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Heitere Aufregung: Hacks/Offenbachs "Helena" in einer Inszenierung in der Theaterruine St. Pauli in Dresden

Heitere Aufregung: Hacks/Offenbachs "Helena" in einer Inszenierung in der Theaterruine St. Pauli in Dresden

"Lautes Mähhh" ist in der Theaterruine St. Pauli zu Beginn der Inszenierung vom Musik-Schauspiel "Die schöne Helena" zu hören - zuerst per Band, dann auch live.

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"Helena" in der Theaterruine mit einigen der Ensemblemitgliedern. Paris, als Großaugur der Venus verkleidet (Jonas Finger vorn im Bild), entführt gerade die schöne Helena (in der Mitte: Felicitas Mallinckrodt).

Quelle: Jörg Berger

Das Geblöke ist nicht als trotziger Hinweis auf die momentane Schafskälte gepaart mit Regenzeit zu verstehen. Es sind die Schafe von Paris - eigentlich Prinz von Troja. Der jedoch ist als Schäfer auf den Berg Ida verbannt, damit die Prophezeiung, er würde Unheil über Troja bringen, außer Kraft gesetzt wird. Wie wir heute wissen, war diese Vorsichtsmaßnahme für die Katz. Die Götter auf dem Olymp (hier in ihrer römischen Namensversion) brauchen Unterhaltung - und vereitelte Tragödien sind stinklangweilig. So fällt Paris die undankbare Aufgabe zu, Juror im "Griechenland sucht die Super-Göttin"-Wettbewerb zu werden, indem er der schönsten der drei Göttinnen Juno (Jupiters Gemahlin) und Jupiters Töchter Minerva und Venus einen goldenen Apfel überreicht. Schwierig, denn alle drei sind von bestechender Schönheit - und Paris lässt sich bestechen. Am besten gefällt ihm das Angebot der Venus - die schöne Helena, Königin von Sparta und mit Menelaos verheiratet.

Nachdem Paris als "Traum" getarnt Helena verführt hat, greift er zur List und kommt auf goldener Galeere als Großaugur der Venus verkleidet nach Sparta. Helena muss mit ihm angeblich nach Cythere (reimt sich auf Galeere) reisen, um einen Vertrag abzuschließen, der den Streit mit der Venus schlichten soll. Doch kurz nach Ablegen der Galeere lässt sich Paris als Entführer erkennen. Die griechischen Könige sind "not amused" (wie heute die englische Königin ihre Verärgerung ausdrücken würde). Was folgt, ist großer Kriegsmythos - bleibt jedoch der heiteren Operettenmuse erspart. Auch wenn Jacques Offenbach und seine Librettisten Henri Meilhac und Ludovic Halévy mit ihrer La Belle Hélène (Uraufführung 1864) ein paar Hiebe auf die Pariser Politik im kaiserlichen Frankreich einbauten, bleibt das heitere Musikstück um göttliche Eitelkeiten und irdische Machtspielchen eine Antikenparodie. Der DDR-Autor Peter Hacks aktualisierte das Werk genau hundert Jahre später als Operette für Schauspieler und flocht seinerseits ein paar Hiebe auf damals aktuelle ostdeutsche Befindlichkeiten ein.

Eine Inszenierung, die von singenden Schauspielern getragen wird, ist eine Herausforderung an sich. Für Leute, die nur in ihrer Freizeit Schauspieler sind, ist "Die schöne Helena" eine noch größere Hürde - zumal hier in der Theaterruine Matthias Krüger am Piano ganz allein den musikalischen Hintergrund gestaltet (musikalische Erarbeitung: Yvonne Dominik und Simone Foltran). Dennoch stellen sich die Mimen der Theaterruine und Regisseur Jörg Berger dieser Aufgabe - mit Spielfreude und einer beachtlichen Portion Gesangstalent. Felicitas Mallinckrodt als Helena sticht da hervor, sie überzeugt sowohl mit kräftiger Stimme als auch mit ihrem Spiel und mimt eine eitle und in ihrer Liebesverwirrung doch sympathische Kokotte. Eine gute Figur als Jupiterpriester Kalchas macht beim Spiel und Gesang auch Rainer Leschhorn - mal dienstbeflissen, mal gerissen versucht er dem Befehl von Venus zu gehorchen (Paris in Helenas Bett "hineinzuträumen") und Menelaos zu warnen. Der Orakelspruch sieht dann so aus: "Hüte dein Lamm, gehörnter Wolf, vor dem reißenden Schäfer,/sonst ist ihm süßer Tod, dir saures Leben bestimmt." Das hilft alles nichts, Menelaos (Lutz Koch) ist eben schwer von Begriff. Jung und dynamisch, ein bisschen zu viel grimassierend, wirbt Jonas Finger als Paris um die schöne Helena, die er um jeden Preis erbeuten will und muss.

Bei der Doppelbelastung - Spiel und Gesang - ist es nicht verwunderlich, wenn nicht immer der Ton getroffen wird. Eine amüsante Sommerkomödie ist "Helena", wie die Kurzversion in der Theaterruine lautet, allemal. Dazu tragen pfiffige Bühnen- und Kostümideen (André Thiemig) bei - mit ein paar Stellwänden und Stoffbahnen aus Bettlaken und geblümten Baumwollstoffen zaubert man Wände und witzige Göttinnen- und Kriegergewänder. Karl Weber, der neben Jupiter auch Philokemus und Homer spielt, erntete mit seinem Auftritt als blinder Dichter, der pathetisch seine Verse rezitiert, obwohl ihm der Ton abgedreht wird, Szenenapplaus. Durch Herumlauf-Aktionen versuchen die Akteure, die akustischen Mängel der Spielstätte zu kaschieren.

wieder am 4. und 7.6., 20 Uhr, Theaterruine

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 03.06.2013

Bistra Klunker

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