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Regional "Ich bin froh, nicht aus Dresden zu kommen" - Jana Hensel im Interview
Nachrichten Kultur Regional "Ich bin froh, nicht aus Dresden zu kommen" - Jana Hensel im Interview
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10:03 13.12.2017
Jana Hensel. Quelle: Uwe Frauendorf
Leipzig

Als Autorin unter anderem für „Die Zeit“ und den „Freitag“ hat die in Berlin lebende Journalistin Preise gewonnen. Im Sommer legte sie mit „Keinland“ (Wallstein) ihren ersten Roman vor. Morgen wird sie ihn im Haus des Buches vorstellen, Moderator ist Schriftsteller-Kollege Clemens Meyer (40).

„Keinland“ ist Ihr erster Roman. Es geht um die Liebe zwischen einer ostdeutsch sozialisierten jungen Journalistin und einem wesentlich älteren israelischen Geschäftsmann. Seit dem Sommer stellen Sie das Buch auf Lesungen vor. Wie sind die Reaktionen?

Großartig! Und ich bin darüber sehr glücklich. Es war für mich ein Wagnis, vom Journalismus in die Literatur zu wechseln und ich hatte auch, ehrlich gesagt, ziemlich Angst, als das Buch erschien. Aber nun mögen sowohl die Leser als auch die Kritiker meinen Roman. Das Buch ist jetzt in dritter Auflage erschienen, die Verhandlungen über eine Verfilmung sind in einem guten Stadium. Alles ist gut.

Von der Journalistin zur Schriftstellerin: Wie schwer war die Umstellung?

Wenn es nicht übertrieben klingt, dann ja: Es war wie eine Neugeburt. Gleichzeitig bin ich auch zu meinen Wurzeln zurückgekehrt. Ich komme ja eigentlich von der Literatur, ich habe in Leipzig und Berlin Literaturwissenschaft studiert, bin nach den „Zonenkindern“ eher zufällig in den Journalismus hineingerutscht. Aber meine Ansprüche an einen Roman sind hoch, deshalb war das Schreiben eine große Herausforderung für mich. Es sollte Literatur werden und kein weiterer Journalisten-Roman.

Wie löst man sich von einem Schreibstil, ohne den anderen genau zu kennen?

Ich habe mich zwei Jahre komplett auf das Schreiben des Romans konzentriert und versucht, einen literarischen Ton zu finden. Und der sollte mit meinen journalistischen Arbeiten überhaupt nichts zu tun haben. Ich denke, das ist mir gelungen.

Im Untertitel steht explizit Liebesroman. Sollte es dieses Genre unbedingt sein, oder war das eher dem Zufall geschuldet?

Ich wollte unbedingt über die Liebe schreiben. Die Liebe ist so ein schönes Thema! Und eines, dem man mit den Mitteln des Journalismus nicht beikommt. Man kann Liebe nicht beschreiben, sie muss stattfinden. Und das kann sie nur in der Literatur.

Wie viel steckt von Ihnen selbst in der Hauptfigur, der Ost-Journalistin Nadja?

Ich bin nicht die Hauptfigur. Aber ich bin wie Nadja Journalistin und in den vergangenen Jahren viel in Israel gewesen, das sind autobiographische Spuren. Für mich war es wichtig, dass ich das Metier kenne und meine Hauptfigur als Reporterin Fragen zum Leben stellt. Darauf konnte ich literarisch aufbauen.

Zur Leipziger Lesung: Sie wird vom Leipziger Kollegen Clemens Meyer moderiert. Wie kam es dazu?

Clemens hat meine Buchpremiere in Berlin moderiert, und das war so toll, dass wir es wiederholen wollen.

Beide fast gleicher Jahrgang, beide schriftstellerisch erfolgreich, beide aus Leipzig: Ist das die Verbindung?

Unbedingt. Aber nicht nur. Clemens ist ein sehr ernsthafter Mensch, das bin ich auch. Und so ist es bestimmt kein Zufall, dass sein Roman „Als wir träumten“ und meine „Zonenkinder“ atmosphärisch viel miteinander zu tun haben. Wir haben diese 90er Jahre, in denen wir uns noch nicht kannten, zwar nicht auf ähnliche Weise erlebt, aber verstanden.

Und jetzt moderiert der Roman-Profi quasi die Roman-Debütantin ...

Es freut mich ungemein, wenn ich neben ihm sitzen darf und er mir ein bisschen Schützenhilfe gibt.

Hat er Sie beim Debüt beraten?

Clemens war einer der ersten, den ich in meine Roman-Idee eingeweiht habe. An ihm schätze ich vor allem, dass er einen großen literarischen Sachverstand besitzt. Seinem Urteil vertraue ich wie keinem anderen.

