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Hamburger Thalia-Theater nimmt in Dresden Goethes Klassiker "Werther!" ironisch und ernst zugleich

Hamburger Thalia-Theater nimmt in Dresden Goethes Klassiker "Werther!" ironisch und ernst zugleich

Jeder Versuch, einen in pathetischer Hochsprache gehaltenen Klassiker den sprachlichen und ästhetischen Erwartungen der Gegenwart anzunähern, verdient erst einmal Respekt.

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Philipp Hochmair gibt den Werther in Zeiten der Postmoderne.

Quelle: Holger Stegmann

Die Zielgruppe, die Theaterbesucher von heute und morgen, scheinen anders nicht erreichbar. Und die Zeitlosigkeit großer Stoffe trägt den Ruf nach sich stets erneuernder Lesart ohnehin in sich. Der Preis für solche Adaptionen, die in der Regel Konzessionen sind, kann freilich unterschiedlich hoch ausfallen.

Beim "Werther"-Gastspiel des Thalia-Theaters Hamburg kam einerseits nie der Eindruck auf, eine zurechtgepoppte Fassung vorgesetzt zu bekommen. Andererseits ist auch nicht recht nachvollziehbar, dass dieser Monolog mit Philipp Hochmair in der Regie von Nicolas Stemann seit 1997 schon mehr als 1200 Aufführungen auch über den deutschen Sprachraum hinaus erlebt hat. Erklärbar vielleicht mit der Wirkung auf eben jene begehrte Zielgruppe U 30, die erfreulich stark im Parkett des Schauspielhauses vertreten war. Die Ränge blieben leider leer, und nach Anlage und Minimalausstattung dieser inszenierten Lesung hätte das Gastspiel ohnehin besser in das Kleine Haus gepasst.

Es ist eigentlich kein Werther light, der in einer reichlichen Stunde vermittelt wird. Zwar werden zahlreiche Briefdaten übersprungen, ein Running Gag, bei dem auch ein 40. August vorkommt. Aber der Spieler und sein Regisseur nehmen Goethes Vorlage und die tragische Figur Werthers ernst. Dabei erwartet man geradezu, dass uns zunächst ein heutiger Typ begegnet, cool, zu Understatement und Selbstironie neigend, einer, der versucht, zu seinem eigenen Text und zu seinen Empfindungen auf Distanz zu gehen. Wie nebenbei schleicht sich die Begegnung mit Lotte in sein Bewusstsein ein und verändert ihn. Noch gerät die Klopstock-Ode zu einer Karaoke-Parodie. Noch hat sich Werther selbst zum Besten, wenn er die aufkeimende Liebe mit Eichenlaub auf dem Haupt in der Dichterrolle zu sublimieren versucht, wenn er sich vor der allgegenwärtigen Kamera in Posen der Anbetung ausprobiert. Hier darf man getrost mitlachen.

Diese bemühte Selbstdistanz wird zur Halbzeit auf die Spitze getrieben, als Werther nach dem Auftauchen des Konkurrenten Albert scheinbar aufgibt, sich von Dresden vorerst bis zum "Faust" am Sonnabend verabschieden will und das Saallicht aufleuchtet. Immerhin weiß das komplette Publikum, dass da noch etwas kommen muss und applaudiert nicht. Noch einmal versucht Hochmair-Werther die Flucht in Witzchen und Slapsticks. Dann aber bekommt dieses dem Briefroman sehr adäquate Solo eine Logik, die zugleich den Respekt vor der Werther-Figur erkennen lässt. Sein eigentlicher Zustand bricht durch, und den vermittelt der Schauspieler ebenso überzeugend, wie er das voraufgegangene Entertainment beherrschte. Dieser postmoderne Werther muss schließlich seine Gefühle, seine Ergriffenheit zulassen. Die Unerreichbarkeit Lottes setzt ihm mehr zu, als sich eingestehen wollte. Ausbrüche aus dem Ghetto seiner Seele gelingen nicht mehr. Goethes Seitenhiebe auf bürgerliche und gräfliche Gesellschaftsrituale kommen hier noch schmaler und kraftloser. Das Finale schmilzt zum Kameramonolog im Dunkel hinter einem dünnen Vorhang. Der Knall beim Schlussbild mit Pistole an den Schläfen bleibt aus und hallt dennoch zeitlos nach. Herzlicher Applaus.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 25.05.2013

Michael Bartsch

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