Volltextsuche über das Angebot:

6 ° / 4 ° Schneeregen

Navigation:
Google+
Guido Hackhausen untersucht in seiner Promotion Opern-Inszenierungen in der DDR.

Guido Hackhausen untersucht in seiner Promotion Opern-Inszenierungen in der DDR.

Guido Hackhausen ist Opernsänger und Musikwissenschaftler. Nach sechs Jahren im Ensemble an den Landesbühnen Sachsen wechselte der gebürtige Wuppertaler 2013 als Musikdramaturg ans Theater Hof.

Voriger Artikel
Volkskunstmuseum zeigt besondere Puppenspiel-Figuren
Nächster Artikel
Konzert für Toleranz in Dresden geplant

Guido Hackhausen ist Sänger und Musikwissenschaftler. Für seine Promotion beschäftigt er sich mit Opernuraufführungen in der DDR.

Quelle: Amac Garbe

Zu Beginn 2014 führte ihn ein Angebot an das Staatstheater Wiesbaden, wo er nun interimsweise für künstlerische Produktionsleitung und Casting der Oper verantwortlich ist. Im Sommer 2015 wird er künstlerischer Betriebsdirektor am Stadttheater Gießen. Nebenbei schreibt der 43-Jährige seine Promotionsarbeit. Dafür untersucht er unter anderem die Opern, die in den 70er und 80er Jahren in der DDR geschrieben und uraufgeführt wurden, etliche davon an den Landesbühnen Sachsen. Mit den DNN sprach er über seine Arbeit, Regiearbeit heute und damals und den politischen Auftrag von Oper und Theater.

Frage: Mit dem Wechsel als Musikdramaturg an das Theater Hof sind Sie vor zwei Jahren eine entscheidende berufliche Veränderung eingegangen. Wie hat sich diese Veränderung nach der langen Zeit als Sänger, u.a. an den Landesbühnen Sachsen, angefühlt?

Guido Hackhausen: Mit dem Engagement in Hof begann für mich ein neuer beruflicher Lebensabschnitt. Ich habe diesen Schritt jedoch nie bereut. Es war eine sehr spannende Arbeit in Hof, zusammen mit einem jungen, ambitionierten Team. Das Angebot aus Hof kam im Herbst 2013 sehr plötzlich, und ich bin meinem damaligen Intendanten Manuel Schöbel von den Landesbühnen sehr dankbar, dass er mich so kurzfristig hat gehen lassen. Die Angebote von Wiesbaden und von Gießen, wo ich ab der nächsten Spielzeit auch die Verantwortung für die Opernsparte mittrage, zeigen mir, dass die Entscheidung damals richtig war. Ich stehe aber auch trotzdem noch ab und zu als Gastsänger auf der Bühne der Landesbühnen Sachsen und werde diesen Sommer ein letztes Mal den Max im "Freischütz" auf der Felsenbühne Rathen singen - das war immer eines der schönsten Erlebnisse meiner Sängerlaufbahn.

Schreiben Sie dennoch weiterhin an Ihrer Promotion über die Opern, die in den 70er und 80er Jahren der DDR vorwiegend an den Landesbühnen uraufgeführt wurden?

Ja, wenn ich Zeit dafür finde. Ich bin damals auf dieses Thema gekommen, weil ich das Gefühl hatte, dass mich der Gesang allein geistig nicht ganz ausfüllen kann. Ich komme zwar aus Wuppertal und kannte die DDR nur als Tourist, aber ich habe in den 90er Jahren ja in Ostberlin an der Hochschule für Musik "Hanns Eisler" studiert. Das hat mich sehr geprägt. Dort gab es Kapazitäten, denen konnten vielen "Wessis" nicht das Wasser reichen - Professor Gerd Rienäcker beispielsweise, dessen Lehrveranstaltungen ich geradezu begeistert besuchte. In dieser spannenden Zeit des Umbruchs, auch der Polarisierung durch Lehrmeinungen unterschiedlicher gesellschaftlicher Systeme, formte sich mein Verständnis von Theater, vor allem von Musiktheater.

Was unterschied da den Osten vom Westen?

