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Regional In Dresden warten die Opernfreunde sehnsüchtig auf Webers "Freischütz" in der Semperoper
Nachrichten Kultur Regional In Dresden warten die Opernfreunde sehnsüchtig auf Webers "Freischütz" in der Semperoper
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23:39 09.09.2015
James Rutherford (Lysiart), Heidi Melton (Eglantine), Eric Cutler (Adolar) und Erika Sunnegårdh (Euryanthe). Quelle: Monika Rittershaus

Wobei man ja auch beim gerne zur deutschen Nationaloper hochstilisierten "Freischütz" gelegentlich besser über den Text hinweg hört.

Doch beim "Freischütz" halten die Arien und Chöre sich so stabil in den Charts, dass das alle Einwände ausgleicht. Hinzu kommt die Gewöhnung. Für die große heroisch-romantische Oper in zwei Teilen "Euryanthe" von 1823 hat Helmina de Chézy nicht nur gefühlig gereimt, was das Zeug hält. Sie ist auch ziemlich weit vom Pfad einer klar erzählten Geschichte abgekommen. In heutigen Ohren klingt das Ganze mitunter nach Parodie.

In Frankfurt aber ist es dem Regisseur Johannes Erath - der in Dresden für den Figaro gebucht ist! - gelungen, dieses Stück, ohne in den Text einzugreifen, so ernst zu nehmen, dass niemand gelacht hat. Aber doch die allgemeine Freude über einen höchst gelungenen Opernabend triumphiert. Er hat es sogar geschafft, bei der überlang wirkenden Geschichte die Spannung auch dann noch zu halten, als die Titelheldin nach dem Triumph der Finsterlinge über die reine Unschuld am Boden ist. Und es unbarmherzig so lange weiter geht, bis das finstere Paar Lysiart und Eglantine zur Strecke gebracht und Euryanthe auf dem Sockel der allgemeinen Verehrung weiblicher Reinheit durch eine ziemlich scheinheilige Männergesellschaft in unerreichbare Ferne gerückt ist. Ein Schauerstück. Auch dramaturgisch. Dem kommt man nur mit einer pfiffigen Idee bei. Diese hat Regisseur Erath. Und er hat Stefan Herheims Ausstatterinnen-Dreamteam Heike Scheele (Bühne) und Gesine Völlm (Kostüme). Es ist einfach grandios, was die beiden da in Frankfurt an Opulenz auf die Bühne bringen und wie der Regisseur diesen Rahmen für großes Theater nutzt.

Erath und sein Team nehmen den Eingangschor, der einen gerade wieder errungenen Frieden nach stürmischen Kriegsjahren bejubelt, beim Wort. Sie setzen den Chor als eine vergnügungslustige Gesellschaft in den phantastischen Festroben der Wirtschaftswunderjahre und ihres ausgestellten Wir-sind-wieder-wer-Wohlstandes in Szene. Mit Frauen, die schnell noch mal in den imaginären Spiegel der vierten Wand schauen, um sich mit allen Tricks ins rechte Licht zu rücken. Das ist hinreißend durchinszeniert und hat die Qualität von Ettore Scolas Kultfilms "Le Bal".

Inmitten einer festsaalgroßen, holzgetäfelten Bar mit gut gefüllten Regalen ist eine ramponierte Bühne in einer romantischen Ruine platziert. Mit einem Sockel für Adolars Schwester Emma (Katharina Ruckgaber darf als Geist auch singen), die einst ihren Geliebten Udo (Michael Porter spielt ebenfalls als Geist mit) im Krieg verlor und sich das Leben nahm. Das ist denn auch Adolars Geheimnis. Das finstere Paar im Stück darf man getrost als direkte Vorfahren von Ortrud und Friedrich Telramund in Wagners "Lohengrin" ansehen. Lysiart und Eglantine kriegen das Geheimnis raus und nutzen es, um die anstehende Hochzeit von Adolar (auf den Eglantine scharf ist) und Euryanthe (die von Lysiart begehrt wird) zu verhindern. James Rutherford macht das mit der Miene des Biedermanns, während Heidi Melton fulminant mit jedem Pfund von Körper und Stimme als Intrigantin aufdreht und erst im Wahnsinn die Wahrheit ausplaudert, bevor ihr Lysiart den Hals umdreht.

Das läuft ab wie in einem imaginären Schachspiel. Mit der kühl kalkulierenden Verleumdungsstrategie, die die Agenten der Hölle auf Erden gegen die blonde, stets weiß wandelnde weibliche Unschuld anwenden. Ganz gleich, ob die nun Genoveva, Elsa oder eben Euryanthe heißt. Die öffentliche Wette, mit der Lysiarts die Treue Euryanthes in Frage stellt, wird von den Damen des Friedensballes mit Empörung und von den Herren mit sportlichem Ehrgeiz aufgenommen. Die fallen dann, als Euryanthes Treuebruch scheinbar öffentlich erwiesen ist, in einer Art Gruppenvergewaltigung zwar über sie her, sind aber noch kurz vor Ende dieser Szene allesamt selbst über sich erschrocken. Das ist klug gemacht und hält den romantischen Schauer mit der Gegenwart erstaunlich gut zusammen.

Diese überzeugende Ehrenrettung von Webers "Euryanthe" ist natürlich nicht ohne die so sinnlich aufrauschende wie stringent musikalische Leitung von Roland Kluttig denkbar, dem das Frankfurter Opern- und Museumsorchester mit Lust am romantischen Klangrausch und Webers erkennbarem Ehrgeiz, auch neue Wege zu gehen, folgt. Und natürlich einem so geschlossenen Sängerensemble, das Erika Sunnegardh in der Titelrolle und Eric Cutler als Adolar überzeugend anführten.

Das war ein Abend, bei dem mal alles stimmte. Außer vielleicht der Text. Aber das ist verjährt.

Aufführungen: 16., 19., 25. und 30.4.; 3.5.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 16.04.2015

Joachim Lange

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