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In den Kammerspielen im art’otel hatte Peter Försters neues Stück "Casanova kann nicht mehr" Uraufführung

In den Kammerspielen im art’otel hatte Peter Försters neues Stück "Casanova kann nicht mehr" Uraufführung

Klar, Casanova könnte ein Aufschneider gewesen sein, seine amouröse Buchführung in etwa so seriös wie die Bilanz eines Unternehmens, das kurz vor dem Bankrott an die Börse geht.

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Dagmar Poppy und Robert Martin schlüpfen in jeweils drei Rollen.

Aber Casanova gilt, noch vor Don Giovanni und weit vor Klaus Kinski und Rolf Eden, als der ultimative Verführer. Von nichts kommt nichts, auch nicht ein Ruf als ultimativer Lover.

In dem neuen Stück von Peter Förster, das, von ihm selbst in Szene gesetzt, in den Kammerspielen Dresden im art'otel Premiere hatte, hat Casanova allerdings ein Problem. Der Titel verrät, welches: "Casanova kann nicht mehr". Tote Hose! Und das ihm, dem Stecher aller Klassen. Wenn ein Mann sich in punkto Steherqualität selbst null Punkte geben muss, die Libido ihr Armageddon erlebt, dann ist der Ernstfall da, die Sinnkrise.

Und in der steckt der von Dagmar Poppy virtuos gespielte Casanova, denn der makellose Ruf als Herzensbrecher ist das eine, der drohende Jobverlust das andere. Die Firma, für die er als Physiker arbeitet, steht vor der Insolvenz. Und eine Frau Berater, die den McKinsey-Boys an eloquenter Kaltschnäuzigkeit und eisiger Hartherzigkeit in nichts nachsteht, geht durch die von ihr zu liquidierende Firma - wie ein Todesengel durch eine Schlachtreihe. Diese Spitzenkraft, die sich sogar die Quadratmeterpreise für eine Wohnung am Neumarkt leisten kann, lässt auch die "spitze Kraft", die Casanova verfallene Sekretärin Salome, wissen, was sie von ihr hält: nämlich nichts. Casanova jedenfalls fühlt sich, als hätte man ihm "den Stecker gezogen". Er sucht sogar eine Psychologin auf, wo er aber - typisch Mann - nicht wirklich offen redet.

In Försters Stück geht es um weitaus mehr als "erektive Disfunktionalität". Eigentlich löst der Titel falsche Erwartungshaltungen aus, den Zuschauer erwartet bei allem aufblitzenden Wortwitz nur in Maßen eine leichtgestrickte Komödie über Mann und Frau in gewissen Nöten. In erster Linie wird ein Blick auf die moderne Arbeitswelt geworfen - ein (kapitalismus-)kritischer, aber kein verbiestert-billiger. Im Fokus eine Branche, die "direkt vom Boom in die Krise" geschlittert ist: die Solarindustrie. Aber Sätze wie "Hier sind die Leute doch froh, wenn sie ihren Arsch an die Wand kriegen", "Machen Sie Druck" oder "Jeder ist ersetzbar" klingen wohl auch all jenen, die in anderen Unternehmen über die Runden zu kommen versuchen, nur zu vertraut.

Es sind ganze zwei Personen, die sämtliche Rollen - alles in allem sechs - übernehmen. Neben Dagmar Poppy, die vor allem als Frau Beraterin hinreißend agiert, zieht Robert Martin alle Register schauspielerischen Könnens. Nur die Salome erscheint ein bisschen zu Tussi-mäßig angelegt. Immer wieder wird man Zeuge therapeutischer Sitzungen. Am Ende gibt es ein Hollywood-mäßig süßliches Happy End. Dank einer revolutionären Erfindung Casanovas wird alles gut, naja, nicht für Frau Beraterin, denn die wird gefeuert. Casanova kommt wieder in den Genuss der befreienden Wirkung des "GV" (da diese Zeitung auch von unaufgeklärten Kindern in die Hände genommen werden könnte, belassen wir es an dieser Stelle lieber mal beim Kürzel).

Christian Ruf

nächste Vorstellungen: 12., 13., 19. und 20. Oktober, jeweils 20 Uhr

Karten unter Tel. 0351 2126723

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 12.10.2012

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