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Hinreißend komödiantisch: Umjubelte Dresdner Premiere für Lessings „Minna von Barnhelm“

Alptraum der Tugend Hinreißend komödiantisch: Umjubelte Dresdner Premiere für Lessings „Minna von Barnhelm“

Die Inszenierung von Lessings „Minna von Barnhelm“ hat Intendant Joachim Klement aus Braunschweig mit ans Dresdner Staatsschauspiel gebracht. In der Regie von Michael Talke hatte sie am Sonnabend noch einmal im Kleinen Haus Premiere - und wurde mit begeistertem Beifall aufgenommen.

„Minna von Barnhelm“ von Gotthold Ephraim Lessing in der Regie von Michael Talke: Szene mit v.l.n.r.: Birte Leest, Sven Hönig und Ursula Hobmair
 

Quelle: Volker Beinhorn

Dresden.  250 Jahre liegen mittlerweile zwischen uns und Gotthold Ephraim Lessings „Minna von Barnhelm“. Am Ende des Siebenjährigen Krieges hat er diese Komödie geschrieben, im schlesischen Breslau, als Sekretär beim preußischen General Friedrich Bogislav von Tauentzien. All diese angestaubten Vorstellungen von Ehre, was sollen sie uns heute, mag man sich fragen. Doch wenn man die jüngste Inszenierung im Kleinen Haus des Dresdner Staatsschauspiels sieht, werden all diese Zweifel hinfällig. So herzerfrischend munter, wie das Spiel um Selbstlosigkeit, Geld, Grundsätze mitmenschlichen Verhaltens und Liebe hier daherkommt, scheint der Staub der Zeiten wie weggeblasen. Da funkelt der Lessingsche Witz.

Minnas Bemerkung im 4. Aufzug, ob man denn nicht auch lachend „sehr ernsthaft“ sein könne, bestätigt sich hier aufs Beste. Denn bei allem Spaß, der da nicht zu knapp auf der Bühne getrieben wird, der gedankliche Kern gerät nie aus dem Blick. Prinzipientreue, der Versuch, höchste moralische Maßstäbe praktisch zu leben, kann leicht in menschenfeindliche Starre umkippen. Dies, so zeigt uns die Aufführung ohne aufdringliche Aktualisierung, ist auch ein Problem von heute.

Die Inszenierung hat Intendant Joachim Klement samt allen Darstellern aus dem Staatstheater Braunschweig mitgebracht. Jetzt hat sie, als schon eingespieltes Räderwerk, in Dresden eine zweite Premiere erlebt, eine zu Recht umjubelte.

Gegen Ende, im fünften Aufzug, spricht Major von Tellheim von seinen gemischten Gefühlen, wie „wohl, wie ängstlich“ ihm sei: „So erwacht man plötzlich aus einem schreckhaften Traume.“ Daran hat Regisseur Michael Talke angeknüpft. Vor dem Hintergrund einer riesigen Reproduktion aus Francisco de Goyas „Caprichos“ sehen wir Tellheim (Philipp Grimm) ebenso hingesunken wie jene schlafende Mannsgestalt, die Vernunft.

Von oben kommen die Ungeheuer auf ihn nieder, die der Traum der Vernunft gebiert, der auch seiner ist. Erfolg, Status, Geld, eine schöne Frau, diese egoistischen Ziele, die doch alle verfolgen, greifen mit vielen Händen nach ihm. Verzweifelt müht er sich zu widerstehen. Eigennutz wird ihm zum Nachtmahr eines Alptraums. Mit schreckgeweiteten Augen versucht er ihn abzuwehren. Aber auch dieser Abwehrkampf wird Teil eines Alptraums – vor allem für die Anderen.

Weiß geschminkte Gesichter mit geschwärzten Augenhöhlen, bizarre Perücken, expressive Gesten – diese Aufführung bedient sich der Elemente des Stummfilms, setzt immer wieder halsbrecherischste, perfekt durchchoreografierte Slapsticks in Szene. Verwegen geht sie mit ihrem Humor bis an die Grenzen, stürzt aber nie in den platten Klamauk ab.

