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Helge schneider im Interview: "Auf der Straße sagen die Leute nicht Helge, sondern Katzeklo zu mir"

Helge schneider im Interview: "Auf der Straße sagen die Leute nicht Helge, sondern Katzeklo zu mir"

Helge Schneiders jüngstes Album heißt "Live at the Grugahalle - 20 Jahre Katzeklo (Evolution!)". Am 22. August ist der Meister am Dresdner Elbufer zu Gast. Steffen Rüth sprach vorab mit ihm über Fußball, Conchita Wurst, Uli Hoeneß und darüber, wie er seinen Frieden mit dem "Katzeklo" machte.

Außerdem kündigt Helge Schneider schon mal eine Schaffenspause an.

Sind Sie Fußballfan?

Schon. Ich mag unsere Mannschaft, das sind gute Jungs. Obwohl der Fußball ja ganz anders geworden ist. Neulich kam im Fernsehen das WM-Halbfinale von 1970, Deutschland gegen Italien, Deutschland verlor in der Verlängerung. Das war toll. Wahrscheinlich lag es an der Kameraführung. Ich hatte den Eindruck, die Leute sitzen fast auf dem Feld, die Spieler wirkten unheimlich schnell, und das Tornetz wehte so schön, wenn der Ball da reinflog.

Gibt es Parallelen zwischen einem Fußballspiel und einem Helge-Schneider-Konzert?

Bei mir bist du auch nah dran. Aber meine Konzerte haben mehr Ähnlichkeit mit einem Spiel von 1970 als mit einem Spiel von 2014. Heute ist die Taktik viel wichtiger, das ganze Stellungsspiel ohne Ball. Bei meinen Auftritten habe ich keine Taktik. Ich lasse mich auf der Bühne von meinen Gefühlen lenken und spiele oft das, worauf ich in dem Moment Lust habe. Bei mir passiert viel mehr aus dem Bauch heraus als bei einem WM-Spiel.

Warum jetzt ein Live-Album?

Och, warum nicht? Das hatten wir lange nicht mehr. Nach dem Konzert in der Grugahalle fragte ich den Tonmeister, ob wir das mitgeschnitten hätten, er sagte "Jau, haben wir", und dann habe ich mir das angehört und gedacht, das könnten wir doch als Platte veröffentlichen.

Warum haben Sie sich ausgerechnet für einen Mitschnitt aus der Grugahalle entschieden?

Die Grugahalle ist praktisch bei mir um die Ecke. Sie hat ein bisschen ihren eigenen Sound. Ich hatte den Eindruck, das war ein besonders gelungener Abend in schöner Atmosphäre.

Welche Erinnerungen haben Sie an die Grugahalle?

Als Jugendlicher bin ich oft dort reingeschlichen, am liebsten bei den Pop- und Bluesfestivals. Eric Clapton oder Pink Floyd, die habe ich dort gesehen. Ich war ungefähr 15 und bin einfach reingegangen. Damals gab es noch keine Security, allein der Begriff ist viel später erst entstanden. Die Leute hatten viel mehr Respekt vor den Künstlern, gerade vor Supergruppen wie Pink Floyd.

Wir reden viel über früher.

Ach, ich bin kein Mensch, der in der Vergangenheit lebt, überhaupt nicht. Aber früher gab es manches, das es heute nicht mehr so gibt. Wo in der Musik sind denn die großen Einzeltäter, die ganze Programme machen? Mir fehlt jemand wie Johnny Cash. Oder jemand wie Elvis. Wo ist denn der Lastwagenfahrer, der sich die Gitarre umschnallt und wie wahnsinnig mit den Hüften wackelt? Heute sind die Künstler alle schon fertig, wenn sie rauskommen.

Das "Bonbon aus Wurst" ist im Essener Live-Programm leider nicht dabei, bietet aber ein gutes Stichwort: Conchita Wurst. Ihr Eindruck?

Ganz schön unrasiert, die Frau. Ich bin sehr zwiegespalten. Ich kann nachvollziehen, dass der gewonnen hat, er kann ja wirklich gut und mit viel Power singen, auch wenn ich mir "Rise Like a Phoenix" abends vorm Schlafengehen nicht anhören würde. Das ist mir zu sehr Hymne. Das Problem ist ja: Wie soll es jetzt für ihn weitergehen? Gibt der Konzerte? Was singt er da? Der hat jetzt irgendwie eine Lanze gebrochen, für sich selber. Und wieder für Schwule. Das ist natürlich auch Spektakel und muss wohl so sein heute.

