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Regional „Im Garten Eden“ im Societaetstheater in Dresden
Nachrichten Kultur Regional „Im Garten Eden“ im Societaetstheater in Dresden
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06:00 16.08.2016
Bezauberndes Duo: Wolfgang von Bodecker und Alexander Neander. Quelle: Melanie Duan
Dresden

Sie sind ein Phänomen: Die Pantomimen Bodecker & Neander locken mit einfachen, fast trivialen Geschichten und erzählen ohne Worte die großen Menschheitsgeschichten en passant mit. So seit dem Wochenende als Sommerbespielung der Gartenbühne vom Dresdner Societaetstheater mit einem neuen Werk namens „Im Garten Eden“.

Die Geschichte beginnt (und endet) per Erklärung aus dem Off mit einem Apfelbaum. Es ist der letzte blühende auf der ganzen Erde und wird nun in einer Art Paradies beschützt – wobei Jack und Pierre wechselseitig aufpassen müssen: einer auf den Baum, der andere auf den einen.

Wechselseitig schlafen sie ein und kosten von den verbotenen Früchten, die Weisheiten als Botschaften auf Pergament enthalten. Die erste lautet: Die Welt ist leichter zu erschaffen als zu bewahren – die Schöpfungsgeschichte erzählt Alexander Neander als Solo, musikalisch untermalt, und zeigt den Weg vom Fisch über den Vogel zum Mensch als Krone.

Danach wird es konkret und führt ins geistige Schlamassel: Preisschach in vier Runden oder ein grandioser Zeitungskampf mit braunem Packpapier in achtfacher DNN-Größe voller unglaublicher Storys, die letztlich dem Leser den Kopf rauben und gänzlich auffressen, was den Verkäufer am nächsten Tag diebisch freut, weil es am übernächsten Tag der Knüller schlechthin sein wird. Sehr schön melancholisch – und allen umliegenden Gastronomen (ebenso wie die Newspaperpersiflage allen Politik-, Boulevard- und Sportjournalisten) anempfohlen: „Das große Café“, in das keiner mehr kommen will und darob bei den beiden Angestellten Verzweiflung und finstere Gedanken hochkommen – bis hin zum Rollentausch von Koch und Kellner...

Wie gewohnt bestimmen Episoden das Programm, die mehr oder minder vage dem Hauptsujet untergeordnet sind, den Fernsehabend in einer Männer-WG kennt man ein wenig abgewandelt schon aus dem jüngsten Auftritt. Auch der große Dompteur ist nicht unbekannt. Die Geschichtchen, so zwischen zehn Minuten und einer Viertelstunde lang, werden aber nicht wie im Vorweihnachtsprogramm länger, skurriler, böser und abstrakter – sondern enden mit einemganz liebevoll ausgetragenen Generationenkonflikt auf dem Bahnhof Berlin-Alexanderplatz, wobei Neander einen cool-barschen jugendlichen S-Bahnfahrgast und Bodecker eine olle Omma mit Riesenkoffer und ausgedrucktem Fahrplan mimt, deren Zug natürlich mehrfach ganz woanders abfährt und die auf die mählich verbleichende Tradition der Hilfe junger gegenüber alten Menschen setzt, die aber mittels Riesenkopfhörern und Handyspielchen gar keine Aufmerksamkeit für ihre Nächsten haben.

Eine kleine Ewigkeit später – nach mehrfachem Szenenapplaus für die Rolltreppensimulation – sitzt sie im richtigen Zug und er hat einen frisch gestrickten, rot-weißen Union-Schal, den er (entweder Hertha oder BFC) erst liegen lässt, dann aber doch daran schnüffelnd mitnimmt, während der nächste Alte (Bodecker als Opa) auf Hilfe wartet… Neben dem beeindruckend taktgenauen Spiel und der unzähligen Facetten in Mimik und Gestik ein weiteres Stilmittel: Die zu erwartende Pointe kommt als Klammerauflösung der Apfelmetapher erst nach dem vermeintlichen Schlussapplaus – sie funktioniert völlig unmissionarisch erleuchtend und würde nur bei Missfallen des Abends verraten, was aber hier außerhalb jeder Vorstellungskraft ist und am Sonntag mit langem herzlichen Beifall eines illustrer gemischten Publikums belohnt wurde.

Zwanzig Jahre arbeiten der Schweriner Zauberer Wolfram von Bodecker und der in Paris geborene Stuttgarter Alexander Neander nun schon zusammen. Sie taten sich nach ihrer Lehrzeit beim allergrößten Pantomimen, ihrem berühmten Pariser Großmeister Marcel Marceau, mit dem sie zehn Jahre gemeinsam tourten, zusammen und arbeiten nun schon seit 1996 unter ihrem Compagnie-Namen von Berlin aus.

Ihr stummes Theater, das seit 2000 in sorgsamer Regie von Lionel Ménard auf äußerst präzise gespielten Shownummern in Symbiose von Mimenspiel und Körpertheater und auf Basis von genauem Licht- und Toneinsatz beruht, funktioniert auch dank der Eleganz, die ihnen der Maestro reichlich mitgab. Seit drei Jahren profitiert Dresden von der seltenen Symbiose, weil das Societaetstheater als Kooperationspartner für die Premieren dient.

Nach „Follow Light“ (2013) und „Hereingeschneit“ (2014) wird nun auch „Im Garten Eden“ mit dem Start hier assoziiert. Am Wochenende hat dabei garantiert Marceau selbst ein himmlisches Auge auf das Treiben seiner deutschen Meisterschüler geworfen, denn er hatte beide einst für „Un soir à l’Eden“, also seinen „Abend in Eden“, engagiert. Dieser hatte einst einige Frauen am Start und widerspiegelte große tänzerische Leichtigkeit in Stummfilmoptik.

Befasst man sich darob näher mit Vita der Künstler, dann wünscht man sich alsbald ein Gastspiel mit einem ihrer visuellen Konzerte, am besten natürlich mit der Hommage „Bonjour, Monsieur Satie“ mit Manfred Schmidt am Piano in der Nähe. Doch das ist nicht in Sicht, dafür Weihnachten die dritte Serie von „Hereingeschneit“ im Soci. Danach geht es mit Tom Quaas und „Faust ohne Worte“ sofort ins Eisenacher Theater – und am 16. Januar 2017 gibt es das 20-Jahre-Best-of-Programm für Dresden – allerdings in einem gewissen Zauberzirkuszelt, wo derzeit präparierte Leichen für Appetitmangel beim humanen Besucher sorgen. Doch zuvor gibt es bis zum 27. August täglich (außer Mon- und Dienstag) ihre durchaus jugendreife Version von „Adams Äpfel“.

nächste Vorstellungen: 17. bis 21. sowie 24. bis 27. August (je 20 Uhr, bei Regen im Haus)

www.societaetstheater.de
www.bodecker-neander.de

Von Andreas Herrmann

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