Volltextsuche über das Angebot:

6 ° / -1 ° Regenschauer

Navigation:
Google+
Im Boulevardtheater spürt Sherlock Holmes den „Schnecken von Eastwick“ nach

Von Toten und Zoten Im Boulevardtheater spürt Sherlock Holmes den „Schnecken von Eastwick“ nach

Sherlock Holmes in Prosa? Englands erfolgreichster Literaturexport. In Film und Fernsehen? Ein Dauerbrenner. Im Theater? Da wird es schon schwieriger. Es mag ein Grund sein, warum es Sherlock Holmes im Dresdner Boulevardtheater bei der Premiere sehr schwer hatte.

Szene mit Boris Schwiebert (Sherlock Holmes), Katrin Jaehne (Mrs. Hudson) und René Geisler (Dr. Watson) v.l.
 

Quelle: Robert Jentzsch

Dresden.  
 

Es mag ein Grund sein, warum es Sherlock Holmes auf der Spur der „Schnecken von Eastwick“ im Dresdner Boulevardtheater bei der Premiere sehr schwer hatte. Dabei versammelt Olaf Beckers Inszenierung durchaus einige Zutaten, die eine gute Holmes-Geschichte ausmachen, schafft Marlis Knoblauchs stimmiges Bühnenbild Atmosphäre und lässt Boris Schwiebert in der Hauptrolle nicht zuletzt optisch willkommene Assoziationen mit diversen Erfolgs-Sherlocks aufkommen. Allein, es mangelt am wichtigsten Element für eine gelungene Krimikomödie, und das ist ein adäquates Buch, das sich nicht bloß von einem Pointenversuch zum nächsten hangelt und nebenbei noch bekannte Dialoge aus der BBC-Erfolgsserie „Sherlock“ abgreift. Was Autor Michael Kuhn aufbietet, ist eher „Doktor Watson, die Kanüle klemmt!“ – eine verklemmte Parade der Zweideutigkeiten, so abwechslungsreich wie eine Partie „Cluedo“ mit Omas Kaffeekränzchen. Mag die dem Abend zugrundeliegende Methode gerade noch so als ,Sampling‘ durchgehen (der Plot bedient sich großzügig bei François Ozons Filmerfolg „8 Frauen“, die Begleitmusik schielt ungeniert auf Hans Zimmers Arbeiten für Guy Ritchies Holmes-Filme), die Ausführung zündet nicht.

Liegt es daran, dass René Geisler (als Dr. Watson) und Katrin Jaehne (als Mrs. Hudson) außer wiederholtem Vornüber-Fallen und Balz-Kalauern der Marke „Oh wehchen, Popöchen“ nichts zu tun bekommen? Dass eine Komödiantin wie Monika Hildebrand ihren kompletten Dialog mit einem ins Buch geschriebenen Sprachfehler bestreiten muss, nur damit im ersten Akt eine einzelne Zote zu ihrem Recht kommt? Dass die Dramaturgie lahmt und der einzige nennenswerte Konflikt der zwischen dem Ensemble und der englischen Sprache ist, der in reichlich deplatzierten, überlaut aus den Lautsprechern wabernden Liedeinlagen hörbar wird? Oder dass Sherlock Holmes bei der Suche nach dem Mörder eines adligen Schneckenzüchters (Stephan Schill) jeden Beweis seiner detektivischen Kunst schuldig bleibt?

Während sich bekanntere Persiflagen des Holmes-Stoffes konsequent einer bestimmten Lesart verpflichteten (Michael Caine gab Holmes als lüsternen Säufer, Hans Albers den schnittigen Hochstapler, Gene Wilder einen kindischen Detektiv mit Känguru-Tick), wird Holmes auf den Spuren der „Schnecken von Eastwick“ weder stringent durch den Kakao gezogen noch als Figur ernstgenommen. Er steuert eigentlich in erster Linie überleitenden Dialog zwischen dünnen Klamauk-Nummern bei. Zwei Theaterstunden sind damit kaum zu füllen (zur Auflösung des Kriminalrätsels muss ein Gimmick herhalten, das die Adepten des Mitratekrimis bereits in den 1920er-Jahren auf ihrem Index der abgeschmacktesten Gattungsklischees führten), und so wird eben gesungen oder – kurz vor dem Finale – unter den Damen des Hauses (neben Hildebrand auch die charismatischen, aber durchweg unterforderten Dorothee Krüger, Sarah Gebert und Ilona Raytman) zehn Minuten Schmäh-Klamotte gespielt, mit Sprüchen aus Papas altem Witzebuch („Ich soll dich vom Niveau grüßen, ihr seht euch ja so selten“).

In diesen Momenten kommt man dann Holmes immerhin etwas näher, weil man den Geist schweifen lassen und sich brennenderen Fragen zuwenden kann.
Beispielsweise der, was eigentlich die motivische Verknüpfung schleimiger Kriechtiere mit den Frauengeschichten des Earl of Eastwick im Subtext der Inszenierung über das Kreativteam aussagt. Aber das ist eigentlich kein Fall für Holmes, sondern für einen seiner Zeitgenossen. Doktor Freud, übernehmen Sie!

Nächste Vorstellungen: heute (Restkarten), 27./28.2., 2. bis 6.3., Boulevardtheater

http://boulevardtheater.de

Von Wieland Schwanebeck

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur News

Entwirren Sie mit schnellem Auge und flinkem Geist den Buchstabensalat des Rätselspiels! Hier kostenlos im Spieleportal von DNN.de spielen! mehr