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Regional "Harry & Sally" feierte Premiere im Boulevardtheater Dresden
Nachrichten Kultur Regional "Harry & Sally" feierte Premiere im Boulevardtheater Dresden
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17:11 09.09.2015
Weltberühmte Szene: Sally (Katharina Eirich) täuscht ihrem Freund Harry (Peter Posniak) im Restaurant einen Orgasmus vor. Quelle: Robert Jentzsch

Da Rob Reiners Film "Harry & Sally" (1989) unendlich witziger und einfühlsamer ist als die zahllosen Epigonen, die er im Genre inspiriert hat, verfolgt man als Zuschauer trotz absehbarem Ende jedes Mal, wie hier über "Casablanca" philosophiert, das neurotischste Sandwich der Welt bestellt und der berühmteste Orgasmus der Filmgeschichte vorgetäuscht wird. Am Sonntag feierte die Inszenierung des Stoffs, die in der Vorweihnachtszeit sowohl frischgebackene wie auch gestandene Verliebte anlocken dürfte, in der Bühnenfassung von Marcy Kahan Premiere im Boulevardtheater Dresden.

Theater dieser Machart liegt eigentlich jenseits der Rezensierbarkeit, denn es leistet das, was es verspricht (der Kultfilm live und szenengetreu nachgespielt), so wie ein Big Mac eben nach Big Mac schmeckt, was ja vielleicht auch seine Berechtigung hat. Das Zielpublikum, also beziehungserprobte Kenner des Films (was, Hand aufs Herz, eigentlich jeden einschließen dürfte), erfreut sich an den bekannten Dialogen aus Nora Ephrons Drehbuch, gerade weil es hier lippengetreu nachgeplaudert wird, inklusive der kurzen Einspielfilme, in denen Ehepaare auf ihr Kennenlernen zurückblicken. Da nicht neu übersetzt, sondern zumeist die deutsche Fassung des Films herangezogen wurde, geht der Witz dann gelegentlich in jenem eigentümlichen Synchronisationsdeutsch unter, welches das Erzählperfekt zugunsten des im Englischen gängigeren Präteritums ignoriert und analog zum Englischen "Ich vermisse" und "Ich liebe" sagt, wo "Mir fehlt" und "Mir gefällt" eleganter wären. So entsteht dann, ohne dass das grundsätzlich gegen Christian Kühns Inszenierung sprechen müsste, Theaterkaraoke, das die Möglichkeiten der Bühne vor allem dazu nutzt, sich als Kino zu camouflieren. Bühnenbildner Alexander Martynow leistet hervorragende Arbeit, den schnellen Szenenwechsel umzusetzen, jedoch wird dem Zuschauer jede Gefühlsregung mit dem richtigen Soundtrack-Stück aufgezwungen und zeugt eine der wenigen Neuschöpfungen der Bühnenfassung (eine angedeutete Sexszene, die der Film im Vorher-Nachher-Schnitt der Fantasie des Zuschauers überließ) eher vom Schimmerlicht- und Satinlaken-Schwulst verklemmter ZDF-Erotik. Lebendiger wird es, sobald sich die Inszenierung aus der Umklammerung des Films traut: Eine Gesprächschoreographie hinter Speisekarten ist fulminant, Harrys und Sallys romantischer Schlittschuhtanz wunderbar choreographiert.

Es obliegt den Darstellern, den Abend über die Ebene der medialen Missverständnisse zu hieven und sich aus den Schatten der prägenden Akteure des Kultfilms zu lösen, ohne den Vertrautheitseffekt zu gefährden, und sie meistern ihre Aufgabe sehr wacker. Die Männer wachsen einem schwieriger ans Herz, weil etwa der charismatische Schlemihl Bruno Kirby (der im Film Harrys besten Freund Jack gibt) in der Darstellung René Geislers zunächst eher an Horst Schlämmer erinnert und der Anton-Hofreiter-Charme von Peter Posniak in der Hauptrolle auch eher auf den zweiten Blick einleuchtet (was andererseits zur Botschaft der Geschichte passt). Einen Volltreffer landet "Harry & Sally" allerdings mit Lena Heimannsberg als Marie (hier als exzentrische New-Age-Künstlerin neu erfunden) und vor allem mit Katharina Eirich als Sally, die sich zum Star des Abends aufschwingt, ikonischen Szenen des Films ihren Stempel aufdrückt und eine Rolle großartig mit Leben füllt, die auf dem Papier auch zur gattungsobligatorischen Blaupause der neurotischen Anschmachterin gerinnen könnte. Nicht zuletzt ihretwegen hat "Harry & Sally" noch ein paar mehr Höhepunkte als den allseits bekannten zu bieten.

Nächste Vorstellungen heute und morgen, 5.-8.12., 16.-23.12. Weitere Termine unter www.boulevardtheater.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 02.12.2014

Wieland Schwanebeck

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