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Regional Im Herzen offen: Pere Ubu wieder in Dresden
Nachrichten Kultur Regional Im Herzen offen: Pere Ubu wieder in Dresden
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10:14 31.08.2017
David Thomas, Kopf von Pere Ubu.  Quelle: Dietrich Flechtner
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Dresden

 Nein, ich kaufe sie nicht! Es stehen schon zu viele Pere-Ubu-Platten in schwer sich wölbenden Regalen. Und: Es muss ja auch mal Schluss sein! Ende September wird die neue CD von Pere Ubu erscheinen. Sie wird eine Nummer Mitte der 20 bekommen – exklusive der remasterten Einzel-Wiederveröffentlichungen, Boxen, Sampler und Editionen anderer Projekte unter dem David-Thomas-Himmel. Die neue wird „20 Years In A Montana Missile Silo“ heißen, zwölf neue Lieder beherbergen und sah während des Aufnahmeprozesses insgesamt zehn Musiker im Studio. Kristof Hahn von den Swans war dabei. An der Steel Guitar. Er hätte beim Hören des Rohmaterials Gänsehaut bekommen, sagt Hahn, und wollte unbedingt dabei sein und sei es nur für eine kurze Zeit und begrenzte Mitarbeit. Jetzt spielt er auf allen Tracks. Doch, ich werde mir die Platte kaufen!

Es ist, als begebe man sich mit jeder Treppenstufe in seine eigene Biografie hinab. Dienstag spielten David Thomas’ Pere Ubu im Jazzclub und nicht alle kamen, die immer kommen. Die Jungen fehlten sowieso. Pere Ubu/Two Pale Boys sind regelmäßig in der Stadt, was immer das zu bedeuten hat. Kurz nur drängte sich dieses Mal die Überlegung nach vorn, ob es nicht besser gewesen wäre, die große Tonne wäre bestuhlt gewesen. Das lag keineswegs nur daran, dass auch David Thomas nunmehr auf der Bühne sitzt. Schon ab Mitte des Raumes sah man von ihm allein den schwarzen Lederhut. Zu viel verpasst!

Vielleicht war der jüngste Auftritt derjenige im üppigen Konzertreigen dieser heldisch verehrten Avantgardisten, der einem Hörbuch näher kam als nahe. Vorbei die Zeit, als David Thomas im Stile eines Metzgermeisters mit roter Lackschürze und Zerrwanst rudernd die Bühne einnahm und per Megafon oder Telefonmikro in den Saal wieherte. Gut, dass wir sie erlebt haben. Live.

Noch immer ist diese Kopfstimme eine mit Köpfchen. Doch leiser ist sie schon geworden. David Thomas, der sperrige Poet, ist 64 und sieht bereits seit einigen Jahren einige Jahre älter aus. Das Kolossartige an ihm scheint langsam zu schwinden. Thomas arbeitet konsequent mit Ressourcen, um sich für die Spätphase seines Schaffens zu rüsten. Und Konzerte müssen unbedingt dazugehören, sonst wäre er im künstlerischen Sinne kastriert.

Pere Ubu in diesem Jahrgang sind, neben David Thomas, Keith Moliné (Gitarre), Darryl Boone (Klarinette), Steve Mehlman (Drums), Robert Wheeler (Synthesizer). Basslos, also. Auch ansonsten ist die Band noch einmal reduzierter und damit punktierter, neu justiert, um den extrem variablen Setlisten einer Ubu-Tour zu genügen. Nur drei der neuen Stücke fanden in der Tonne Platz. Darunter auf jeden Fall das messerscharfe, knapp zweiminütige „Funk 49“, ein Muster an rumpeliger Präzision. Wenn sich die Mitglieder diese Formation gegenseitig überraschen, ohne mit Ansage frei zu improvisieren, dann meint es mehr denn je Nuancen. Wunderbar, wie versteckt gerade Wheeler und Moliné per Auge Kontakt halten, wie Ersterer pluckert, plackert, elektronische Flächen und Fetzen platziert, soundspielt und dennoch so voller Vorsicht ist. Immer wieder erstklassig, wie Moliné Spektren beherrscht und das, ohne sein Instrument abzulegen, zu tauschen, zu posen. Über Steve Mehlmans schwierigen Job, diese so offenherzige Band mit diesem so unsteten Meister vorn zu grundieren, darf ein weiteres Mal geschwärmt werden, zuzüglich der eher stillen Begeisterung über Darryl Boones spektralfarbiges Klarinettenspiel. Das sitzt! Alles!

Wie gehabt: Pere Ubu poltern, keifen, greinen. David Thomas liest, meckert, singt. Pere Ubu haben in über 40 Jahren auf sehr eigene Weise am American Songbook mitgeschrieben und könnten mühelos das „andere“ große Songbook adaptieren. Sie haben’s ja getan! Haben Blues, Folk, Funk, Jazz, Punk, Garage behauen, umgewidmet, dekonstruiert und neu zusammengesetzt. Doch, wir wiederholen uns!

Als David Thomas nach exakt 49 Minuten auf die Uhr sieht und Keith Moliné verblüfft fragt, ob sie wirklich um halb neun angefangen hätten zu spielen, sagt er danach einen Satz, der als Motto seit Jahrzehnten schon über dem Projekt Pere Ubu thronen könnte: „Keine Sorge, es ist nur ein Ding zwischen mir, der Band und der Seltsamkeit.“ Seltsam schön, seltsam selten, seltsam originär. Popgeschichte – Zeitgeschichte. Dass wir hier in der Stadt über 20 Jahre lang als Zeugen und Fans dabei sein konnten, ohne Pere Ubu hinterher reisen zu müssen, ist ein Glücksfall.

Von Andreas Körner

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