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Ingo Schulze las aus seinem neuen Roman „Peter Holtz“

Zentralbibliothek im Kulturpalast Dresden Ingo Schulze las aus seinem neuen Roman „Peter Holtz“

Naivität, hohe Ideale und die tatsächlichen Verhältnisse - aus diesem Zusammenstoß entstehen komische Turbulenzen in „Peter Holtz“, dem neuen Roman von Ingo Schulze. Jetzt hat ihn der 1962 in Dresden geborene Autor in seiner Heimatstadt vorgestellt, in der Zentralbibliothek im Kulturpalast.

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Ingo Schulze

Quelle: doering

Dresden. Einer, der die großen Verheißungen ernst nimmt und die tatsächlichen Verhältnisse damit konfrontiert - aus dieser Grundidee heraus hat Ingo Schulze sein neues Buch entwickelt. Nach etlichen Jahren mit kleineren Texten endlich wieder etwas ganz Großes. Und, zu unserer Überraschung: ein Schelmenroman. Jetzt hat er „Peter Holtz – Sein glückliches Leben erzählt von ihm selbst“ zum ersten Mal in Dresden vorgestellt, wo er 1962 geboren wurde und aufwuchs.

Vor einem bis auf den letzten Platz teils mit alten Bekannten gefüllten Saal der Zentralbibliothek im Kulturpalast ausgewählte Kapitel zu lesen, war für ihn etwas Besonderes, wie er im Gespräch mit Moderator Michael Hametner zugab. Zumal eine der Szenen – um die Rede Helmut Kohls vor der Ruine der Frauenkirche am 19. Dezember 1989 – gleich da unten vor dem Kulturpalast spielt.

Dieser Peter Holtz nimmt große Ideale so ernst, dass es komisch wird. Er will immer Anderes und mehr, geht allen damit auf die Nerven und überfordert sich selbst. Das sorgt für vergnügliche Turbulenzen. Dieses Grundmuster hält der Autor fast 600 Seiten durch. Verschiedene Phasen lässt er seine Figur durchleben: vom Waisenkind in einem Heim in der DDR der Siebziger bis zum Multimillionär Ende der Neunziger, der sein Geld aber loswerden will. Kommunist ist er, wird Christ dazu, das passt für ihn zusammen, CDU-Mitglied, Geschäftsmann wider Willen nach dem politischen Umbruch von 1989. Er lernt das Privateigentum zu schätzen, um damit das Leben seiner Mitmenschen zu verbessern.

Wenderoman? Diese Frage war zwingend. „Nein, es ist ein Roman über das Heute“, antwortete der Autor. „Das man nur versteht, wenn man ein Stück zurück geht und schaut, wie es entstanden ist.“

Ein Buch über die Haltung zum Geld? Auf jeden Fall. Das treibt Ingo Schulze schon lange um: „Diese unendliche Menge an überflüssigem Geld, das nur als Anlage dient. Eine abstrakte Größe, die aber den Alltag von uns allen bestimmt.“

Dieser Peter Holtz hat die Ideale des Kommunismus, die ihm im Kinderheim eingetrichtert wurden, zu seinen eigenen gemacht. Gewiss, psychologisch ganz schlüssig mag da manches nicht wirken. Aber Ingo Schulze hat seinen Hauptprotagonisten, worauf möglicherweise schon sein Name deutet, bewusst holzschnittartig angelegt: „Eine Kunstfigur, mit grobem Pinsel gemalt, Kontrast für die anderen Personen.“

Zu DDR-Zeiten würde der das Geld am liebsten sofort abschaffen, nach 1989 versucht er, etwas in seinem Sinne Gutes für Andere damit zu bewirken – Verantwortung statt Gewinnstreben. Als das nicht gelingt, radikalisiert er sich. Am Ende verbrennt er Tausend-D-Mark-Scheine. Als rührend-komischer Don Quichotte im vergeblichen Kampf gegen die Mühlen des Kapitals landet er in der Psychiatrie - als erster „ökonomischer Gefangener“.

Diese Fixierung aufs Geld mutet etwas platt an. Sollte diese anarchische Version eines angestaubten Vulgärmarxismus der Komplexität heutiger ökonomischer Verhältnisse beikommen? Allzu ernst sollten wir diese verzweifelte Aktion, von reichlich Selbstüberschätzung gelenkt, nicht nehmen.

Wohl aber die unzeitgemäßen Fragen, die der Autor mit dieser Überhöhung stellt. Nicht zufällig ist es ein stark dialoglastiges Buch. Es diskutiert, dreht und wendet die Vorgänge. Peter Holtz folgt stur dem Prinzip, nichts so hinzunehmen, wie es ist. Er benutzt die Utopie als eine Art archimedischen Punkt, über den er all das, was uns selbstverständlich ist, gedanklich aushebelt.

Im November 1989 zum Beispiel drückt er einem Obdachlosen in Westberlin zwanzig Ostmark in die Hand mit dem Hinweis, dafür könne er sich in der DDR drei mal mehr Lebensmittel kaufen. Da lacht man sich erst mal schief über diese ulkige Naivität, ertappt sich dann aber unversehens bei dem Gedanken: Hat er damit nicht vielleicht Recht?

So macht er das im Kunstbetrieb, den die Marktgesetze okkupieren. So macht er das übrigens auch in puncto Liebe, Sex, Prostitution. Er ist nicht zuletzt ein Romantiker mit hohem Liebesideal.

Als es im Raum schon mollig warm, die Luft zum Schneiden ist, meldet sich eine Zuhörerin zu Wort, zehn Jahre alt, als die Mauer fiel, aus dem Westen. Das Buch habe sie zum Nachdenken gebracht, sagt sie. „Ich nehme es als Hoffnung, dass diese Demokratie zu gestalten ist.“ Ingo Schulze bittet spontan darum, dies das Schlusswort des Abends sein zu lassen.

Ingo Schulze: Peter Holtz. S. Fischer. 576 S., 22 Euro

Von Tomas Gärtner

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