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Regional Huimann inszeniert Sartres „Troerinnen“ am Projekttheater
Nachrichten Kultur Regional Huimann inszeniert Sartres „Troerinnen“ am Projekttheater
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18:17 18.04.2018
Sandra Maria Huimann Quelle: Sähsische Landesbühnen
Dresden

Für ihre Vielseitigkeit ist Sandra Maria Huimann schon länger bekannt. Als Schauspielerin zählt sie zum festen Ensemble an den Landesbühnen Sachsen, ist am Stammhaus in Radebeul wie auf Gastspielen zu erleben und sowieso an der Felsenbühne Rathen im beinahe ständigen Einsatz. Sie kann aber auch singen, hat in verschiedenen Bands mitgewirkt und führt nun – zum wiederholten Mal – Regie. Michael Ernst sprach mit der Künstlerin vor der Premiere von Jean Paul Sartres „Die Troerinnen“, die im Dredner projekttheater stattfindet.

Frage: Eine Schauspielerin führt Regie – was reizt Sie an diesem Rollenwechsel?

Sandra Maria Huimann: Für mich ist das ein großes Glück, ich hab schon 2015 mit Oscar Wildes „Salome“ ein Stück inszeniert, das mich sehr interessiert hat. Irgendwie war das immer in meinem Kopf, dann kam plötzlich eine Inszenierungsidee dazu, wie das heute zeitgemäß aussehen könnte. Das hat mich nicht mehr losgelassen, ist wie von selber passiert. Das war tatsächlich eine unglaublich bereichernde Erfahrung – man lernt Theater auf andere Weise kennen, öffnet den Blick, kann Schauspielen anders bewerten und spürt, was man alles bedenken und umsetzen muss – ein Abenteuer, auf das ich mich immer wieder gern einlassen würde. Ich habe aber auch das große Glück, Kollegen zu haben, die gern mit mir arbeiten und mir großes Vertrauen entgegenbringen. Wir haben natürlich immer zu wenig Zeit am Theater, aber genug, um Ideen zu entwickeln und sie reifen zu lassen. Wenn sich das dann aus der Vorarbeit auf der Bühne zusammenfügt, erfüllt es einen mit Stolz. Eine ganz andere Form der Kreativität.

Sie inszenieren aber nicht nur das Stück mit vier Künstlerinnen und zwei Künstlern, sondern agieren auch selbst auf der Bühne. Wie geht dieser Spagat?

Wir haben einfach nicht die Ressourcen in Radebeul, daher hab ich mich selber besetzt. Im Gegensatz zur „Salome“, wo ich ab der zweiten Vorstellung einspringen musste, habe ich hier selber mit geprobt, um eine richtige Figur zu entwickeln. Zunächst konnte ich mich als Regisseurin auf die anderen Rollen konzentrieren und habe mich erst zuletzt als Helena mit eingebracht, weil diese Partie „übrig geblieben“ ist. Ein Regieassistent beobachtet das kritisch mit dem Blick von außen – aber es ist ein Riesenglück, dass alle Kollegen so wohlwollend sind und mich auch auf der Bühne akzeptieren. Sie spüren, dass ich die Situation nicht ausnutze, um eine One-Woman-Show zu zelebrieren.

Eigentlich dürften Sie in Ihrem Engagement an den Landesbühnen doch mehr als „ausgelastet“ sein?

Ich bin ein bisschen wahnsinnig und kann nicht Nein sagen. Unser Intendant hat ein Ein-Personen-Stück für mich geschrieben, diesen Monolog hab ich mit Manuel Schöbel vorgeprobt und letzten Freitag im Radebeuler Bilderbogen herausgebracht. Eine Woche davor gab’s noch einen Österreich-Abend, es kommen eine Reihe neuer Stücke auf mich zu. Das läuft alles gut, aber jetzt bin ich froh, dass ich mich auf „Die Troerinnen“ konzentrieren kann.

Wie kam es zur Kooperation mit dem projekttheater?

Das war ein Vorschlag von Manuel Schöbel und hatte sich bei „Salome“ schon gut etabliert. Ich finde den Theaterraum hier mitten in der Neustadt ganz toll. Etwas anarchisch, das gefällt mir und funktioniert sehr gut.

