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Hörspiel "Radioortung - 10 Aktenkilometer Dresden" steht in den Startlöchern

Hörspiel "Radioortung - 10 Aktenkilometer Dresden" steht in den Startlöchern

Die Staatssicherheit der DDR hätte damals gern über so eine Technik verfügt: Über GPS sind die etwa 30 Personen, die zuvor mit einem Smartphone ausgestattet wurden, auf ihrem "Audio-Walk" (auf Deutsch: überwachten Spaziergang) durch die Stadt jederzeit ortbar.

Auf einer Karte in der "Zentrale" im Dresdner Kleinen Haus werden die Bewegungen der Objekte dokumentiert, pulsierende rote Punkte zeigen die Position der Handys an. Außerdem zeichnet man die Zeitdauer der Aktivitäten auf - so ist erkennbar, dass Smartphone Nummer soundso nur 25 Minuten unterwegs war, während Smartphone Nummer soundso pflichtbewusst drei Stunden auf den Beinen war. Zwei bis vier Stunden Laufzeit lautet die offizielle Empfehlung für die auditive Schnitzeljagd "Radioortung - 10 Aktenkilometer Dresden", ein begehbares Stasihörspiel von Rimini Protokoll.

Zum Glück verfügte die Stasi nicht über diese Ortungstechnik. Aber auch mit den damals real existierenden technischen und personellen Vorbeugungsmitteln hat sie genug Schaden angerichtet - operativ und konspirativ. 3500 hauptamtliche und 11000 inoffizielle Mitarbeiter seien im Bezirk Dresden bei der Bürgerbespitzelung aktiv gewesen, ist auf der Internetseite von Deutschlandradio Kultur www.dradio-ortung.de zu lesen. Der öffentlich-rechtliche Sen-der hat das Format der Radioortung zusammen mit verschiedenen Künstlergruppen als Erforschung neuer Formen des Erzählens im öffentlichen Raum entwickelt. Seit 2010 wurden bisher vier Projekte realisiert. In Berlin eröffnete die Medien- und Performancegruppe LIGNA die Hörspielreihe im September 2010 mit "Verwisch die Spuren" - 32 Hörspielfragmente beschäftigten sich mit der Frage: Welche Spuren hinterlässt die Geschichte, und welche Spuren werden verwischt? Es folgte das Berliner Projekt von Rimini-Protokoll "50 Aktenkilometer", wobei durch 100 akustische Blasen in Form von Audiodateien auf der Google-Map von Berlin die Stasi-Vergangenheit thematisiert wurde. In Köln eröffnete das Regie- und Autorenduo Hofmann&Lindholm ein "Archiv der zukünftigen Ereignisse". Und bis 7. Juni kann man jetzt in Dresden ähnlich wie in Berlin die Stasi-Vergangenheit als individuell zusammenstellbares Hörspiel durchlaufen - hier sind es allerdings nur "10 Aktenkilometer" - so lang sollen ungefähr die Regale mit den gelagerten Akten im Dresdner Stasi-Archiv sein.

120 akustische Blasen wurden auf der Google-Map von Dresden platziert, etwa 50 Zeitzeugen befragt, die Schauspielerin Sonja Beißwenger ist als Stimme für vorgelesene Protokolle mit von der Partie. Die Internetkarte wurde von Radio Aporee erstellt - es ist ein Non-Profit-Projekt im Internet, bei dem User selbst erstellte Tonaufnahmen aus Natur und Umwelt hochladen -, so entsteht eine akustische Weltkarte.

"Radioortung - 10 Aktenkilometer Dresden" ist ein aufwändiges Projekt, das von zahlreichen Recherchen in den Stasi-Archiven begleitet und von mehreren Institutionen unterstützt wurde wie zum Beispiel vom Sächsischen Landesbeauftragten für Stasi-Unterlagen Lutz Rathenow, von der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, von der Robert-Havemann-Gesellschaft e. V. Koordiniert, konzipiert und entwickelt haben das Ganze Helgard Haug, Daniel Wetzel und Sebastian Brünger von Rimini Protokoll.

Und hat sich der ganze Aufwand gelohnt? Bei so einem individuell gestaltbarem Projekt dürften auch die Antworten unterschiedlich ausfallen. Das Interesse für den Stoff hängt nicht zuletzt vom Alter ab. Für Jugendliche könnten die Tonfragmente zur Aufarbeitung von Geschichte nützlich sein - die Aufnahmen haben auf die eine oder andere Art einen Bezug zu dem Ort, an dem man sich zu diesem Zeitpunkt mit Smartphone und auffällig großen Kopfhörern befindet. So erzählt Gerhard Glaser, ehemaliger sächsischer Landeskonservator, von dem Abbruch der Sophienkirche 1962 auf Geheiß von Walter Ulbricht und von seiner Beteiligung an den Protesten durch eine Flugblatt-Aktion. Dabei kann man auf den kläglichen Rest der ehemals ältesten Kirche der Stadt blicken. Weitere auditive Bausteine ließen sich ebenso gut für Schulklassen-Touren verwenden: die Funksprüche über die Bewachung von Demonstrationen, verschiedene Berufsgruppen wie Ärzte, Journalisten, Sportler aus der Sicht von Spitzeln und Bespitzelten. Falls Lehrer solche Touren vorhaben, müssten sie eine Vorauswahl treffen oder Schwerpunkte setzen, weil die Hörschnipsel-Dichte groß ist und viele Berichte und Proletarierlieder das Auffassungs- und Verarbeitungsvermögen schnell an Grenzen führen.

Für Erwachsene, die mit dem Stasi-Stoff vertraut sind, bieten die Audio-Blasen kaum etwas Überraschendes. Je nach biografischem Hintergrund reflektiert man teilweise emotional. Wenn man zum Beispiel zur Premiere von Christoph Heins "Ritter der Tafelrunde" selbst dabei war, löst die detaillierte Beschreibung der mühevollen und vom Aufführungsverbot bedrohten Probenarbeit, vorgetragen vom Regisseur Klaus Dieter Kirst, rührende Erinnerungen aus. Wenn man nichts über Stück und Hintergründe weiß, dürfte die Erzählung allerdings als langatmige interne Aufregung klingen.

Anlass zum Schmunzeln geben für Jung und Alt etliche Funksprüche und Telefonaufnahmen. Der Gipfel müsste der Anruf eines wachsamen Bürgers in der Neustadt sein, der eine verdächtige Losung am Nachbarhaus gesichtet und gemeldet hat: "Run for Fun" buchstabiert holprig und völlig ahnungslos der Mann mit der Extraportion "Zivilcourage".

Das Projekt von Rimini Protokollzeigt vor allem: Medial abgegrast scheinende Themen wie die Stasi-Überwachung sollen - und können noch - durch neue Formen der Wahrnehmung wie hier die Radioortung für Aufmerksamkeit sorgen.

Termine: 2. bis 5., 9. bis 12., 16., 17., 19., 23. bis 26., 30. und 31.5.; 1. und 2.6.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 29.04.2013

Bistra Klunker

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