Volltextsuche über das Angebot:

1 ° / 0 ° Schneeregen

Navigation:
Google+
Im Festspielhaus Hellerau: Modul-Dance-Festival mit unterschiedlicher Resonanz

Im Festspielhaus Hellerau: Modul-Dance-Festival mit unterschiedlicher Resonanz

Die Geschichte von Marcos Morau beginnt reichlich merkwürdig und bleibt es auch, was ja nichts Nachteiliges ist. Auf der Bühne im Großen Saal vom Festspielhaus Hellerau macht sich ein alter Volvo Kombi breit.

Voriger Artikel
Triumph und Abschied: Sonnabend früh starb Choreograf Jochen Ulrich, am Abend hatte sein "Nussknacker" in Chemnitz Premiere
Nächster Artikel
Sieben auf einen (Faust)-Schlag: "Ich armer Tor" nach Goethes "Faust" am Staatsschauspiel Dresden - eine Doppelkritik

"The very delicious piece" mit Christina Planas Leitao und Jasmina Krizaj.

Quelle: Peter Fiebig

Und in leger-sportlicher Kleidung treten diverse Personen auf, die sich offensichtlich - warum auch immer - vor einer undefinierbaren Erscheinung fürchten. Wenn dann auf der Texttafel der Titel des Stückes "Russia" erscheint, kann man sich so seine Gedanken machen, doch hilfreich ist das beileibe nicht. Und auch der irgendwann auftauchende Zottelbär bringt keine Aufklärung.

Wer nun denken mag, das Ganze käme einem etwas spanisch vor, trifft genau ins Schwarze. Denn die Tänzer von La Veronal aus Spanien sowie der vielseitige katalanische Choreograf Marcos Morau, der die Company 2005 begründete, sind hier kräftig dabei, dem russischen Bären das Fell abzuziehen. Das machen sie in einer Art szenischem Roadmovie, wo das Auto die letzte, ersehnte Rückzugsstation ist auf einem heil- und endlosen Weg zum Baikalsee. Erstarrte Insassen beobachten oder versuchen einzugreifen in den Albtraum verängstigter, sich in Sportgymnastik ertüchtigender, auftrumpfender, Macht ausübender Gestalten. Aber alles Mühen ist vergebens - Angst, Kälte, Einsamkeit lähmen die Unterlegenen bis zur Aufgabe jeglichen Widerstandes, nehmen ihnen die Überlebenskraft.

Eine eisige, in russischen Weiten spielende Geschichte, ausgereizt mit Flockenwirbel, Drill, Aufmarsch und Bär, mit Ausgeliefertsein und Aussichtslosigkeit. Dabei fehlt eigentlich nur noch der Wodka als bekannte Überlebenshilfe. Doch die ausgezeichneten Tanzdarsteller bringen in diese abenteuerliche Mixtur so viel Belebendes und ihr Können ein, so dass man nicht gleich mit erfrieren muss. Ein sehenswertes wie auch in den Bildern markantes Stück als Deutsche Erstaufführung beim Modul-Dance-Festival, von dem es offenbar ebenso eine kürzere Variante unter dem Titel "Moscow" gibt. Zu durchdenken aber wäre bei dieser Story wohl noch deutlich mehr. Zumal sie sich so oder anders in der Vorstellung von vielen Orten der Welt abspielen könnte - man müsste nur die "Versatzstücke" austauschen. Wo aber finden sich schon so schöne Klischees wie eine bizarre russische Exekution in Schnee und Eis zu Schwanensee-Klängen?

Auf andere Weise ausgefallen, in sich eigenwillig und konsequent, war die Performance "The very delicious piece" der beiden Tänzerinnen Christina Planas Leitao aus Portugal und Jasmina Krizaj aus Slowenien, vorgestellt im Nancy Spero Saal vom Festspielhaus. Die beiden sind, ohne sich all zu viel im Raum zu verändern, bald eine Stunde kraftraubend und unablässig in Bewegung. Ihre Körper, ihre Glieder flattern, zittern zu bekannten Lovesongs, die sich beim "näheren" Hinhören als reichlich trivial erweisen. Und zuweilen setzen sie auch die eigene Stimme ein - bis zur totalen Erschöpfung!

Obwohl manche szenischen Situationen eindeutiger nicht sein könnten, wird in dieser Performance wahrhaft mehr assoziiert als nur die sexuellen Nöte und Bedrängnisse zweier Frauen. Hier geht es um Obsessionen, von denen schwer zu lassen ist, um Aufmerksamkeit, Hilfe, Hoffnung, um die Kraft, einen Ausweg zu finden. Szenische Metaphern, die auch dem Publikum Durchhaltevermögen abverlangen, doch letztlich sind die beiden Frauen so authentisch, dass sich die physisch-mentale Anstrengung eindringlich im Gedächtnis festhakt.

Zum Abschluss des Festivals zeigte der in Norwegen lebende Iraner Hooman Sharafi mit der Impure Company den Versuch einer szenisch-bildhaften Aufarbeitung seiner traumatischen Erinnerungen an die iranische Revolution von 1979. Er spricht dabei vom scharfen Geruch nach verbrannten Reifen, herumrennenden Menschen, Gewehrgeräuschen, Schreien, Melodien von Liedern. Und Sharafi assoziiert dieses Erleben gemeinsam mit drei weiteren Performern. Das ergibt Sinn und Kraft speziell in Hinblick auf die bildkünstlerischen Mittel, doch es verfehlt - zumindest an diesem Ort - weitgehend die Relevanz szenischer Möglichkeiten. In solch überladener Form wird das, was für die Beteiligten eine Herzenssache, für uns jedes Nachdenken wert ist, wohl eher übertüncht. Und wenige, reduzierte Bestandteile davon hätten mit den bewegten künstlerischen und dokumentarischen Bildern ausgereicht, um das sensible Thema auf die Bühne zu bringen. Dafür aber ist es ja (außer für den Moment der ersten Vorstellung) noch nicht zu spät. Und es gibt für Struktur und Inhalt ausreichend viele Inspirationen.

Das ist auch ein Hauptanliegen dieses Anfang November justament in Hellerau gestarteten Festivals, welches erste Ergebnisse vorstellte von dem bis 2014 zu realisierenden Modul-Dance-Projekt, an dem 22 europäische Tanzhäuser und Medienpartner aus 15 Ländern beteiligt sind. Es will entdecken, Entwicklungen begleiten, Ermutigung geben. Und damit auch aus dem Kreislauf des allseits Bekannten heraustreten. Ein von Hellerau - Europäisches Zentrum der Künste Dresden längst gegebenes Versprechen, das nun konkret und fassbar wird, aber in der Publikumsresonanz noch deutlich Defizite aufweist. Da brauchte es sicher entsprechende Formen der Organisation, beispielsweise in der Frage von Tickets oder Festivalpass. Und zudem könnten auch noch mehr Zuschauer als Partner gewonnen werden.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 12.11.2012

Gabriele Gorgas

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur News

Entwirren Sie mit schnellem Auge und flinkem Geist den Buchstabensalat des Rätselspiels! Hier kostenlos im Spieleportal von DNN.de spielen! mehr