Sartres große Zeit als viel diskutierter Existentialist scheint vorbei. Oder sehen Sie eine Renaissance?

Das würde mich freuen. Ich darf mich nicht Sartre-Expertin nennen, das wäre zu hoch gegriffen. Aber ich habe sehr viel über ihn und von ihm gelesen, alles zum Algerien-Krieg, das war sehr wertvoll für mich. Wie er Figuren gestaltet und Worte wählt, das berührt mich. Seine Fassung des Euripides-Stoffes der Troerinnen ist für mich sehr zeitgemäß, auch sehr poetisch. Er schafft es, die griechische Tragödie für uns nachvollziehbar zu machen. Daher muss im Text auch nicht viel eingegriffen werden, ich habe lediglich Prolog und Epilog gestrichen und medial ersetzt.

Was reizt Sie an den „Troerinnen“?

Das Stück ist hochgradig aktuell mit seiner Grundbotschaft als Anti-Kriegsstück. Es muss heute erzählt werden. Mich reizt auch, dass es ein Frauenstück ist. Manchmal bin ich etwas unglücklich, dass es nicht viel Literatur mit so schönen Frauenrollen gibt. Ein wichtiger Aspekt des Stücks ist, wie mit Frauen umgegangen wird. In meinen Recherchen habe ich viel gelesen über gezielte Vergewaltigungen in Kriegen, um die Besiegten zu erniedrigen.

Interessiert Sie mehr der antike Stoff oder dessen heutige Gültigkeit?

Im Prinzip ist der antike Stoff heute absolut gültig. Als Kind bin ich nahtlos aus der Märchenphase in der Mythologie angekommen. Damals konnte die griechische Mythologie fast auswendig, habe geradezu darin gelebt. Ich lese das fast immer als heutig, das meiste kann man beinahe eins zu eins ins Heute übertragen.

Der Trojanische Krieg dauerte zehn, der in Syrien bis jetzt sieben Jahre. Haben Sie beim Inszenieren daran gedacht?

Es gibt viele Parallelen. Ich habe mich über den Iran, Irak und Afghanistan bis nach Syrien vorgedacht. Der Satz „Wer den Wind sät“, nach dem Buchtitel von Michael Lüders, erklärt sehr genau, wie die ganzen Kriege und Regimewechsel funktionieren. Sartres Figur der Andromache erinnert daran, wie Asma al-Assat gesehen wurde. Einst international als Lady Di des Orients gepriesen, wurde die syrische First Lady plötzlich mit der Neubewertung des Landes verdammt. Die Zeitschrift Vogue hat sogar einen Artikel über sie aus dem Internet gestrichen. Schon im alten Rom gab es Listen von Menschen, die umgebracht werden sollten nicht für das, was sie getan haben, sondern für das, was sie hätten tun können. Wie in der griechischen Tragödie werden auch heute Menschen ohne Gerichtsverfahren umgebracht. Den kleinen Sohn des Hector konnte man schon in der Antike nicht leben lassen, aus Furcht, er würde sich rächen – diese Parallelen zum Heute finde ich höchst erschreckend.

Wir bringen Sie Ihre Helena in dieses Rachegefüge ein?

Helena kämpft um ihr Leben, ist eine Überlebenskünstlerin und sicherlich auch Opportunistin. Sie arbeitet mit ihren Mitteln wie Schönheit und Überredungskunst. In einem Zitat hab ich gelesen, schöne Frauen seien „unsichtbar“. Man projiziert viel drauf, Positives wie Negatives, aber ihr wahrer Charakter wird nicht wahrgenommen. Ich denke, mit Paris wegzugehen, war die einzige eigene Entscheidung, die Helena in ihrem Leben getroffen hat. Man kann ihr aber nicht die Gesamtschuld an Trojanischen Krieg in Schuhe schieben. Den hätte es auch ohne sie gegeben.

„Die Troerinnen“, Premiere 20.4., 20 Uhr, projekttheater Dresden; 28.4. und 6.5. dann auf der Studiobühne der Landesbühnen Sachen

Von Michael Ernst

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