Menü
Dresdner Neueste Nachrichten | Ihre Zeitung aus Dresden
Anmelden
Regional Im Bluat: Hubert von Goisern in Dresdens Altem Schlachthof
Nachrichten Kultur Regional Im Bluat: Hubert von Goisern in Dresdens Altem Schlachthof
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
17:36 09.09.2015
Einer wie keiner: Hubert von Goisern. Quelle: Dietrich Flechtner

Es gefällt ihm dahoam, des scho, aber da ist auch diese unbändige Neugier auf die Welt. Nicht auf All-Inclusive in einer Bettenburg, sondern auf wirklichen Kontakt mit Land und Leuten. Er war auf dem Balkan unterwegs, in Tibet, in Afrika, immer sein Akkordeon im Gepäck. Der Mann ist sein eigener roter Faden, der sich konsequent bisher jeder Gefälligkeitsströmung verweigert hat und musikalisch unbeirrbar seinen Weg gegangen ist - seit mehr als 25 Jahren schon.

Nun war der Weltmusiker in den USA unterwegs. Dass sich "alles ganz anders anhörte", war offenkundig diesem Besuch in Amerika zu verdanken. Gerockt wurde bei Goisern ja schon immer, aber noch nie so krachend und scheppernd wie jetzt. Das erinnert schon fast an Springsteen mit seiner E-Street-Band oder Neil Young mit Crazy Horse. Zudem hat Goisern Country- und vor allem Cajun-Musik entdeckt. Und bei einem oiden Blues liegt sogar ein Hauch von Baumwollfeld in der Luft, bei einem Jazzstück, für das von Goisern zur Trompete greift, fühlt man sich in den Cotton Club versetzt. Die Grenzen zerfließen, die Musikstile vermischen sich. Die Mundharmonika geht in ein Jodeln über, der Weg führt von harten Riffs zum Landler und wieder zurück, alles unterstützt von einer vortrefflichen Begleitband.

Zu der gehört auch ein Amerikaner, der an der Steel-Gitarre sitzt, die der Musik Goiserns eine ungewohnte, aber ungemein bereichernde Facette verleiht. Dieser Kerl war der einzige, mit dem Goisern auf seiner Tour durch die USA überhaupt zusammenspielen konnte und mit dem er auch sonst auf einer Wellenlänge lag. Einmal traf er zwei Amerikaner, mit denen er ein bisschen rumjammte, aber als er "Amazing Grace" intonierte, fielen die nicht mit ein. Als Goisern erstaunt fragte, was los sei, erwiderten sie, das sei eine Protestantenhymne, so was würden sie als Katholiken nicht spielen. Goisern kann schon selbst auch ein sturer Hund sein, aber ob dieser Engstirnigkeit war er baff. Bedient. Beim Gros der Zuhörer im Schlachthof dürfte er mit seiner emotionsgeladenen Version von "Amazing Grace" für Gänsehaut-Gefühl gesorgt haben.

Goisern erzählte, nein, er schüttete sein Herz aus, machte aus seinem Herzen keine Mördergrube. Deppen gibt's überall, in Deutschland, in Österreich, aber weil's in Amerika so viel Leute hat, gibt's auch mehr Idioten, lässt Goisern süffisant wissen. Außerdem haben die Idioten hierzulande in der Regel keine Waffe. Ja, hier gibt es auch Intoleranz, das ist Goisern schon bewusst. "Aber ihr schämt's Euch wenigstens dafür", meint er - und schiebt trocken hinterher: "Hoffe ich jedenfalls."

"Ich spür's im Bluat, des duad so guat", heißt es in einem Lied. Stimmungstechnisch trifft die Aussage auf viele der neuen Songs zu, vor allem dann, wenn es doch heimelig wird, man sich auf einer Alm wähnt. Selbst Flachlandtiroler überkommt da mit Urgewalt die Sehnsucht nach den Bergen, richtigen Bergen. Der Watzmann ruft, nicht der Fichtelberg. Einstweilen sind die neuen Lieder noch nicht auf einem Album festgehalten. Denn Goisern war so frei, seine Fans bewusst zu überraschen, wollte, dass koana in der Lage ist, mitzusingen. Nur bei "Brenna tuats guat", das erst als Zugabe gschpuit wurde, war das möglich. Ja, a Hund is a scho, da Goisern, aber oana, der's Herz am rechten Fleck hat. Und das allein zählt.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 01.11.2014

Christian Ruf

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Die beiden Hegenbarth-Künstlerstipendiaten des Jahres 2014 sind vorgestellt, deren vielversprechende Portfolios sich aus über 40 Bewerbungen hervorgetan hatten.

25.06.2018

Am morgigen Sonntag wird sie 85 Jahre, trotzdem strahlt Ursula Rzodeczko mit jugendlich wirkendem Gesicht, als sie über ihr Künstlerleben spricht. Es gibt noch Reibungen, die sie jung erhalten.

19.06.2018

Wer vor sieben Jahren daran gedacht hätte, dass in der so frisch wie mutig gestarteten Veranstaltungsreihe Feature-Ring einmal das 50. Konzert ausgerichtet werden würde, wäre vermutlich ungläubig belächelt worden.

09.02.2018
Anzeige