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Im Militärhistorischen Museum der Bundeswehr in Dresden wurde ein neues Buch zur Schlacht von Verdun 1916 vorgestellt

Buchveröffentlichung Im Militärhistorischen Museum der Bundeswehr in Dresden wurde ein neues Buch zur Schlacht von Verdun 1916 vorgestellt

Im Ersten Weltkrieg starben in nur 100 Tagen auf dem Schlachtfeld von Verdun rund 300000 französische und deutsche Soldaten. Zu dieser Schlacht, einer der blutigsten des letzten Jahrhunderts, ist jetzt ein neues Buch erschienen. Im Militärhistorischen Museum der Bundeswehr in Dresden wurde es vorgestellt.

Überreste des Fort de Douaumont bei Verdun. Der Beginn der Schlacht von Verdun jährt sich am 21.2.2016 zum 100. Mal.

Quelle: Sebastian Kunigkeit/dpa

Dresden. Höhe 304 war mal ein fester Begriff hüben wie drüben des Rheins, hatten doch Deutsche und Franzosen 1916 erbittert um ihren Besitz gerungen. Durch den Dauerbeschuss der Artillerie war sie regelrecht – wie andere Hügelzüge in der Region – wortwörtlich abrasiert worden. Heute müsste sie eigentlich „Höhe 298“ heißen. Allein in den ersten hundert Tagen des Kampfes um Verdun, wo die Höhe 304 lag, verschoss die deutsche Artillerie in der zur „Deadzone“ mutierenden Hauptzone des Kampfes mehr als 12 Millionen Geschosse großer und größter Kaliber. Durchschnittlich kam auf jeden Quadratmeter der Einschlag einer Granate, die größer als 120 Millimeter war. An den Hotspots der Kämpfe wie dem Fort Douaumont rechnet man auf jeden Quadratzentimeter mit dem Einschlag eines Geschosses (gleich welchen Kalibers). Entsprechend waren die Verluste hüben und drüben. In nur hundert Tagen starben, ja verreckten auf dem Schlachtfeld von Verdun rund 300 000 französische und deutsche Soldaten, also jeden Tag durchschnittlich 3000.

Deshalb hat die Schlacht von Verdun etliche Beinamen wie „Blutpumpe“, „Knochenmühle“ oder einfach auch „Hölle“ und dient wie kaum ein anderes Einzelereignis als „Blaupause“ für die Erinnerung an den Ersten Weltkrieg. Mythenumrankt, in Film, Literatur und Kunst aufgearbeitet, formierte sich die kollektive Erinnerung jedoch oftmals entgegengesetzt zur Realität auf den Schlachtfeldern. Hundert Jahre nach der Schlacht stellt sich erneut die Frage nach ihrem historischen Erbe. Ein von Michael Hörter und Diego Voigt im Auftrag des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge herausgegebener Sammelband mit 19 Einzelbeiträgen zu verschiedensten Themen zeichnet durch Beiträge zu Topografie, militärischer Strategie und zeitgenössischen Erfahrungsberichten ein recht gutes Bild der Schlacht. Der Sammelband ist reich bebildert, viele Fotos wurden noch nie zuvor veröffentlicht. Jetzt wurde das Werk im Militärhistorischen Museum der Bundeswehr in Dresden der Öffentlichkeit präsentiert, die Laudatio in der gut besuchten Veranstaltung hielt Stefan Martens, der stellvertretende Direktor des Deutschen Historischen Instituts Paris.

Er räumte ein, dass Verdun für Deutsche wie Franzosen gleichermaßen ein Erinnerungsort ist, wies aber auch darauf hin, dass sich die Erinnerungen zum Teil beträchtlich unterscheiden. Für die Deutschen endet die Schlacht im Juni 1916, denn die Schlacht an der Somme sowie die Ereignisse im Osten (Brussilow-Offensive der Russen; Kriegseintritt Rumäniens auf der Seite der Entente) bewirkten, dass Material und Truppen abgezogen und anderweitig eingesetzt werden mussten. Für die Franzosen hingegen endet die Schlacht um Verdun erst im November 1916, nachdem sie die letzten Geländegewinne der Deutschen null und nichtig gemacht hatten und beide Seiten in den ursprünglichen Stellungen einander gegenüberlagen, wie Martens wissen ließ. Martens fragt auch nach, wie es kommen konnte, dass Verdun einen solchen Platz im kollektiven Gedächtnis als „Blutmühle“ gewinnen konnte. An der Somme, wo es vor allem die Briten waren, die die Stagnation des Stellungskrieges überwinden und die Front durchbrechen wollten, waren jedenfalls die Verluste höher – und zwar auf beiden Seiten.

