Volltextsuche über das Angebot:

8 ° / 5 ° Schneeregen

Navigation:
Google+
Heinz-Rühmann-Abend mit J. Westphal und Uli Schmid

Comödie Dresden Heinz-Rühmann-Abend mit J. Westphal und Uli Schmid

Womöglich ist Heinz Rühmann der einzige Mensch, von dem es Fotos gibt, die ihn gemeinsam mit Adolf Hitler, Walter Ulbricht und Marius Müller-Westernhagen zeigen. Alle drei fanden und finden ihn gut. Eigentlich finden ihn alle gut....

Voriger Artikel
Das Societaetstheater verpasst die Lange Nacht der Dresdner Theater
Nächster Artikel
SKD-Forschungsprojekt zum Werk des Fotografen Christian Borchert

Michael J. Westphal spielte unter anderem „Charleys Tante“

Quelle: Pr

Dresden. Womöglich ist Heinz Rühmann der einzige Mensch, von dem es Fotos gibt, die ihn gemeinsam mit Adolf Hitler, Walter Ulbricht und Marius Müller-Westernhagen zeigen. Alle drei fanden und finden ihn gut. Eigentlich finden ihn alle gut. Okay, der Schauspieler Joachim Król nicht. Er machte beim Remake des Krimis „Es geschah am hellichten Tag“ zwar mit, ließ später in einem Interview aber wissen: „Ich habe den Rühmann nie gemocht. Wer bei Goebbels Heimkino dreht, kann nicht völlig unwissend gewesen sein.“

War Rühmann vermutlich auch nicht, aber zugute zu halten ist ihm, da sollte sich Król vielleicht mal sachkundig machen, dass Rühmann nach dem Regierungsantritt der Nationalsozialisten 1933 sich eben nicht wie so viele andere von seiner „nichtarischen“ Frau trennte – obwohl die Ehe schon längst „sehr unglücklich“ und die Frau „eine Landplage“ war, wie der Dramatiker Carl Zuckmayer 1943/44 im Exil in einem Geheimreport für den amerikanischen Geheimdienst mit politischen Beurteilungen von Kulturschaffenden im Dritten Reich festhielt. Rühmann führte die an sich längst „kaputte Ehe“ mit Maria Bernheim also bis 1938 weiter – bis sie eine vor der Verfolgung schützende Scheinehe mit dem schwedischen Schauspieler Rolf von Nauckhoff eingehen konnte, der dauerhaft im Dritten Reich lebte.

Rühmann konnte seine Karriere fortsetzen – und die hält eigentlich bis heute an. Schon der filmische Dauerbrenner „Die Feuerzangenbowle“ sorgt weiter dafür, dass die Legende lebt. Dank gebührt ihm schon dafür, dass er das triste Trizonesien wie auch die Adenauer-Ära erträglicher, heiterer, trostvoller und pfiffiger aussehen ließ, als beide gemeinhin waren. Vom Mythos des Mimen lebt auch der Heinz-Rühmann-Abend „Jawoll, meine Herrn“, den Michael J. Westphal und Uli Schmid am Sonntag in der Comödie präsentierten. Die Buch-Idee stammt von Bettina Päselt, die auch Regie führte.

Westphal schlüpft in die unterschiedlichsten Rollen – und zwar jene, die einen hohen Wiedererkennungswert haben: Er ist der brave Soldat Schwejk, bei dem nie klar ist, ob er nun naiv, dumm oder bauernschlau ist – eine Paraderolle für Rühmann, der gern radikal wie unbeirrbar um Anpassung bemühte Opportunisten spielte. Westphal ist natürlich auch der mit der Menschenordnung hadernde Schuster Voigt, der als Hauptmann von Köpenick Preußens Militär wie Beamtentum der Lächerlichkeit preisgab, eine Rolle übrigens, die Rühmann fast nicht bekommen hätte, weil er kurz vorher als „Charleys Tante“ fungierte, wie man erfährt. Und auch Dr. med. Hiob Prätorius hat seinen Auftritt, jener Halbgott in Weiß, der vielen aus der Seele spricht, wenn er seiner Hoffnung auf die Erforschung der Mikrobe der menschlichen Dummheit, die er für die Ursache von Neid, Hass und Krieg hält, Ausdruck verleiht. Es ist übrigens nicht der einzige Film, der deutlich macht, dass Rühmann nicht nur als Spaßmacher ernstgenommen werden wollte. Erstaunlich: Westphal macht nicht den Oberprimaner Pfeiffer mit drei „f“, sondern unterrichtet lieber als Prof. Crey das Publikum, dabei auch zur Kostprobe jenes Getränks einladend, das nach entsprechender Gärung zu fuseln, zu faseln, ach zu wirken beginnt.

Ein paar biografische Fakten gibt es, viele sind es nicht. Gepflegt wird eine anrührende, nicht kritische, Bruchstellen in der Biografie Rühmanns also aussparende „Erinnerung an den großen kleinen Mann“, dessen Kennzeichen es bekanntlich ist, dass dieser aus Naivität pfiffige und aus Schüchternheit rotzfreche Phänotyp gern unterschätzt wird. Festgehalten wird, dass Rühmanns erstes Engagement 1921 in Breslau wegen „mangelnder Begabung“ endete, dass er den „Mustergatten“ 2000 Mal auf der Bühne spielte, dass es für ihn stets ein Traum war, ein Clown zu sein. Westphal gelingt es phasenweise recht gut zu zeigen, wie Rühmann das Leise, Stille in seiner Komik kultivierte. Ein verschmitztes Lächeln genügte dem Volksschauspieler, um auszudrücken, dass der Blick auf die Welt nicht immer verbissen ausfallen muss.

Damit Uli Schmid nicht beschäftigungslos hinterm Klavier sitzt, wird nicht zu knapp gesungen an dem Abend. Angestimmt wird, was hinreichend Ohrwurmcharakter hat und zum allgemeinen Volksliedgut im besten Sinne geworden ist. Als da wären etwa Songs wie „Ein guter Freund“, „Das kann doch einen Seemann nicht erschüttern“ oder auch „Ich brech’ die Herzen der stolzesten Frau’n“ (schon erstaunlich, dass ein Nicht-Herzensbrecher wie Rühmann den Leuten mit diesem Lied Lachtränen ins Gesicht trieb).

Manchmal gleitet der Abend in den Klamauk ab, aber im Großen und Ganzen ist er eine anrührende Hommage an einen legendären Schauspieler, der nicht zuletzt deshalb noch heute geschätzt wird, weil er mit seinen Figuren wie auch seinen Fans (scheinbar?) eine grundlegende Eigenschaft teilt: Er sehnt sich, ganz biedermeierlicher Kleinbürger, den er zwar demaskiert, aber auch in Schutz nimmt, nach Ruhe, bevorzugt stabile, überschaubare Verhältnisse. Wer da spotten mag, kann es tun, sollte sich aber auch klar machen, dass es die prekären Verhältnisse andernorts sind, die Menschen zuhauf in stabilen Ländern ihr Glück suchen lassen.

Von Christian Ruf

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur News

Entwirren Sie mit schnellem Auge und flinkem Geist den Buchstabensalat des Rätselspiels! Hier kostenlos im Spieleportal von DNN.de spielen! mehr