Ich denke, dass viele Regie-Stile und Richtungen auf der Opernbühne bis heute ihren Ursprung im Osten haben. Einen ganz wesentlichen Grundstein hat natürlich Walter Felsenstein mit seinem Konzept vom Realistischen Musiktheater gelegt. Als ich nach dem Studium an das Theater Freiberg kam, merkte ich, dass die Regisseure in der Provinz davon noch immer vieles verinnerlicht hatten. Insgesamt wurde in der DDR-Regie aber auch viel mehr Wert auf eine fundierte Werkkenntnis gelegt: Inszenierung war Exegese von Wort und Musik. Vielleicht ist es kein Zufall, dass diese gewissermaßen "lutherische" Herangehensweise an Theater im Kernland des Protestantismus gepflegt wurde. Ich persönlich glaube, dass Werkkenntnis und das Begreifen der historisch-gesellschaftlichen Hintergründe für eine aussagekräftige Inszenierung unabdingbar sind.

Meinen Sie, diese Werkkenntnis gibt es bei den Regisseuren heute nicht mehr?

Doch, nur heute gibt man individuellen Assoziationen einen sehr großen Raum in den Inszenierungen. Das kann auch interessant sein, funktioniert aber nicht immer. Bisweilen erzeugt es eine große Beliebigkeit. Felsenstein und seine Schüler kannten die Werke und haben aus dieser Kenntnis heraus eine neue Lesart entwickelt. Sie sensibilisierten mit ihren Arbeiten das Publikum überhaupt erst für das Thema Inszenierung. Jedes Werk ist ja ein Dokument seiner Zeit, jede Kunst hat ihre Zeit. Bei der Aufführung eines Klassikers braucht es daher eine Übersetzung ins Heute, das muss man aber handwerklich beherrschen, und dazu muss man das Werk gut kennen.

Werkkenntnis heißt also für Sie nicht unbedingt Werktreue?

Auf keinen Fall! Werktreue kann es aus meiner Sicht gar nicht geben. Wer auf Werktreue pocht, dem möchte ich eine Mozartoper mal nach historischem Vorbild vorführen. Das Publikum damals hatte ganz andere Hör- und Sehgewohnheiten und Erfahrungen als das heutige, die Instrumente waren ebenso anders wie Stimmen und Gesangstechnik; die Darstellung bestand vorwiegend aus formalen Gesten. Stellen Sie sich vor, was in einer Welt ohne Massenmedien und Lärm des industriellen Zeitalters laut und grell war und was heute. Werktreue könnte man in einer Museumsinszenierung vielleicht versuchen zu simulieren, aber das ist nicht Sinn und Zweck der Kunst. Theater soll für unser Leben im Hier und Jetzt etwas zu sagen haben!

Das betrifft aber nur die klassischen Repertoirestücke. Was ist mit zeitgenössischen Opern?

Zeitgenössische Opern der letzten 40-50 Jahre halten sich heute kaum noch länger als eine Spielzeit auf dem Spielplan, sie sind dem breiten Publikum wahrscheinlich einfach musikalisch auch zu kompliziert geworden. Die lebendige Oper ist aus kompositorischer Sicht irgendwo in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts verloren gegangen. Pointiert gesagt, ist die Inszenierung damit heute der einzige Quell für Lebendigkeit und Kontroverse im Musiktheater. Wann gab es in Folge einer Uraufführung im Musiktheater denn zum letzten Mal einen richtigen Ereiferungsskandal?

Und wie ist das mit den von Ihnen untersuchten DDR-Opern, könnten die sich heute noch in den Spielplänen behaupten?

Ich denke, man könnte einige davon heute wiederbeleben. Sie würden natürlich keine "Zauberflöte" ersetzen, aber dass diese Werke ganz in Vergessenheit gerieten, ist wohl auch einer Arroganz des Westens geschuldet, der grundsätzlich erst einmal alles ablehnte, was aus der DDR kam. Die DDR-Opern sind dem Laien verständlich, der "sozialistische Realismus" verlangte ja Rezipierbarkeit. Natürlich findet man auch viele Machwerke, wenn man sich mit diesen Stücken beschäftigt - aber Komponisten wie Udo Zimmermann, der mit seiner "Weißen Rose" eines der wenigen zeitgenössischen Werke geschaffen hat, das zumindest im deutschen Sprachraum Einzug ins Kernrepertoire des Musiktheaters gefunden hat, oder auch Siegfried Matthus wurden schon vor der Wende immer auch im Westen gespielt.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 05.05.2015

Nicole Czerwinka

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Regional

Entwirren Sie mit schnellem Auge und flinkem Geist den Buchstabensalat des Rätselspiels! Hier kostenlos im Spieleportal von DNN.de spielen! mehr