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Gut gebrüllt, Löwenherz! - Uraufführung in der Jungen Szene der Semperoper

Gut gebrüllt, Löwenherz! - Uraufführung in der Jungen Szene der Semperoper

Krankheit und Selbstmord, Verrat, Denunziation und Diktatur - es sind keine leicht verdaulichen Themen, die Astrid Lindgren ihren Lesern mit den 1973 erschienenen "Brüdern Löwenherz" zumutet, und entsprechend führte es auch in die Irre, nivellierte man Helmut Oehrings musikalische Adaption, die ihre Uraufführung in der Jungen Szene der Dresdner Semperoper erlebte, als eine kleine Kinderoper.

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Abenteuerland auf drehbarem Plateau: Christina Bock (Jonathan - Mezzosopran/Sprecherin), Sebastian Wartig (Hubert - Bariton), Christina Schönfeld (Sophia - gehörlose Gebärdensolistin), Wagner Moreira (Taube Bianca - Tänzer), Timothy Oliver (Jossi - Tenor), Sarah Maria Sun (Karl - Sopran/Sprecherin) v.l.

Quelle: Matthias Creutziger

Stefanie Wördemanns Libretto spart nichts von der Wucht der Vorlage aus, die gründlich mit dem Vorurteil aufräumt, Kindheit könne literarisch nur als geschütztes Refugium der Fröhlichkeit gedacht werden.

Im Gegenteil erleben die Protagonisten eine ad infinitum verlängerte Version der Vertreibung aus dem Paradies: Der neunjährige Karl ist todkrank, sein großer, von ihm vergötterter Bruder Jonathan vertröstet ihn mit seiner Version des Jenseits, dem Abenteuerland Nangijala, wo Krankheit und Schmerz keinen Platz haben. Doch noch vor "Krümel" Karl ist es Jonathan, der einen tragischen Tod stirbt. Karl folgt ihm einige Zeit später, und ob die Abenteuer der Brüder in Nangijala real sind, oder ob es sich - in der Tradition von Ambrose Bierces berühmter Geschichte "Ein Vorfall an der Owl-Creek-Brücke" - bei der Abenteuerreise nur um den letzten Fiebertraum eines Sterbenden handelt, das lässt diese vielschichtige Erzählung offen.

Jeder Aspekt der von der Semperoper gemeinsam mit dem Lucerne Festival und dem Badischen Staatstheater Karlsruhe in Auftrag gegebenen, couragierten Produktion verdiente ein gesondertes Lob, über die gesamte Aufführungsdauer von 90 Minuten hinweg beeindruckt jedoch in erster Linie die erstaunliche Erzählökonomie des Librettos wie auch von Walter Sutcliffes Inszenierung, die Zuschauer jeden Alters weder über- noch unterfordert.

Das Gütesiegel Astrid Lindgren sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass die hier vorgelegte Mischung aus Ernüchterung und Eskapismus, die letztlich den Suizid als versöhnliche Lösung in Stellung bringt, bis heute umstritten ist - Nangijala, das Land "hinter den Planeten, hinter der Sonne, hinter dem Mond", ist nicht mit dem anarchisch-fröhlichen Taka-Tuka-Land zu verwechseln, wo die hyperaktive Grinse-Göre Pippi Langstrumpf Piraten übers Knie legt. In dem vom Tyrann Tengil bedrohten Nangijala, das damals wie heute nur eine unerträgliche Gegenwart mit ihren despotischen Regimen bis zur Kenntlichkeit entstellt, erscheinen auch die Widerstandskämpfer als ambivalent. Immer wieder suggerieren die harten Rhythmen in Helmut Oehrings Partitur, in der auch die chorischen Stimmen zunehmend perkussive Gestalt annehmen, dass im Kadergehorsam jeder Gruppierung die Saat zu einem neuen Totalitarismus angelegt ist. Jonathans Bekenntnis zur Zivilcourage - wer kein Gesicht zeigt, ist kein Mensch, "sondern nur ein Häuflein Dreck" - ist sicher kein Bekenntnis zu jenem Humanismus, der im Kinderbuch normalerweise als gesetzt gilt.

Wiewohl dieses mitreißend durchkomponierte Musikdrama (musikalische Leitung: Erik Oña) den klassischen Gesang immer mehr in den Hintergrund treten lässt und die Akteure vor allem darstellerisch gefordert sind, glänzen die jungen Solisten: Christina Bock (Jonathan) und Sarah Maria Sun (Karl) schultern ihre Hosenrollen mit Bravour und stellen die aufopferungsvolle Geschwisterliebe anrührend dar, Timothy Oliver überzeugt in der Rolle des Jossi, dem sogar beim Singen das Stottern kommt, als Summe aller schurkischen Faktoten. Sophia, die Herrin der Tauben, die ihr gefiedertes Heer in den Dienst des Widerstandskampfs stellt, wird mit der gehörlosen Performerin Christina Schönfeld besetzt - kein bloßer Wortwitz auf Lindgrens "Taubenkönigin", sondern auch strukturbildend, da so Gebärdensprache als Medium der Résistance brillant ins Stück integriert wird.

Sonderapplaus verdient sich der nicht nur solistisch am Kontrabass, sondern auch als Erzähler sowie in der Rolle eines Widerstandskämpfers agierende Matthias Bauer, der seinem Instrument den Soundtrack einer ganzen Schlacht entlockt. In der Fabrikation epischer, zugleich der Imagination der Zuschauer überlassener Momente lässt ihn die szenische Gestaltung nicht im Stich: Als Drachenhöhle wie auch als Schauplatz der Schlachten, die die Brüder bestehen müssen, genügt ein von Okarina Peter und Timo Dentler entworfenes drehbares Plateau, auf das Fabio Antoci und Marco Dietzel erstaunliche Lichteffekte bannen.

Jeder Generation sei dieses kurzweilige wie mitreißende Fest für die Sinne unbedingt ans Herz gelegt, zumal der Stoff trotz einer Kinoadaption von 1977 nie die Popularität anderer Lindgren-Werke erreicht hat. Selbst der begnadete Filmregisseur Tomas Alfredson, der mit "So finster die Nacht" demonstriert hat, wie brisant ein vermeintlicher Kinderfilm geraten kann, hat gerade Probleme, das Budget für einen großen "Brüder Löwenherz"-Film zusammenzubekommen. Solange ihm das nötige Geld fehlt, kann er die Dresdner Inszenierung besuchen - er dürfte vor Neid erblassen.

Nächste Vorstellungen: heute (ausverkauft), 17., 18., 20., 22. und 23. März

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 16.03.2015

Wieland Schwanebeck

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