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Hinein in die Zauberwelt des Dresdner Schaubudensommers!

Hinein in die Zauberwelt des Dresdner Schaubudensommers!

Georg Traber zieht an einem Seil. Er zieht und zieht, und auch nach vielen quälend langsam verstreichenden Minuten und unterschiedlichen Zugvarianten nimmt es kein Ende.

Doch plötzlich ist es vorbei, ohne Belohnung, denn am Ende des Seils ist nur das Ende des Seils. Er zückt große Messer und zielt auf eine Holzlatte, steckt die Messer in ein mechanisches Rad, kurbelt, schraubt und stellt sich anschließend als lebendige Zielscheibe neben das Holz und muss auch ein oder zweimal zur Seite weichen. So ist es, das Leben, hier stark verdichtet und mystisch vertont. Was das für eine wunderschöne Sprache sei, in der die beiden Assistentinnen da gesungen hätten, fragte ein Mann beim Verlassen ihres Zeltes. "Ausgedacht!" antwortet eine und liefert gleich eine Bildunterschrift fürs gesamte Festival.

Denn da wo Fantasie und das Leben zusammentreffen, verdichtet sich jedes Jahr im Sommer die Gelackte-Welt-Materie und spuckt Zelte, Buden und jede Menge Zwischenwesen aus, die über das Scheune-Gelände stolzieren und vom Leben geplagte Gäste aus der Echtzeit reißen. Die Kölnerin Jule Oeft läuft wie eine Verurteilte über den Platz, anstelle einer Eisenkugel zieht sie Plastikwasserflaschen voller Sand hinter sich her. In ihrem abgelegenen Zelt angekommen wird es ganz ruhig, der Trubel der Buden wummert nur noch als ferner Herzschlag. Sie öffnet eine Flasche und schüttet sich Sand über den ganzen Körper, ganz so, als sei es Wasser, denn "Aqua" nennt sie ihre 25-minütige Tanzshow. Sie tanzt nicht klassisch, sie bewegt sich ruckartig zur Minimalmusik, verrenkt sich, bäumt sich auf, springt gegen die Decke und fällt zu Boden. Nachdem sie sich im Wasser ausgetobt hat, entspannt sie am Strand, lässt sich dafür in ein bis zum Rand gefülltes Wasserbassin fallen. Heute Abend tanzt Jule Oeft ihre letzten Aufführungen.

Weniger fragil geht es zwei Buden weiter zu. Ein dickbauchiger Polizist mit blauem Lidschatten und blonder Lockenpracht komplimentiert Vorbeilaufende ins Zelt der Familie Frost. Cora Frost startet mit einem Gedicht, das sie geschrieben hat, als es ihr in den Fingern juckte. Neurodermitisanfall. Dann folgt ein Cover von Funny van Dannens "Frau am Steuer", in dem es um eine nicht geglückte Liebesbeziehung geht: Sie fährt, er steht mit einem Brot in der Hand an einem Zebrastreifen. Er verliebt sich augenblicklich, sie fährt weiter. Frost und Funny beobachten den Alltag. Doch während er das Banale vergrößert, setzt sie auf das Glamouröse. Ihre "Schönheitsschau" zeigt Männer, die bauchtanzen, sich schminken, sich grenzwertig anmutig bewegen, und Frauen, die in riesigen Unterhosen verschwinden. Ihre Botschaft: Alle sind schön, von innen heraus sowieso. Seit einigen Jahren ist Frost so etwas wie ein festes Ensemblemitglied des Schaubudensommers, ihre zwittrige Familie stellt sie immer wieder neu zusammen. Leider ist sie nun schon wieder abgereist.

Voll ist es mittlerweile überall, der Abend wird ohne Regen, dafür von rosafarbenen Wölkchen in die laue Nacht geschickt und bringt endlich Trubel. Die längsten Schlangen bilden sich vor dem großen Scheune-Saal. Dort inszeniert erst das Freiburger Cargo Theater eine Kriminalgeschichte über einen Diamantenraub, mit Pantomime, Action und musikalischer Begleitung. Samuel Kübler und Stefan Wiemers stehen zwar auf unterschiedlichen Seiten des Gesetzes, in ihrem Programm "Der große Coup" jedoch gemeinsam auf der Seite der Slapstick-Unterhaltung. Um Mitternacht ertönt, wie bisher jede Nacht, ein merkwürdiger Mix aus Schlagzeug und Klavier, Opernarie und Streitgespräch aus dem Saal. Annamateur und Punkrocker Jarii van Gohl duellieren sich. Gegen eine Wuchtbrumme anzukommen ist allerdings unmöglich, und so fährt Frau Mateur ihm über den Mund, und er spielt kleinlaut hinterher. Sie wettern über alles Schlechte in der Welt, und Gohl darf seine Verbesserungsvorschläge für die Neustadt vorbringen: Der Alaunpark soll ein Parkplatz mit unterirdischem Einkaufsparadies, die ganze Alaunstraße mit Bubble-Tea-Läden zugepflastert werden. Hoffentlich hat da kein ironiefreier Stadtplaner mitgeschrieben. Insgesamt wird in der "Sample-Oper" zu wenig musiziert und gesungen, letzteres allerdings ist ein Gefühl, dass sich bei der Wahnsinnsstimme Annamateurs immer einschleicht.

Neben vielen weiteren Zeltattraktionen sind da noch die kleinen Buden, die "gegen die Tür" spielen, also ein oder zwei Euro und keine gekauften Tickets für ihre Show nehmen. Das kleinste Kino und auch das vermutlich kleinste Immobilienbüro sowie eine Wahrsagerin gehören dazu. Im "Container7" von Anne Klein verlaufen sich Freunde der Dunkelheit, finden aber möglicherweise ein paar Minuten Ruhe vorm wilden Schaubudenmonster, das seinen Gästen noch eine Woche lang mit verschmiertem Lippenstift ins Gesicht lächeln wird, wobei es die Grenze des guten Geschmacks ruhig noch ein wenig unterschreiten kann.

Die tagesaktuellen Shows finden Sie hier: www.schaubudensommer.de oder, wenn Sie schon vor Ort sind, an der großen Tafel im Eingangsbereich des Scheune-Gartens.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 09.07.2012

Juliane Hanka

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