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Regional Gusel Jachina stellte in Dresden ihren Roman „Suleika öffnet die Augen“ vor
Nachrichten Kultur Regional Gusel Jachina stellte in Dresden ihren Roman „Suleika öffnet die Augen“ vor
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06:00 01.02.2018
Gusel Jachina Quelle: Basso Cannarsa_elkost.com
Dresden

Gusel Jachinas Auftritt in der Zentralbibliothek im Dresdner Kulturpalast fiel auf ein historisches Datum. Am 30. Januar 1930 hatte das Politbüro der Kommunistischen Partei von Moskau aus die lokalen Parteikomitees angewiesen, die von Stalin geforderte „Liquidierung des Kulakentums als Klasse“ umzusetzen. Widerständler unter den vermeintlichen Großbauern seien in Konzentrationslager zu sperren oder zu erschießen, alle übrigen nach Sibirien oder Zentralasien zu deportieren. Davon erzählt uns die 1977 in Kasan geborene russische Autorin tatarischer Abstammung in ihrem von Helmut Ettinger erstklassig übersetzten Debüt-Roman „Suleika öffnet die Augen“.

Als Leser ist man verblüfft, wie glaubhaft genau diese Nachgeborene Erlebnisse zu schildern versteht, die nicht ihre eigenen sind. Etwa dreieinhalb Millionen Menschen waren damals deportiert worden, rund fünf Prozent aller Bauern. An die 2000 Arbeitskolonien entstanden, in denen bald schon sechs Millionen Menschen lebten. „Eine davon war meine Großmutter“, berichtet die schlanke Frau mit sehr kurzen dunklen Haaren und großer Brille in makellosem Deutsch.

Deren Erzählungen haben Gusel Jachina inspiriert. Dazu hat sie Erinnerungen Betroffener in Büchern und im Internet gelesen, Studien von Historikern, hat sich Filme aus den Dreißiger Jahren über die Kollektivierung angesehen. Das Faszinierende jedoch ist, wie sie all dieses Faktenwissen so verwandelt hat, dass es in ihrem Erzählen zu leben beginnt. Schon diese gelungene Verschmelzung von Realem und Fiktion weist sie als ungewöhnliches Talent aus.

Ihr Roman, 2015 auf Russisch erschienen, fand sofort begeisterte Leser, bekam mehrere Preise, wurde in 29 Sprachen übersetzt, wie Bibliothekslektorin Danuta Springmann darlegte, die bestens vorbereitete Moderatorin.

„Ich wollte nicht nur einen historischen Roman über die Entkulakisierung schreiben, sondern auch über ewige menschliche Themen wie die Beziehung zwischen einer Frau und einem Mann“, betont Gusel Jachina.

Sie schildert die Wandlung einer Frau unter unmenschlichen Umständen. Zu Beginn, 1930, treffen wir diese 30-jährige Suleika Walijewa, eine zarte, grünäugige Person, geduckt und verhuscht, in dem Tatarendorf Julbasch mit seinen etwa hundert Höfen. Sehen, wie sie sich ihrem 30 Jahre älteren Mann Murtasa fügt, die traditionellen, patriarchal-islamisch geprägten Gesetze strikter Unterordnung verinnerlicht hat.

Vier Mädchen hat sie geboren, alle sind gestorben. Als nutzloses Ding, „nasses Huhn“ verdammt sie ihre Schwiegermutter, eine wohl hundertjährige blinde und taube Alte, Upyricha genannt. Eine großartige Figur, zwischen Realismus und Märchenhaftem schillernd, die Suleika durch die gesamte Geschichte als ewige Hexe begleitet. Wie Suleika sich ihrer niederdrückenden Allgegenwart am Ende entzieht, paradoxerweise durch Umarmung, gehört zu den Höhepunkten dieses an großen Momenten überreichen Buches.

G Quelle: Aufbau Verlag

Wie wenig sich das wirkliche Leben an unsere Klischeevorstellungen hält, ist eine der wichtigen Leseerfahrungen, mit denen uns dieser Roman beschenkt. Der Rotarmist Iwan Ignatow, ein Mann mit zartem Gesicht, der sich nach Liebe sehnt und doch Härte demonstriert, erschießt Murtasa, Suleikas Mann, und deportiert sie als Kommandant nach Ostsibirien.

Ausgerechnet mit diesem Mörder ihres Gatten entwickelt sich eine konfliktreiche Liebesgeschichte. Ist er Täter? Retter? Oder, als Bewacher an die Verbannten gebunden, auch Opfer?

Am Ende, nach monatelanger Reise mit unvorstellbaren Strapazen, nach der Geburt des noch von ihrem Ehemann gezeugten Sohnes Jusuf unter freiem Himmel, wird Suleika zu einer starken Frau, die Zwänge der Tradition abschüttelt – ohne ihren Schuldgefühlen ganz zu entkommen – und als passionierte Jägerin über sich hinauswächst.

Die Passagen, die Schauspielerin und Hörspielsprecherin Jennipher (Jenny) Antoni, Tochter der berühmten Carmen-Maja Antoni, eindringlich vortrug, führten uns beeindruckende Erzählkunst vor. Da vernimmt man das Stimmengewirr in einer überfüllten Kasaner Gefängniszelle, der Geruch verschlägt einem den Atem. Beim Untergang des Schiffes auf der Angara ringt man mit der fast Ertrinkenden um Luft. Von den winzigsten Mücken, die die Deportierten peinigen, bis zu den ganz großen Gefühlen ist alles Denkbare und Undenkbare drin in diesem Buch.

Dramatik und sinnliche Detailfülle ziehen uns tief hinein in diese erschütternde Geschichte. Zuerst hatte Gusel Jachina sie als Szenarium verfasst. Sie versteht es, filmisch eindrücklich zu schildern. Personen voll Blut und Leben treten vor unserem inneren Auge auf, eine ganze Reihe großer Themen erschließt sich uns: Tod und Leben, eine Frau in der menschenleeren Natur auf einer winzigen Insel in der Taiga, die Tiere tötet, doch Teil ist „dieser großen, starken Welt, als ein Tropfen in diesem grünen Meer“. Bewegende Literatur, dargeboten in einer Maßstäbe setzenden Lesung.

Von Tomas Gärtner

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