Warum die Deutschen die Entscheidung ausgerechnet bei Verdun suchten, einer Festung, die beim Vormarsch 1914 keine Rolle gespielt hatte? Weil die Franzosen der passende Gegner zu sein schienen. Erich von Falkenhayn, Chef der 2. OHL (Obersten Heeresleitung), ging davon aus, dass deren psychische Verfassung durch die schweren Verluste in der Champagne 1915 so sehr in Mitleidenschaft gezogen worden war, dass sie durch einen „nicht existenzbedrohenden und trotzdem unerträglichen militärischen Druck zum Nachgeben zu zwingen“ seien. Man sah die Franzosen als schwächstes Glied, Ausdruck einer letztlich verhängnisvollen deutschen „Missachtung gegenüber der französischen Militärmacht“; wie Martens darlegte.

Zur Mythenbildung trug ohne Zweifel bei, dass Verdun in der öffentlichen Wahrnehmung die „französischste“ aller Schlachten des Ersten Weltkriegs war, wie Matthias Rogg, Direktor des Militärhistorischen Museums im ersten Beitrag des vorgestellten Bandes schreibt. Im Unterschied zu den deutschen Truppen, die aufgrund langer Stehzeiten kaum eine Chance auf Ablösung hatten und praktisch kämpften, bis sie ausgelöscht waren, setzten die Franzosen auf ein permanentes Umlaufverfahren, das General Philippe Pétain, Oberbefehlshaber dieses Frontabschnitts, als „Noria“ (= Schöpfrad) bezeichnete. Das Rotationssystem hatte nach Pétains Ansichten den „Vorteil“, dass die eingesetzten Truppenteile nicht vollständig abgenutzt wurden und sich an anderen Frontabschnitten regenerieren konnten. Den Umstand, dass Ortskenntnisse und das genaue Wissen über den Gegner dabei verloren gingen, nahm man billigend in Kauf. Bis zum Sommer 1916 wurden von den seinerzeit 95 Divisionen der französischen Armee 80 in Verdun eingesetzt. In fast jeder französischen Familie gab es jemanden, der dort kämpfte. Und wer liegt im Grabmal des Unbekannten Soldaten im Arc de Triomphe in Paris? „Natürlich“ ein Verdun-Kämpfer.

Aufhorchen lässt ein Forschungsergebnis, das Gerd Krumeich in seiner Studie über Mythos und Wirklichkeit der deutschen Strategie vor Verdun mitteilt. Er kommt zu dem Schluss, dass erst ab dem Moment, „wo den militärisch Verantwortlichen klar wurde, dass der Angriff auf Verdun scheitern könnte, – nicht nur bei Falkenhayn – die Idee aufkam, das Wichtigste sei nicht die Einnahme der Forts und der Festung, sondern das ,Weißbluten’ der französischen Armee“. Es ging also nicht schon in den frühen Planungen darum, den Gegner ausbluten zu lassen.

Die Schlacht hatte einige kurz- wie langfristige Folgen. Die Deutschen akzeptierten einstweilen, dass mit einer offensiven Strategie im Grabenkampf kein Erfolg möglich war, und gingen laut Martens zu einer gestaffelten Verteidigung über. Die Franzosen waren sich sicher, dass Angriffe sinnvoll sind – „das führte dann in die Katastrophe von 1917“, als es aufgrund der mörderischen Verluste zu Meutereien im französischen Heer kam. Langfristige Folgen: Die Deutschen überlegten nach der Niederlage 1918, wie sie mit modernen Waffen wie Panzern und Flugzeugen das Problem des Stellungskrieges lösen konnten – und entwickelten das Konzept des Blitzkrieges. Die Franzosen wandten sich von offensiven Plänen ab und bauten die Maginot-Linie mit ihren Bunkeranlagen, was 1940 für sie katastrophale Folgen haben sollte.

Auch die Aus- und Nachwirkungen der Schlacht in Kunst und Kultur stehen im Fokus des höchst informativen Sammelbandes, ob nun in der Kriegs-Malerei oder den damals noch vergleichsweise jungen Medien wie Fotografie und Film. Darüber hinaus wird die Auseinandersetzung mit der Schlacht von Verdun in der Literatur der Weimarer Republik reflektiert. Da gab es erhebliche Unterschiede. So erfährt man, dass Paul Ettighoffers Verdun-Roman „Gespenster am Toten Mann“ im Gegensatz zu Josef Wehners Werk „Sieben vor Verdun“ zunächst nicht in einem nationalistischen Sinne konnotiert war. Erst mit seinen weiteren Veröffentlichungen ging Ettighoffer mit dem Verdun-Mythos der Nationalsozialisten konform, was ihm im Dritten Reich zu literarischem Erfolg verhalf.

Buchcover

Buchcover

Michael Hörter / Diego Voigt (Hg.): Verdun 1916. Eine Schlacht verändert die Welt. Aschendorff Verlag, 311 Seiten mit zahlreichen Abb., 19,95 Euro

Von Christian Ruf

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