Die Lesung in Leipzig, die Rückkehr als erfolgreiche Autorin in die alte Heimat: Kribbelt es da noch? Sie haben ja im Haus des Buches mal gearbeitet ...

Natürlich ist das was Besonderes. Es bedeutet mir sehr viel, fast 20 Jahre, nachdem ich aus Leipzig weggegangen bin, hier aus meinem ersten Roman zu lesen.

Wie bewerten Sie mit Berliner Fernblick die Entwicklung in Ihrer Heimatstadt?

Ich finde es toll, was in Leipzig passiert. Als ich 1999 wegzog, ging es der Stadt nicht gut. Die Boomtown-Träume der Nachwende hatten sich in Luft aufgelöst. Sehr viele aus meiner Generation verließen die Stadt, die meisten nicht ganz freiwillig. Aber es gab für viele hier einfach keine Perspektive, keine Jobs. Jetzt freue ich mich umso mehr, dass Leipzig so prosperiert. Und das in jeder Beziehung. Diese positive Stimmung, die von der Stadt ausgeht, das habe ich seit dem Mauerfall so noch nie erlebt.

Andererseits liegt ja Leipzig in Sachsen und kann sich auch nicht komplett davon abkoppeln, dass der Freistaat nach dem AfD-Erfolg bei der Bundestagswahl gerade eine schwere Image-Krise durchlebt.

Leipzig hat sich im Gegensatz zu Dresden klar gegen Pegida positioniert. Hier ist sofort ein breites, bürgerlich getragenes Bündnis gegen Legida auf die Straße gegangen. Das war extrem wichtig, nach innen, aber auch für die Außenwirkung der Stadt. Ich bin wirklich stolz, Leipzigerin zu sein, und froh, nicht aus Dresden zu kommen. Hier herrscht ein anderer Geist und das wird auch bundesweit so gesehen.

Sie mischen sich gern in politische Debatten ein. Ihr offener Brief an die Kanzlerin, nachdem sie bei einem Wahlkampfauftritt im September in Finsterwalde niedergebrüllt wurde, hat bei „Zeit online“ alle Schallmauern durchbrochen. Über 500 000 Aufrufe schon nach 24 Stunden. Was ging da in Ihnen vor?

Das war mein erfolgreichster journalistischer Text und mein erster viraler Hit. Ich hatte das Gefühl, mein Handy explodiert, so oft wurde dieser Text gelikt und geteilt. Ein unglaubliches Gefühl! Der Text hatte offenbar einen Nerv getroffen, und plötzlich berichteten alle über die AfD-nahen Pöbler. Der Wahlkampf hatte endlich ein Thema.

Und dann klingelte Ihr Handy ...

... ja, am Morgen nach der Veröffentlichung. Das Adenauer-Haus wollte wissen, ob ich Zeit hätte, auch mit der Kanzlerin über meinen Text zu sprechen.

Und Sie waren sicher mit Ihrem zehnjährigen Sohn, der ja im offenen Brief eine wesentliche Rolle spielt, gerade unterwegs. Wie reagiert man da?

Man ist total baff und versucht, so cool wie möglich zu bleiben. Im Anschluss ruft man gleich die drei besten Freunde an und versucht sehr ruhig zu sagen, dass Angela Merkel gleich anrufen wird. Damit die dann rufen können: Echt? Krass! Dann kam mein Sohn von der Schule und ich bat ihn, leise zu sein, die Kanzlerin würde gleich anrufen. Wir haben dann gelacht. Es ist ja auch sehr lustig.

Hat sich die Kanzlerin bei Ihnen beschwert? Im Text kritisieren Sie ja Ihr Schweigen und ihre Nicht-Reaktion auf die Schreihälse.

Über Details möchte ich nicht reden. Nur so viel: Es war ein längeres, sehr angenehmes Gespräch. Angela Merkel war gerade auf dem Weg zum nächsten Wahlkampftermin in Wolgast, die Telefonleitung brach mehrmals zusammen und sie musste drei- oder viermal anrufen. Wir haben uns angenehm ausgetauscht. Angela Merkel schafft es, ihrem Gesprächspartner das Gefühl zu geben, dass er auf Augenhöhe mit ihr redet. Aber letzten Endes war es natürlich auch ein großer Erfolg für die Redaktion von „Zeit Online“, denn die Kanzlerin hat mir erzählt, dass sie den Text noch am Abend des Erscheinens gelesen hat.

Interview: André Böhmer

Jana Hensel liest aus „Keinland“, Clemens Meyer moderiert: morgen, 19.30 Uhr, Haus des Buches (Literaturcafé); Gerichtsweg 28 in Leipzig; Karten (4/3 Euro) an der Abendkasse.

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