Volltextsuche über das Angebot:

3 ° / -1 ° Schneeregen

Navigation:
Google+
Holger John inszeniert erneut eine Ausstellung im Jägerhof: über Trachten

Holger John inszeniert erneut eine Ausstellung im Jägerhof: über Trachten

Es ist nicht das erste Mal, dass Igor A. Jenzen, Direktor des Museums für Sächsische Volkskunst mit Puppentheatersammlung der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, unerwartete Wege geht.

Erinnert sei an die Ausstellung "Baustelle" vor einigen Jahren, als der Dresdner Künstler Holger John hier (fast) ohne Geld eine anspruchsvolle, interaktive und installative Inszenierung schuf, die gerade jüngere Besucher anlockte. Nun hat sich Jenzen erneut mit John zusammengetan. Diesmal geht es um das soziologisch, künstlerisch oder ethnologisch gleichermaßen interessante Thema der Tracht, die aus der regionalen Kleidung des vorindustriellen Zeitalters hervorging und sich partiell erhalten hat. Beispiel ist in Sachsen die sorbische, der eine Identität stiftende Rolle zukommt. Für Jenzen und John ergab sich allerdings nicht nur eine auf die Historie gerichtete Fragestellung, sondern ebenso jene nach gruppenspezifischer Kleidung, "Tracht", in unseren Tagen.

Folgerichtig heißt die morgen beginnende Ausstellung auch "Sächsische Volkstrachten, HipHop und Nadelstreifen". Natürlich wirft die Schau zunächst einen Blick in den großen Bestand der Textilsammlung, zeigt Vogtländer und Altenburger (heute in Thüringen) Trachten, deren Unterschiede in Stoff, Stickerei und Aus- führung auf die unterschiedliche materielle Situation der Regionen und der Bürger verweisen. Für die sorbische Tracht hat man sich aktuell einer Leihgabe bedient, einer Sorbin "fast den ganzen Schrank ausge-räumt". Museumsgründer Oskar Seyffert hatte die Vogtländer und Altenburger Tracht sowie die sorbische einst - anlässlich der Großen Kunstausstellung von 1896 veranstaltete er in Dresden das letzte große sächsische Trachtenfest - wohl nicht ganz korrekt als einzige "echte" sächsische Trachten definiert. Das Erzgebirge etwa, so Jenzen beim gestrigen Pressetermin, blieb unbeachtet.

Beim Betrachten all der Kleidungsstücke wird man im Übrigen feststellen, dass manches - natürlich in veränderter Form - Aufnahme in die heutige junge Mode gefunden hat, etwa jenes Teil, das, mehr Bolero mit Ärmeln als Jacke, Ergänzung zu den vielen aktuellen schulterfreien Kleidern oder Oberteilen ist. Um das Heute geht es auch im zweiten Teil der Ausstellung, für den Frank Höhler aktuelle Fotografien beisteuerte, vor allem aber Holger John seine Szenekenntnisse aktivierte. Letzterer füllte mehrere Vitrinen mit "Tracht" unserer Tage, die ebenso Weltanschauung und Lifestyle verkörpert. Der Bogen spannt sich von Gothic bis zum im Titel vorkommenden Hip-Hop. Ist Gothic unter anderem mit langem Rock, Spitzenärmeln und der unverzichtbaren Kette mit Totenkopf präsent, folgt Punk mit einer in vieler Beziehung unwiederbringlichen Jacke, die tatsächlich außerhalb des Museums einen Träger hat. Das im wahrsten Sinn Hervorstechende an ihr sind ungewöhnlich lange "Stacheln". Heavy Metal wiederum hat neben Bekleidungsteilen Schallplatten zu bieten. Beim Hip-Hop dürfen die Sprayerdosen nicht fehlen. Wer aber wusste, dass sich die für diese "Tracht" so typischen tief sitzenden Hosen dem "gürtellosen" amerikanischen Gefängnisalltag verdanken?

Auch die dunklen Anzüge, mit und ohne Nadelstreifen, sind eine "Tracht" - repräsentativ für jene, die heute mit Seriosität identifiziert werden (sollen/wollen). Ebenso hat jede Sportart ihre "Tracht". Fahrradhelme und Basecaps deuten dies an. Holger John hat solche und andere "Trachtenträger" in einem mannshohen "Modernen Fürstenzug" von sechzehn Metern Länge vereinigt ("Urwerk" ist eine 3,50 Meter lange Federzeichnung), der den Raum durchschneidet, parallel zu einer Spiegelwand. Der "Fürstenzug" zeigt hier und da statt eines Kopfes ein Loch. Eine Aufforderung zu spielerischem Identitätentausch? Sei es, wie es sei. Jedenfalls regt die Ausstellung zum Nachdenken über Kleidung und Verkleidung in unseren Tagen an, einschließlich der oft unsäglichen Dresscodes. Bei all dem geht es immer um das Verhältnis von individueller Ausdifferenzierung und Gruppe, Abgrenzung und Verbindung - und dies keineswegs nur bei Jugendkulten. Die allerdings haben wohl das schöpferischste Potenzial, das freilich auch gleich den Kommerz herbeiruft.

Nicht übergangen werden soll die zweite neue Schau im Jägerhof: "Fantasie macht Theater" widmet sich Puppentheaterfiguren der letzten vierzig Jahre aus den kommunalen Puppenbühnen der DDR beziehungsweise der neuen Bundesländer, die in ihrer Mehrzahl bisher nicht zu sehen waren. Sichtbar werden auch Entwicklungen, die zunehmend ein erwachsenes Publikum ansprechen. Auf die europäische Bedeutung der hiesigen Puppentheatersammlung neben der in München hatte gestern Hartwig Fischer, Generaldirektor der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, verwiesen.

Lisa Werner-Art

Sächsische Volkstrachten, HipHop und Nadelstreifen: Eröffnung morgen 11 Uhr mit sorbischem Hip-Hop, bis 4. November 2012

"Fantasie macht Theater", bis 3. März 2013

geöffnet täglich 10 bis 18 Uhr (Mo geschl.)

www.skd.museum

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 15.06.2012

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur News

Entwirren Sie mit schnellem Auge und flinkem Geist den Buchstabensalat des Rätselspiels! Hier kostenlos im Spieleportal von DNN.de spielen! mehr