus Sachsen zusammen mit Jugendlichen aus Peru musizierten. Das Gefühl, einer Gemeinschaft anzugehören und dabei etwas Wohlklingendes zu schaffen, empfindet Börner nun auch als entscheidenden Impuls für ihre Arbeit in Dresden. Seit September läuft „Musaik“ in Dresden-Prohlis als Pilotprojekt. Bislang ist es eine rein private Initiative.

Während das Programm „El Sistema“ im krisengeschüttelten Ursprungsland Venezuela um den Forbestand ringt, hat es in anderen Ländern schon viele Nachahmer gefunden. In Wien läuft es unter dem Namen „Superar“ – auch hier findet die Arbeit mit Chören und Orchestern ausschließlich in der Gruppe statt. Über das El Sistema Europa Development Program sind inzwischen Initiativen aus Bosnien-Herzegowina, Großbritannien, Italien, der Slowakei und der Türkei beteiligt. In Deutschland gibt es ähnliche Bemühungen beispielsweise in Hamburg und Nordrhein-Westfalen.

Dreimal in der Woche unterrichten die Musikpädagogen hier Kinder, die sonst kaum Zugang zu einer musikalischen Bildung hätten. Es ist kein spezielles Engagement für Flüchtlingskinder, obwohl deren Anteil das Gros der Schüler ausmacht. Auch Einheimische ergreifen die Chance, ihren Kindern etwas Schönes zukommen zu lassen.

Für Katrin Lindner, Chefin des Quartiersmanagements Dresden-Prohlis, ist „Musaik“ mehr als nur eine musikalische Ausbildung. „Weil über die Brücke der Musik etwas tolles Gemeinsames entsteht – was den Kindern Spaß macht und worauf sie stolz sein können.“ Dass alles im öffentlichen Raum passiert, hält sie für einen Vorzug: „Auch der Platz vor dem Einkaufscenter wird in den Unterricht einbezogen. Das Miteinander der Kinder ist sichtbar und nicht zu überhören.“

Vor allem bei den älteren Einwohnern des Viertels sei die Resonanz groß. Eine ältere Frau habe ihre Geige als Spende vorbeigebracht, weil sie nach einem Schlaganfall nicht mehr selbst spielen konnte.

Lindner räumt ein, dass es auch Ängste, Vorbehalte und Konflikte gibt. In einer Einwohnerschaft, in der viele von Hartz IV-Leistungen leben, sei das nicht ungewöhnlich: „Es gibt viele Leute in Not, die Arbeitslosigkeit ist groß, nicht wenige haben psychische Probleme. Manche denken, es wird ihnen etwas weggenommen.“ Selbst bei einigen der gut situierten Senioren, die schon seit DDR-Zeiten in Prohliser Plattenbauten leben, komme das vor. „Musaik“ sei in dieser Hinsicht jedoch ein guter Ansatz für mehr Respekt und ein stärkeres Miteinander.

Höppner verweist auf die Rolle von Musik bei der Integration von Flüchtlingen. Es sei eine große Chance, Anregungen anderer Kulturen aufzunehmen und zugleich Migranten an das reichhaltige Erbe des musikalischen Schaffens in Europa heranzuführen: „Das geht am besten über das aktive Spiel, vor allem wenn noch Sprachbarrieren vorhanden sind. Mit Musik kann man fast ohne Sprache anfangen.“ Dabei dürfe man sich aber nicht nur auf Ehrenamtler in Projekten verlassen. Musik als wichtiger Teil der kulturellen Bildung müsse vielmehr in allen Schularten und Klassenstufen zum Hauptfach werden.

Bislang ist „Musaik“ eine rein private Angelegenheit, Börner und ihre Mitstreiter bekommen für ihre Arbeit keinen Cent. Wenn das Projekt langfristig sein und die Ausbildung für besondere Talente vertieft werden soll, müsste Beistand her. Jetzt verhandelt man mit Stiftungen und der Stadt Dresden. Es geht um gar nicht so viel Geld -- die Begeisterung aller Beteiligten wiegt schon schwer.

Quartiersmanagement Dresden-Prohlis: www.qm-prohlis.de/Home.1.html

Projekt Zu Hause in Prohlis: www.societaetstheater.de/info/programm/Begegnung/Zuhause-in-Prohlis.html)

Infos Musikprojekt: www.musaik.eu

Veranstaltungsort: Kiez im Prohliser Einkaufszentrum, Prohliser Allee 10

Von Jörg Schurig

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