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22:00 20.09.2017
Wie der Wahlkampf so die Wahlokratie – eine lahme Show mit dürftigen Erkenntnissen (Szene mit Jan Brokof (l.) und Alexander Karschnia (r.). Quelle: Sebastian Hoppe
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Dresden

Es ging schon schräg los: 51 Prozent der Sachsen haben die jüngste Landtagswahl geschwänzt – und hätten damit als Partei der Nichtwähler die absolute Mehrheit. Und neun Millionen Deutsche dürften nicht wählen. Das ist der Ausgangspunkt für eine „Wahlokratie: Fin de Partie!“ genanntes „Experiment in indirekter Demokratie“, als eine Art Spielshow am Dienstag den Saal in der Dreikönigskirche darbot. Deren Mitglieder, Nicola Nord und Alexander Karschnia, moderierten den Abend und hatten dazu in Dresden zwei Handvoll Leute gefunden, die entweder nicht wählen wollen oder aber nicht dürfen.

Genauer genommen dürfte sich die Rekrutierungsleistung auf eine „Die WG“ genannte Wohngemeinschaft aus Zimmermann, Kunsttherapeutin und Studienabbrecher sowie „das Montagscafé“ im Kleinen Haus beschränken. In einer dem „Herzblatt“ nachempfunden Spielshow dürfen sich dann die vier Nichtdürfer ihre Stimme aus je drei Nichtwollern aussuchen – vier Runden mit je vier Fragen gab es – und weil die Kandidaten nicht reichten, durften manche ihre Stimme doppelt anbieten. Und einmal auch ein Stechen, das Hussein dank FDP-Treue klar gewann.

Wer eine irgendwie geprobte und fluffig ablaufende Show erwartet hatte, wurde ganz schnell enttäuscht. Selbst bei den Einspielfilmchen gab es nur Schulterzucken über den vermeintlichen Hintersinn. Auch erschließt sich nicht, warum die neu gebildeten Wahlstimmenpaare in eigens eingerichtete Sonderwahllokale ins Leonardi-Museum, nach Venedig oder nach Los Angeles sollten.

Wäre man böse, könnte man schreiben: Die Pippi-Langstrumpf-Generation erklärt den Krabat-Erben, wie man sich die herbstliche Welt bunter färbt. Aber letztere sind woanders, nicht hier im nicht ausverkauften Saal. Letztlich bleibt bei aufgeklärten Menschen, die sich vielleicht von der im Vorfeld bemühten Rhetorik, die Beschäftigung mit der europaweiten Parteienmalaise versprach, nur Ärgernis.

Davon blieben nur lapidare Andeutungen. Und selbst die als Hauptshowelement gepriesene Wahlmaschine auf den Spuren der alten Griechen und von Jan Brokof aufwendig gebaut, wurde weder richtig einbezogen noch erklärt. Der Künstler agierte als einziger ohne Mikro – sein Apparat wurde nur einmal benutzt, bis dato fiel der HfBK-Meisterabsolvent dadurch auf, immer wieder das „Applaus“-Schild zu zeigen, damit das Publikum an den richtigen Stellen klatscht.

Das hohe, offene Holzgerät in Schrankgröße, das fünf verschieden farbige Kugeln auf ihrem Weg nach unten führt, gebar – offenbar per Farbfolge – eine Nummer. Der Gewinner gab dann zu, „durch den Jan“ zur Show gestoßen zu sein. Sicher Zufall, aber ebenso peinlich wie der latente Wackellivestream gen Backstageraum, wo rasch bei Umschaltung immer gleiche tolle Stimmung simuliert wurde. Vermutlich eine Persiflage auf Parteienfeiern, bei denen es meist nur Sieger gibt.

Nach Ukrainer und Minderjähriger kommt mit Benjamin ein gehandicapter Junge auf die Bühne – und liefert per Breakdance-Tanzeinlage den ersten Grund für schildfreien Beifall. Am klügsten agiert aber Musiker Ezé, bei der Banda Internationale zu Hause, der mit einer Kandidatenfrage fürs größte Gelächter sorgte: Warum benutzt man in Deutschland beim Wahlakt eine Kabine – so als ob man darin Kacken möchte. Er begeisterte zudem mit einer respektablen freien Gesangseinlage von „Die Gedanken sind frei“ - erdacht von Hoffmann von Fallersleben vor genau 175 Jahren, während der zehnköpfige Dresdner Gnadenchor ein Herbstlied trällerte.

Dabei ist die Idee der Leihstimmübertragung, dass man seine Stimme jemanden einmalig leihen würde, der nicht wählen darf, genau so wenig übel wie das Losverfahren, welches aktive Wahlpflicht statt nur -recht voraussetzt. Aber wie schmal der Grad bei dieser Art der Stimmübertragung zum Stimmkauf ist, kann jeder mitdenken – und wird plastisch, als der einzige Wahlakt (mit Überwachungskamera in der Kabine) unter unbändiger Freude vollzogen wird.

Die gute Oma Brita, die aufgrund ihrer Kriegserfahrung unbedingt für Frieden ist, hätte nach dem Studium der Programme genau die Wahl zwischen zwei der größeren Parteien – jenen ganz außen, falls das alte Spektrum noch gälte. Das hätte sie vor dem zelebrierten Betrug per Briefwahl ihrem Stimmvertreter ruhig gut begründet kundtun können. Wenn es einen Erkenntnis aus diesem Abend gibt, dann als Plädoyer gegen die Briefwahl

Diskussion darüber wird es sicher am Sonntag im Kleinen Haus geben, wenn pünktlich zur Hochrechnung der zweite Teil von „Fin de Partie“ als eine oder keine Nichtwählerparty folgt. Dann ist bei freiem Eintritt eine Elefantenrunde plus Livemusik mit The Oh Oh Ohs und einer Djane namens Charlotte angesagt. Vermutlich hat aber Ezé einen noch größeren Auftritt und kann beweisen, dass ihm seine gestochen scharfen Sätze, die wie aus der Feder höher geweihter Linksliberalisten klangen, nicht ins Skript geschrieben wurden, obwohl man sich bis dato sicher war, dass es kein solches gäbe. Fazit: Gutes Thema, richtiger Ansatz, falsche Wahl. Und ein bisschen echte Kunst – jenseits der Gnade des Chores, zwei Lieder zu trällern – hätte dem Start der neuen Staatsschauspielära sicher gut getan. Das Erwachen vom Wahl- und Partykater erfolgt aber für alle Beteiligten erst in den Montagsmorgenstunden. Und zwar im alten System mit neuem Anstrich.

„Fin de Partie“ – (k)eine Wahlparty am Sonntag, 18 Uhr, Kleines Haus

Von Andreas Herrmann

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