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"Hinterland" heißt eine Ausstellung von Thoralf Knobloch in der Städtischen Galerie Dresden

"Hinterland" heißt eine Ausstellung von Thoralf Knobloch in der Städtischen Galerie Dresden

Der Frost ist ein mächtiger Herr. Er hüllt alles ein, den See, den Steg, den Himmel. Das Ufer ist eingeschlossen von großen Eisschollen, der Steg verschwunden in dickem Eispanzer, die kleine Brücke auf Pfählen erkennbar nur noch an den braunen Bohlen.

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Thoralf Knobloch: X. Öl auf Leinwand, 2012.

Quelle: Repro. Galerie Gebr. Lehmann

Umso mehr leuchten die grünen Eisenstäbe. Nur festhalten sollte man sich daran nicht. Man kann förmlich sehen, wie das Eis wandert, wie es die Holzplatten von den Stützen schiebt und die Dalben droht umzubiegen. Die Eisenstäbe staksen - nur zur Schönheit, nicht als Geleitschutz.

"Steg, Januar", ein Bild von 2007, ein schmuckloses Motiv, unscheinbar, lakonisch, sparsam auf die Leinwand gebracht, die Maße 140 x 190 cm: Das Querformat nimmt den ganzen Raum ein. Es hat einen unglaublichen Sog. Ufer und Eisschollen sind nur durch wenige Striche festgehalten. Man verliert sich fast in dem Weiß, wird blind für das Wasserblau. Das sieht man erst auf dem zweiten Blick. Dann aber greift es nach einem. Es wird kalt, bitterkalt. Der Frost hat gewonnen. Was für ein starkes Bild.

Präsenz jenseitsvon Übertreibung

Ganz anders, doch nicht weniger Besitz ergreifend ist der Planwagen. Er steht mitten auf dem Feldweg. Als hätte ihn dort jemand vergessen. Der Himmel ist diesmal strahlend blau, auf Frost verweist nur das Winterweiß auf Feld und Straße. Auch hier konzentriert sich alles auf das Wesentliche. Details werden auf Andeutungen reduziert. Irgendwo im Schnee findet sich zartes Grasgestrichel, an anderen Stellen zeigen sich dunkle Spuren oder schwarze Streifen. Sie deuten eine Wegkante an oder gleich den Wald selbst. Manches muss man erraten. Das rechteckige Grau gehört wohl einer Werbetafel. Auch der Planwagen ist nur als Ausschnitt zu erkennen. Ein einziges schwarzes Gummirad, etwas Gestänge - das muss reichen.

Man ahnt den Wagen eher, als dass man ihn sieht. Das liegt an dem auffälligen Gelb, das einem geradezu in die Augen schreit. Es ist so präsent, dass dahinter alles andere zurücktritt. Das ist sehr irritierend. Eigentlich sieht man nur diesen auffälligen Farbtupfer, in dem man erst allmählich die Wagenplane erkennt.

Auch die X-Form, wohl gekreuzte Bretter, nimmt man erst später wahr. Man wundert sich, stellt Fragen. Dann ist sie erneut da, diese Wucht. Das Bild ergreift Besitz von seinem Betrachter. Er kann seine Augen nicht davon lösen. Dieses "X" von 2012 - es ist sehr besonders. Auch dieses Winterbild zeigt deutlich: So schlicht, so einfach, so lapidar kann Schönheit sein.

Thoralf Knobloch ist ein Meister darin, enttäuschend Einfaches atmosphärisch aufzuladen, Unspektakuläres spektakulär in den Mittelpunkt zu rücken, seien es beschädigte oder zerstörte Objekte, Vergessenes oder Weggeworfenes, leere oder von Wohlstandsmüll überzogene Landschaften. Man hat all diese scheinbar belanglosen Motive schon oft gesehen. Auch darin steckt eine Qualität, die Dinge lapidar und doch aufregend anders wirken zu lassen. Sie scheinen auf eigentümliche Art und Weise entrückt, aus der Zeit gefallen. Diese künstliche Leinwandwelt verwandelt die Banalität des Alltäglichen durch ihre Dichte und Intensität in einen Raum provozierender Stille. Darin schwingen Geschichten der Einsamkeit, der Sehnsucht nach, des Wissens um unsere fragile Welt.

