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Heimat hat viele Gesichter - Fotos aus Eisenhüttenstadt im Leonhardi-Museum

Heimat hat viele Gesichter - Fotos aus Eisenhüttenstadt im Leonhardi-Museum

Ein Ort, dessen ganzer Ursprung ein Wort fasst: Aufbruch. 1950 schrieb man, es war Sommer. Damals begann der Aufbau einer Stadt, die fast wörtlich aus dem Boden gestampft wurde, im kargen Niemandsland Brandenburgs direkt an der polnischen Grenze.

Die Stadt wurde gebraucht von dem blutjungen Land DDR, weil Stahl gebraucht wurde, um jenes Land aufzubauen. Und nur ein Werk um ein paar Hochöfen - das war zu wenig, um die Menschen, die dort arbeiten würden, zu halten. Also entstand eine Stadt, eine sogenannte Idealstadt, am Reißbrett. Dass es den Ort noch gibt, vor allem angesichts der drastischen wirtschaftlichen Änderungen, denen der gesamte Landstrich in den vergangenen 25 Jahren unterlag, ist fast ein Wunder. Auch da-für ist der Stahl verantwortlich, allen demografischen Verwerfungen zum Trotz.

Eisenhüttenstadt also. Damals, als Aufbruch noch in Majuskeln buchstabiert wurde. Eine Stadt, die eigentlich nach Karl Marx benannt werden sollte, dann wurde daraus aber Stalinstadt, nachdem der Diktator 1953 gestorben war. Doch auf den Generalissimus folgte Chrustschow und mit ihm die Ära der Entstalinisierung, was auch hieß: Ende des Personenkults. So kam 1961 ein neuer, anderer, endgültiger Name: Eisenhüttenstadt.

All das muss man vielleicht nicht wissen, es ist aber eine geeignete Matrix, um sich einen Zugang zu verschaffen: zu jenem Ort, seiner Geschichte, seiner Wahrnehmung. Um genau diese Wahrnehmung dreht sich die Ausstellung "Annäherungen" im Leonhardi-Museum. Die Fotografen Frank Höhler, Thomas Kläber, Jürgen Matschie und Luc Saalfeld haben Eisenhüttenstadt und seine Bewohner beobachtet, begleitet, abgelichtet, alles zwischen 2012 und 2014. Herausgekommen ist ein Stadtporträt, das wesentlich mehr ist als die Summe seiner einzelnen Teile.

Gegensätzliches wird verhandelt, was allein schon die Sujets angeht. Höhler und Kläber zeigen oft die Bewohner der Stadt: die Alteingesessenen, die Jungen, die Migranten. Ein seltsamer Schwall aus Lebendigkeit fällt den Betrachter an, vor allem bei Kläbers Fotos von kickenden Kindern oder posierenden Jugendlichen. Ein Gegen-statement zum demografischen Kehraus im Osten des Ostens. Selbst in den Bildern, die offenbar in einem Asylbewerberheim entstanden, wohnt weit mehr als die dort oft erkennbare Tristesse. Die Familien, die Kläber fand, strahlen Erwartung und zarten Optimismus aus. Auch Höhler hat alte und neue Bewohner im Blick, bei ihm gehen die Bilder noch stärker ins Porträthafte, bekommt die Härte der Stadt Gesichter: den Mann vor einer Laube, die einem Trümmerhaufen gleicht; ein älterer Herr auf seinem Grundstück, neben ihm ein gelbes Warnschild: Vorsicht! Wachsamer Nachbar. Heimat hat viele Gesichter. Man muss nicht alle mögen.

Heimat? Doch, ganz sicher wird dieser Begriff in den Bildern verhandelt. Heimat hat mit Bleiben zu tun. Ein Wort, das in Eisenhüttenstadt vor 25 Jahren nicht unbedingt in aller Munde war, weil kurzzeitig erwogen wurde, das Stahlwerk gänzlich dicht zu machen. Kein Werk, keine Stadt, keine Bewohner - das wäre die einfache Rechnung gewesen. Doch der Stahl blieb, und mit ihm die Menschen, selbst wenn sich die Einwohnerzahl seit 1988 halbiert hat. Heimat also, die sich in diesem Fall um Hüttenöfen herum herausbildete und dieses Gravitationszentrum bis heute behalten hat, immerhin noch 2500 Arbeitsplätze. Es ist der seltsame Aufbruch Eisenhüttenstadts, der mehr als nur Überleben umfasst.

Von Kontrasten war die Rede. Neben Höhlers und Käblers Farbfotos stechen Matschies und Saalfelds Bilder nicht nur wegen ihres Schwarz-Weiß hervor. Sie sind meist menschenleer, stellenweise in fast grafisch anmutender Reduziertheit gehalten.

Das Bindeglied, wenn man so will, sind zwei Kurzfilme von Jürgen Böttcher, der als Maler unter dem Namen Strawalde bekannt wurde. "Ofenbauer" (1962) und "Silvester" (1963) sind Hommagen an Menschen in Aufbauzeiten - ohne dass der Sozialismus vordergründig damit zu tun hat. Es geht um Leistung, um Stolz, um ein Gefühl für Zukunft. Das Sinnbeladene von Arbeit wird gezeigt - und das summiert diese Ausstellung wiederum, die zwischen den Polen Heimat und Arbeit angesiedelt ist. Und dabei einen Ort zeigt, den die New York Times im November 2013 als "rostende Modellstadt Ostdeutschlands" bezeichnete.

bis 24. August, Leonhardi-Museum, Grundstr. 26, geöffnet Di-Fr 14-18, Sa & So 10-18 Uhr, Katalog 15 Euro

www.leonhardi-mueseum.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 07.08.2014

Torsten Klaus

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