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Händels "Orlando" als Neuinszenierung an der Sächsischen Staatsoper

Händels "Orlando" als Neuinszenierung an der Sächsischen Staatsoper

Diese Dresdner Sehnsuchtskammer aus gutem Holz, wie sie der Regisseur selbst nennt, könnte von Anna Viebrock sein, ist nur nicht ganz so ranzig. Diesen Raum aber samt Wald, in dem er steht, aber hat Harald Thor entworfen.

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Carolina Ullrich (Angelica), Gala El Hadidi (Medoro), Barbara Senator (Dorinda) und Christa Mayer (Orlando).

Quelle: Matthias Creutziger

Steht er im Zauberwald, in einem Märchenwald? Könnte mal so gewesen sein, jetzt ist der Wald tot. Auch dieses Haus im Wald muss bessere Zeiten gesehen haben, das dürftige Mobiliar will nicht zum edlen Lüster passen. Wo sind wir? Was ist das? Ein Unterschlupf für Fliehende, für Verfolgte, daher die vielen Koffer? Oder spielt Händels Oper "Orlando" von 1733, nach dem Epos "Orlando furioso" von Ludovico Ariosto aus dem Jahre 1516, in der Inszenierung von Andreas Kriegenburg in einem Lazarett des ersten Weltkrieges? Das dürftige Bettgestell, die verschmutzten Militärmäntel der Tänzerinnen und Tänzer zu Beginn legen dies nahe.

Und diese Oper so zu sehen legt auch die Handlung nahe. Kriegsheld Orlando ist müde vom Kampf, sehnt sich nach Liebe, die schöne Prinzessin Angelica in Glitzerrot wäre sein Stern. Das sieht Zoroastro, der Magier und eitler Drahtzieher, immer akkurat gekleidet, anders. Orlandos Sterne haben nach seinem Wollen mit der Liebe nichts zu tun, sie leuchten nur dem Kämpfenden, bis zum letzten Atemzug, dann vielleicht, in anderen Welten kann der Mann ruhen und von der Liebe vielleicht träumen.

So etwas treibt den stärksten Mann in den Wahn, und um ihn herum scheint sich alles zu verwirren. Wer liebt hier wen, wer darf wen lieben, und wer tut nur so, als ob er diesen oder jene liebe. Dorinda, eine Schäferin, schlicht mit warmen Socken und Strickjacke, hat's Medoro, der Prinz aus Afrika, angetan. Der wiederum, ein wenig eng geschnürt mit Anzug, Schlips und Kragen, ist wie Orlando auch der Prinzessin zugetan.

Da helfen nur noch Zauber und Musik. So ist's am Ende auch. Wenn alle in ausreichendem Maß, und ein bisschen darüber auch, besungen haben, was sie fühlen oder gern fühlen würden, ganz im Geheimen oder offensichtlich, wenn der rasende Held um sich nur noch Feinde sieht, den Prinzen aus Afrika und die Prinzessin von China in den Tod stürzt, sich selbst schon im Nachen auf der Fahrt zum Hades sieht, dann kann nur noch ein Zauberer helfen. Und so kommt es auch, und es ist ganz nach dessen Sinn. Der Held Orlando ist für den Ruhm gemacht, Prinz und Prinzessin vorübergehend für die Liebe, und eine Schäferin hat immer zu tun, auch ihr Stündchen wird bestimmt mal kommen.

Händels Musik bringt die Vielzahl widerstreitender Gefühle zum Klingen. An eigentlicher Handlung ist die Oper arm. Einsame Herzen und ihre Monologe, ganz selten fügen sich Stimmen zusammen. Der Klang ist elegisch, eine große Meditation über den ganz alltäglichen Wahn der Einsamkeit.

Dazu passt der vornehmlich satte warme Klang, wie ihn die Mitglieder der Sächsischen Staatskapelle bei ihrer Art, barocke Oper zu spielen, bevorzugen. Man kann es anders machen. Das ist nicht das Problem. Es ist wohl eher die Gemächlichkeit, die der Dirigent Jonathan Darlington für angemessen hält, um seiner Vorstellung von dieser Musik der melancholischen Seelenpein Ausdruck zu verleihen. Vielleicht ein Missverständnis auf hohem Niveau.

Und es erschließt sich schwer, warum eine so geschätzte und in anderen Stilen grandiose Sängerin wie Christa Mayer mit ihrem satten Mezzosopran den Orlando singt und in den Krieg der Koloraturenkämpfe geschickt wird. Ähnlich der Eindruck, den der Bassist Georg Zeppenfeld als Zauberer hinterlässt. Berührend ist Barbara Senator, wie sie der eisigen Einsamkeit ihrer Figur als Schäferin Dorinda Gestalt verleiht. Carolina Ullrich und Gala El Hadidi sind die Prinzessin und der Prinz, sie mit hohem, schlankem Sopran und sie als "Er" mit nicht immer ganz präsentem Mezzosopran. Bei aller Ehre, allem Mut, ausschließlich Künstler des Ensembles einzusetzen, aber die Hosen des Helden und des Prinzen sollten doch lieber Countertenöre tragen.

Im Spiel bleiben alle zurückhaltend, das mag der Regisseur so gewollt haben, auf die Länge des Abends gesehen, überwiegt der Eindruck szenischer Ratlosigkeit. Und so fragt man sich schon am Ende, wie wäre der Abend wohl verlaufen, verfügte die Sächsische Staatsoper Dresden nicht über eine so begabte Komparserie, in diesem Falle ausschließlich Tänzerinnen und Tänzer, die als im Original vorgesehene Geister, Ritter und Hirten zumindest für Bewegung und etwas an szenischer Dynamik sorgen. Die Möglichkeiten dieser Kompanie aber werden durch die allzu schlichten Bebilderungschoreografien von Zenta Haerter verschenkt. Sie lässt Koffer hin und her schleppen, liebliche Geflechte aus Bändern entstehen, als würde hier ein folkloristisches Erntefest gefeiert. Wird vom Wald gesungen, halten die Tänzer grüne Zweige hoch. Gerät der Held in Rage, reißen die Herren ihre Jacken vom Körper, um sie gleich wieder anzuziehen. Das ist alles zu direkt, erschöpft sich schnell, und so wird der gut gemeinte Anspruch in kunstgewerblicher Manier verspielt.

Immerhin, beim Schlussapplaus, recht knapp aber für einen Premierenabend, herzliche Zuneigung des Publikums für das Sängerensemble, die Musiker und den Dirigenten, ein paar Buhs für den Regisseur, Bravi aber für die Tänzerinnen und Tänzer, deren Namen es in diesem Falle verdienen unbedingt genannt zu werden, tragen sie doch in szenischer Hinsicht die Hauptlast des Geschehens: Juliane Bauer, Seraphine Detscher, Anne Sophie Sieber, Nicole Meier, Maria Zimmermann, Yevgeny Bondarenko, Michael Grimm, Björn Helget, Oleksandr Kolinko und Sebastian Schiller. Aufführungen: 3., 5., 17. und 24. 2.; 3. 3.; 14. 5.; 6.6.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 29.01.2013

Boris Michael Gruhl

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