Es ist ein Abend der selbstbewussten, hinreißend witzigen Frauen; auch darin ist er ganz Lessings Intention verpflichtet. Ursula Hobmair ist eine vielschichtige Minna. Wir sehen sie als zappelndes, zartes Mädchen, als liebende Frau, die keck ihrem Tellheim den Spiegel seiner Prinzipienreiterei auf „Vernunft und Notwendigkeit“ vorhält. Eine, die leidenschaftlich um ihn kämpft und beileibe nicht auf den Mund gefallen ist. Auch sie besitzt hohe Ideale, glaubt bis zur Realitätsblindheit an das Gute noch im schlechtesten Menschen, ist damit Tellheims Geistesverwandte, die allerdings Verstand mit Seele und Gefühl komplettiert. Sie vermag sich puppenhaft zu bewegen, dann wieder macht sie uns in feinem psychologischem Spiel auf realistische Weise den bitteren Ernst ihrer verfahrenen Lage deutlich, als die Komödie gegen Ende zur selbst verschuldeten Tragödie zu werden, sie Tellheim zu verlieren droht.

Birte Leest als Minnas Mädchen Franziska ist eine hinreißend komische Dame mit energisch wippendem Haarturm. Eine, die Minna handfest, mit ordentlichem Zack den Rücken frei hält, die weiß, was sie will, vor allem ihren Wachtmeister und möglichst rasch die große Party des Happy Ends. Sie zieht alle Register, seufzt, schluchzt, fällt in mehrere Ohnmachten oder tanzt selig vor Glück.

Von Nebenrollen mag man gar nicht sprechen. Denn alle haben ihre großen Auftritte. Oliver Simon als Bedienter Just etwa in der anrührenden Szene, in der er Tellheim die Geschichte von dem geretteten, hoffnungslos anhänglichen Pudel mit viel pantomimischem Geschick vorspielt und ihn so für sich gewinnt. Sven Hönig ist ein schmierig sich windender, geldgieriger Wirt und allgegenwärtiger Spitzel. In der Zweitrolle als französelnder Riccaut de la Marlinière in goldener Glitzerhose allerdings beschränkt er sich auf die Karikatur.

Darstellerisch äußerst einfallsreich tritt Thomas Eisen als Wachtmeister Paul Werner auf. Als er von Franziska den Leuchter über den Kopf gezogen bekommt, legt er eine atemberaubend-irrwitzige Taumel-Nummer hin, die ihm spontanen Szenenapplaus beschert.

Zwischen all diesen Komödianten hat es Philipp Grimm als Tellheim nicht leicht, vor allem im ersten Teil des Abends muss er sich recht eindimensional auf den sauertöpfischen Prinzipienreiter beschränken, der keinem Geld schulden möchte und sich mit finsterer Miene in die Holzkiste seines fundamentalistischen Gutmenschentums einsperrt.

Erst nach der Pause darf er, sich seines Armverbands entledigend, aus dem Korsett des nervenden Tugendboldes steigen und recht munter in temporeichen Tür-auf-Tür-zu-Szenen zu Höchstform auflaufen. Allerdings verliert er das Zwanghafte nie so ganz. Auch wenn er aus seinem Angsttraum aufwacht, sehen wir immer noch einen Melancholiker; konsequent bis zum Schluss, wo die Rückwand nach vorn fährt und auf dem verkleinerten Spielraum ein unschlüssig seiner Minna hinterherblickender Zauderer zurückbleibt.

Es gibt ein paar Einfälle, die originell scheinen, über deren tieferen Sinn man allerdings rätselt. Etwa wenn mal der Wirt, mal Werner als Synchronsprecher den anderen Darstellern verfremdend Stimme geben. Oder wenn es Wachtmeister Werner anfallartig überkommt und er böse die Namen von AfD-Politikern zischt.

Doch das schmälert das Vergnügen keineswegs. Aufgemuntert erlebt man fast drei Stunden, die einem zu keinem Moment lang werden. Am Ende wohlverdienter stürmischer Applaus.

wieder am 18. Oktober, 17. November, Kleines Haus

Von Tomas Gärtner

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