Was ist schlecht daran, eine Lanze für Schwule oder Lesben oder Transsexuelle oder wen auch immer zu brechen?

Ist zehn Jahre zu spät, oder? Ich meine, mir ist sowieso schon immer egal, ob jemand schwul oder lesbisch oder auch bloß heterosexuell ist. Mir ist das völlig wurst - und das will Conchita ja wahrscheinlich auch damit sagen.

Auf dem Live-Album erzählen Sie, wie Sie Alice Schwarzer an der Schweizer Grenze getroffen haben.

-nee, das ist eine Lüge. Ich habe die ja gar nicht getroffen.

Was ist Ihre Haltung zu Menschen wie Schwarzer oder auch Uli Hoeneß?

Meine Meinung ist einfach: Wenn jemand Steuern hinterzieht, dann hinterzieht er Steuern und muss die sofort zurückgeben. Ich selbst mache das nicht. Ist doch blöd, und es lohnt sich auch nicht, wie man jetzt sieht.

Sie sind seit 40 Jahren Musiker, seit 20 Jahren erfolgreich. Warum werden die Leute Sie nicht leid?

Ich bin Veränderung. Ich will das nicht an die große Glocke hängen, denn im Grunde ist ja jeder Mensch Verände-rung - bloß als Künstler wird man an-geguckt. Unheimlich schön finde ich, dass die Jugend immer noch in meine Konzerte kommt. Wenn ich irgendwas angestrebt habe, dann dass jeder etwas damit anfangen kann, auch Kinder.

Das im vergangenen Sommer ver-öffentlichte Studioalbum "Sommer, Sonne, Kaktus" schaffte es auf den ersten Platz.

Ich habe mich sehr darüber gefreut, aber es war nicht so, dass ich überrascht war. Ich dachte: Ja, das musste doch mal so kommen. Einfach auch deshalb, weil ich hinter der Schallplatte stand und die immer noch gut finde.

Das Live-Album jetzt trägt den Untertitel "20 Jahre Katzeklo". Warum?

Weil es 20 Jahre her ist, dass ich mit "Katzeklo" größere Bekanntheit erlangt habe. Und auch, weil dieses Wort mich seitdem verfolgt. Auf der Straße sagen die Leute nicht "Helge", sondern "Katzeklo" zu mir.

Sogar Ihre Kindern nennen Sie angeblich "Papa Katzeklo".

Ja, das kommt gelegentlich vor.

Früher hatten Sie so Ihre Probleme mit "Katzeklo", oder?

Klar, du musst dir das mal vorstellen: Du ackerst und tingelst jahrelang, denkst: Warum will mich keiner hören, ich mache doch gute Sachen. Die Leute sagten, ich sei hässlich und würde versuchen, mit Scheiße Geld zu verdienen. Und dann kommt ein einzelnes Lied, und die Leute klopfen dir auf einmal alle auf die Schulter.

Wann haben Sie akzeptiert, dass "Katzeklo" das Lied ist, das Sie definiert?

Nach und nach. Eines Tages war es vorbei, dass man meint, sich fast schon entschuldigen zu müssen, dass einem so was Läppisches gelungen ist, auf dem man im Grunde seine Karriere aufbaut. Irgendwann erkennt man nämlich, dass es gar nichts Läppisches ist, und die Leute Recht haben, wenn sie das gut finden. Dahinterzukommen, das war eine Art Selbstfindung für mich.

Im Konzert in der Grugahalle improvisieren Sie den Text.

Das mache ich immer. Ich ändere den Text und auch die Melodie immer ein bisschen. Aber das Lied ist immer noch zu erkennen.

In diesem Fall wird die Katze überfahren.

Ja, aber man denkt nur, die Katze sei überfahren worden. In Wirklichkeit hat die Katze alle getäuscht und lebt.

Kommt es auch vor, dass die Katze wirklich stirbt?

Nein, nie. Die Katze überlebt immer.

Die aktuelle Tournee soll die "vorerst" letzte sein. Wie lange soll die Pause dauern?

2015 gibt es auf jeden Fall keine Tour. Ich muss mich einfach eine Zeit lang zurückziehen und eine Schaffenspause machen. Das heißt aber nicht, dass ich aufhöre.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 11.08.2014

Steffen Rüth

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