Gisbert Porstmann ist froh, dass Dresden mit dieser Ausstellung endlich das malerische Werk des gebürtigen Bautzeners vorstellt. "In den Gemälden von Thoralf Knobloch erhält ein großer Teil unserer Gegenwart seine Präsenz, jenseits von Täuschung und medialer Übertreibung", erklärt der Direktor der Städtischen Galerie Dresden und spricht im gleichen Atemzug von einer großen Überzeugungskraft. "Wahrhaftigkeit - das lese ich in den Arbeiten von Thoralf Knobloch. Ihnen wohnt ein Stück Wahrhaftigkeit inne, das sonst überall zu fehlen scheint."

Die Schau unter dem Titel "Thoralf Knobloch. Hinterland" präsentiert mit 30 meist großformatigen Gemälden einen der großen figurativen Maler der Gegenwart. Thoralf Knobloch, Jahrgang 1962, begann sein Kunststudium 1988 an der Hochschule der Bildenden Künste in Dresden bei Elke Hopfe, Siegfried Klotz und Gerhard Kettner. Seinen Diplom-Abschluss machte er als Meisterschüler 1994 bei Ralf Kerbach. Heute lebt und arbeitet er in Berlin.

Thoralf Knobloch beginnt seinen Arbeitsprozess mit einer Fotografie. Am Computer legt er dann den genauen Bildausschnitt fest. Bevorzugte Motive sind Bauwagen, Verkehrsschilder, Schornsteine, Autohöfe, Feldscheunen, Datschen oder eine winterliche Flusslandschaft mit umgekippten Bäumen, ein Tordurchfahrt mit Haushaltsmüll, ein Boot kieloben im tiefgrauen Eis.

Die Bilder lassen sich verorten. Sie entstammen dem Lebensumfeld des Künstlers rund um den Schwielowsee im südlichen Brandenburg, den Spreewald oder auch rund um Dresden. Andere sind auf Reisen durch Texas, Utah und Arizona im Westen der USA entstanden. Im eigentlichen Sinne aber zeigen die Arbeiten ein anonymes Nirgendland.

Das Schnörkellosewird Poesie

Eigentlich ist es egal, wo diese Flecken Erde sich finden, ob es sie überhaupt gibt. Wichtig ist, dass Thoralf Knobloch sie gefunden hat und sie sich mit seinem schnörkellosen ökonomischen Stil zu Eigen macht. So entsteht Poesie, so entsteht Schönheit - Kunst, die in ihren Bann zieht. Wie gut, dass er mit dieser Ausstellung in Dresden nicht nur bei der Galerie Gebr. Lehmann zu sehen ist, sondern auch im musealen Raum. Er ist längst kein Unbekannter mehr auf dem Kunstmarkt. Das beweist auch die Liste der international renommierten Leihgeber der Ausstellung. Sie umfasst Namen wie das Museum Frieder Burda, die Zabludowicz Collection, die Rubell Family Collection, das Essl Museum oder auch die Galerie Neue Meister in Dresden.

Thoralf Knobloch erweist sich mit dieser Ausstellung erneut als Meister seines Faches, der Malerei. Nicht nur seine Winterbilder, die jetzt in der Städtischen Galerie zu sehen sind, belegen seine große Könnerschaft. Sie lohnen jeden Besuch. "Es ist ein Zufall, dass in unserer Ausstellung viele winterliche Stimmungen zu sehen sind", sagt Gisbert Porstmann noch zum Schluss. "Aber diese Winterbilder offenbaren eine Fülle von Nuancen in Farbe und Form, dass einem dennoch nicht nur als Kunsthistoriker ,warm ums Herz' wird."

bis 26. Mai, Städtische Galerie, Wilsdruffer Str. 2, geöffnet Di-So 10-18, Fr 10-19 Uhr

www.galerie-dresden.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 22.02.2013

Adina Rieckmann

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